Selten hat eine Raumfahrtmesse so viele Weichen gestellt. OHB SE hat die ILA Berlin mit sieben neuen Partnerschaften, einem eingetragenen Joint Venture und einem Asteroiden-Vertrag verlassen — und trotzdem notiert die Aktie rund 40 Prozent unter ihrem Allzeithoch.
KIRK: Sieben Partner für Europas Aufklärung
Am 12. Juni unterzeichnete das Gemeinschaftsunternehmen KIRK sieben Absichtserklärungen mit Raumfahrt-Start-ups und Mittelständlern. KIRK steht für „Künstliche Intelligenz und Raumfahrt-Kompetenz“ — ein Joint Venture von OHB und Helsing, erweitert um Kongsberg Defence & Aerospace und HENSOLDT. OHB liefert Raumfahrtsysteme und Nutzlasten, Helsing die KI mit Echtzeit-Datenverarbeitung.
Das System zielt auf das Bundeswehr-Projekt „SPOCK 2″ ab. Es soll Truppen und Fahrzeuge kontinuierlich aus dem All verfolgen. Die neuen Partner bringen ihre Technologien frühzeitig in dieses Vorhaben ein.
SATCOMBw: Milliardenprojekt bekommt Struktur
Parallel dazu wurde am 11. Juni die „OHB Rheinmetall Space Networks GmbH“ ins Handelsregister Bremen eingetragen. Das Joint Venture trägt die Gesamtverantwortung für SATCOMBw Stufe 4 — eine geschützte Kommunikationsarchitektur für die Bundeswehr, die Satelliten, Soldaten, Fahrzeuge und Drohnen vernetzt.
Das Programm gilt als größtes Weltraumprojekt in der Geschichte der Bundesrepublik. Das Weltraumkommando nennt einen Kostenrahmen von 8 bis 10 Milliarden Euro. OHB-Manager Dennis Winkelmann und Rheinmetall-Vertreter Alexander Beyer führen das Unternehmen paritätisch.
Apophis, neuer COO und ein riskanter Raketenstart
OHB Italia sicherte sich auf der ILA den Vertrag für die HAMLET-Kamera der ESA-JAXA-Mission RAMSES. Das Instrument analysiert den Asteroiden Apophis, wenn er im April 2029 auf knapp 32.000 Kilometer an die Erde heranrauscht. OHB Italia ist Hauptauftragnehmer der Mission.
Operativ stellt OHB ebenfalls die Weichen für Juli. Dr. Luis Alejandro Orellano übernimmt zum 1. Juli den Posten des Chief Operating Officers. Zeitgleich beantragte Raketentochter Rocket Factory Augsburg ein Startfenster für den Erstflug der Trägerrakete RFA ONE — mit sieben Satelliten an Bord. OHB gibt die Erwartungen nüchtern vor: Historisch scheitern mehr als 70 Prozent aller Erstflüge neuer Startsysteme.
Rekordauftragsbestand, aber Kurs unter Druck
Die operative Basis ist stark. Im ersten Quartal 2026 wuchs die Gesamtleistung um 15 Prozent auf 279,3 Millionen Euro. Das bereinigte EBITDA legte um 37 Prozent auf 27,3 Millionen Euro zu. Der Auftragsbestand erreichte zum 31. März ein Rekordhoch von 3,35 Milliarden Euro — 45 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Für 2027 plant OHB eine Gesamtleistung von 1,7 Milliarden Euro, für 2028 mehr als 2,0 Milliarden Euro. Die angestrebte EBITDA-Marge liegt bei 11 Prozent.
Dennoch notiert die Aktie bei 409,00 Euro — rund 40 Prozent unterhalb des 52-Wochen-Hochs von 688,00 Euro. Der Hauptgrund: Finanzinvestor KKR wollte am 12. Juni einen Aktienpaket verkaufen, verschob die Transaktion aber. Nur sechs Prozent der Aktien befinden sich im Streubesitz. Das macht den Kurs anfällig für extreme Schwankungen — trotz einer Jahresperformance von über 236 Prozent.
Der RFA-ONE-Erstflug am 1. Juli wird zeigen, ob OHB auch im New-Space-Segment liefern kann. Ein Fehlschlag wäre statistisch wahrscheinlicher als ein Erfolg — würde aber die fundamentale Auftragsgeschichte kaum berühren.
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