Der Nahe Osten hält die Finanzmärkte weiterhin in Atem. Während Hoffnungen auf einen Waffenstillstand zwischen den USA und Iran kurzzeitig für Erleichterung sorgten, kämpfen Asiens Währungen gegen den Absturz, ziehen Notenbanken die Zinsschraube an – und Anleger weltweit versuchen, aus dem Chaos ein Muster zu lesen.
Asiens Währungen unter Beschuss
Das Epizentrum der Verwerfungen liegt in Südostasien. Indien, Indonesien und die Philippinen trifft der Energieschock besonders hart: alle drei sind Ölimporteure, alle drei verlieren Kapital an sicherere Häfen. Die indische Rupie nähert sich der Marke von 97 pro Dollar, die indonesische Rupiah notiert bei 17.700 – beides Rekordtiefs. Der philippinische Peso kämpft bei knapp 62 zum Dollar.
Die Reaktionen der Regierungen sind ungewöhnlich. Premierminister Modi soll seinen Fahrzeugkonvoi verkleinert haben, um Treibstoff zu sparen. Indiens Zentralbank stemmt sich Bankern zufolge mit rund einer Milliarde Dollar täglich gegen den Verfall der Rupie – und das bei Terminmarktverbindlichkeiten, die inzwischen 100 Milliarden Dollar übersteigen. „Die optische Wirkung der Reserven wird zum Marktfaktor“, warnte Vivek Rajpal von JB Drax Honore. „Der Spielraum, aggressiv gegenzusteuern, wird zunehmend enger.“
Indonesien griff am Mittwoch zu einer Überraschungsmaßnahme: 50 Basispunkte Zinserhöhung, kombiniert mit staatlicher Kontrolle über Rohstoffexporterlöse, um Devisen im Land zu halten. Die Märkte reagierten skeptisch. Die Rupiah verlor bereits einen Tag später wieder an Boden, die Aktienkurse fielen – und S&P Global warnte, der Eingriff könnte Exporte bremsen, Steuereinnahmen schmälern und die Zahlungsbilanz weiter belasten. „Das sieht aus wie ein staatsinterventionistischer Ansatz“, sagte Charlie Robertson von FIM Partners. „Deutet das darauf hin, dass diese Regierung besser weiß als der Markt? Was in den letzten sechs Monaten passiert ist, legt nahe: Nein.“
Notenbanken auf Kurs Richtung Straffung
Die Zinserhöhungen in Asien sind kein Einzelphänomen. Sie spiegeln einen globalen Schwenk in der Geldpolitik wider – ausgelöst durch einen Energiepreisschock, den kaum jemand in dieser Intensität erwartet hatte.
In Japan mahnt Notenbankrätin Junko Koeda zur Eile. Die Basisinflation könnte die Zwei-Prozent-Zielmarke der Bank of Japan dauerhaft übersteigen, warnte sie in einer Rede in Fukuoka. Die BOJ halte den Leitzins trotz vier Jahren anhaltend überschrittener Inflationsziele noch immer bei 0,75 Prozent. Das müsse sich ändern. „Die Rolle, die die Geldpolitik bei der Inflationsbekämpfung spielen muss, ist im Vergleich zur Vergangenheit gewachsen“, sagte Koeda. Die Märkte preisen inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von rund 80 Prozent für eine Zinserhöhung auf der BOJ-Sitzung am 15. und 16. Juni ein. Japans Exporte legten im April mit 14,8 Prozent zum Vorjahr deutlich zu – ein Indiz, dass die Wirtschaft trotz Ölschock robust bleibt und der Notenbank Spielraum gibt.
Die Europäische Zentralbank steuert ebenfalls auf eine Zinserhöhung zu. EZB-Ratsmitglied Olli Rehn sagte, die Eurozone bewege sich auf das „ungünstige Szenario“ der EZB zu – langsameres Wachstum bei höherer Inflation. Eine Erhöhung im Juni sei nötig, „um die Glaubwürdigkeit zu wahren“. Rehn dämpfte jedoch übertriebene Alarmstimmung: Langfristige Inflationserwartungen seien noch verankert, Lohnwachstum moderiere sich. Die kritische Frage bleibe, ob Zweitrundeneffekte einsetzen. Bislang, so Rehn, sehe man nur „leichte Schwingungen“ bei kurzfristigen Erwartungen.
Märkte zwischen Euphorie und Skepsis
Während Notenbanken zögern und eingreifen, haben Marktteilnehmer längst eigene Spielregeln entwickelt. Begriffe wie „TACO“ – „Trump always chickens out“ – oder „FAFO“ – „f*** around, find out“ – sind aus dem Jargon der Handelsdesks nicht mehr wegzudenken. Die Logik dahinter: Trump eskaliert, die Märkte geraten unter Druck, und der Präsident rudert zurück, sobald der Schmerz groß genug wird.
Dieses Muster funktionierte am Mittwoch wieder: Trumps Aussage, die USA seien in den „letzten Zügen“ einer möglichen Einigung mit Iran, ließ den S&P 500 um 1,1 Prozent steigen. Ölpreise gaben nach. Asiatische Aktien folgten – der MSCI Asia-Pacific ohne Japan legte 2,6 Prozent zu. Drei Supertanker passierten die Straße von Hormus, was die Hoffnung auf Entspannung nährte. Doch schon Stunden später schränkte Trump wieder ein: Man könnte auch „einige unangenehme Maßnahmen“ ergreifen, falls kein Deal zustande komme.
„Die Überzeugung ist diesmal geringer“, kommentierte Francesco Pesole von ING. „Die Rhetorik beider Seiten bleibt konfrontativ, und die Märkte sind zögerlicher geworden, optimistischen Schlagzeilen zu folgen, nachdem frühere Hoffnungen enttäuscht wurden.“
Nvidia und SpaceX setzen Glanzpunkte
Inmitten geopolitischer Unsicherheit gaben zwei Tech-Ereignisse den Märkten zusätzlichen Antrieb. Nvidia meldete für das April-Quartal einen Umsatz von 81,6 Milliarden Dollar – ein Anstieg von 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Nettogewinn von 58,3 Milliarden Dollar übertraf die Erwartungen mehr als deutlich. CEO Jensen Huang sprach vom „Zeitalter der agentischen KI“, in dem Nachfrage nach Chips „parabolisch“ steige. Der südkoreanische Chipsektor reagierte euphorisch: Samsung Electronics stieg nach Abwendung eines Streiks um mehr als sechs Prozent, SK Hynix sogar um über elf Prozent.
Trotzdem blieb Nvidias eigene Aktie im nachbörslichen Handel unter Druck – minus 1,3 Prozent. China-Geschäft fehlt im Ausblick, und Guidance war nur leicht besser als erwartet. Bei einem Unternehmen mit derart hohen Erwartungen reicht „gut“ eben oft nicht.
Parallel dazu sorgte SpaceX für Schlagzeilen: Elon Musks Raumfahrtkonzern reichte Unterlagen für einen Börsengang ein, der mit einem angestrebten Volumen von mindestens 80 Milliarden Dollar selbst den Rekord-IPO von Saudi Aramco übertreffen würde.
Was bleibt offen
Öl bei über 100 Dollar, Währungen auf Rekordtiefs, Notenbanken in aller Welt auf Straffungskurs – und ein US-Präsident, der täglich zwischen Drohung und Kompromiss wechselt. Die Frage, ob der Iran-Konflikt bald endet oder sich weiter zieht, bleibt unbeantwortet. Sollte die Straße von Hormus geschlossen bleiben, dürfte der Druck auf Asiens Volkswirtschaften weiter steigen – und mit ihm die Versuchung zu weiteren, möglicherweise kostspieligen Eingriffen.


