Ein möglicher Börsengang, der auf 2027 verschoben wird. Ein Chip-Durchbruch, der die Physik der Halbleiterfertigung neu definiert. Und eine EU-Behörde, die Amazons Cloud-Geschäft ins Visier nimmt. Der KI-Sektor lieferte zum Wochenausklang ein Panorama aus Euphorie und Ernüchterung — mit drastischen Kursausschlägen bei SoftBank und Infineon.
SoftBank: 65-Milliarden-Dollar-Wette gerät ins Wanken
Der heftigste Kurseinbruch des Tages traf SoftBank. Die Aktie brach um über 6 % ein und notiert bei 34,24 €, nachdem sie in Tokio bereits zweistellig verloren hatte. Allein in den vergangenen sieben Tagen summiert sich das Minus auf rund 13 %.
Auslöser war die Nachricht, dass OpenAI seinen Börsengang möglicherweise auf 2027 verschiebt. Das Unternehmen hatte ursprünglich eine Notierung im dritten oder vierten Quartal 2026 angepeilt — mit einer Bewertung von bis zu einer Billion Dollar. Berater sollen inzwischen davor gewarnt haben, dass volatile Märkte und Zweifel an der Ertragskraft von KI-Unternehmen die Nachfrage der Investoren dämpfen könnten.
Für SoftBank ist das keine Randnotiz. Die Beteiligung an OpenAI beläuft sich auf rund 65 Milliarden Dollar und dominiert das Portfolio. S&P Global Ratings hatte den Kreditausblick bereits im März auf negativ gesenkt — wegen des Konzentrationsrisikos. Ein geplanter Margin-Kredit über mindestens sechs Milliarden Dollar, besichert mit OpenAI-Anteilen, steckt in der Verhandlungssackgasse.
Gründer Masayoshi Son verteidigte auf der Jahreshauptversammlung seinen Kurs. KI stehe noch am Anfang, Blasen-Gerede unterschätze das Potenzial. Die Verschiebung des IPO bedeute keinen Wertverlust — sondern einen späteren Zeitpunkt der Monetarisierung. Ein feiner, aber entscheidender Unterschied.
IBM: Die Ära unterhalb eines Nanometers
Inmitten des breiten Ausverkaufs setzte IBM einen bemerkenswerten Kontrapunkt. Der Konzern präsentierte eine validierte Chip-Architektur bei 0,7 Nanometern — also sieben Ã…ngström. Die sogenannte „Nanostack“-Technologie stapelt Transistoren dreidimensional übereinander, statt sie wie bisher nur in der Fläche zu verkleinern.
Die Leistungsdaten sind auf dem Papier beeindruckend:
- Rechenleistung: Ein KI-Beschleuniger auf Nanostack-Basis könnte rund 7.000 TOPS erreichen — gegenüber etwa 1.500 TOPS heutiger Chips
- Trainingszeit: Frontier-Modelle, die derzeit rund drei Monate Training benötigen, könnten in etwa zwei Wochen fertig sein
- Energieeffizienz: Bis zu 70 % sparsamer als IBMs 2-Nanometer-Technologie
- SRAM-Skalierung: 40 % Verbesserung — der größte Sprung seit über einem Jahrzehnt
Ein wichtiges Aber bleibt: IBM fertigt selbst keine Chips mehr. Die Serienproduktion liegt schätzungsweise fünf Jahre entfernt, und welche Foundry den Prozess übernimmt, ist offen. Die Nanosheet-Architektur, auf der Nanostack aufbaut, nutzen bereits Samsung, Intel und TSMC. Das erleichtert potenziell die Adaption.
Die IBM-Aktie schloss den Handelstag mit einem Plus von 3,63 % bei 235,40 €. Innerhalb einer Woche legte sie rund 8,5 % zu — eine Gegenbewegung zum breiten Sektor-Trend.
Infineon: Rekordjahr trifft auf Gewinnmitnahmen
Infineon erlebte einen schmerzhaften Freitag. Die Aktie fiel um 5,20 % auf 77,92 € und entfernte sich damit deutlich vom Allzeithoch bei 89,67 €, das erst Anfang Juni markiert worden war. Im Wochenverlauf beträgt das Minus knapp 5 %.
Die Perspektive relativiert den Rücksetzer erheblich. Seit Jahresbeginn steht ein Plus von über 100 %. KI- und Automobilnachfrage treiben das Geschäft. Im zweiten Quartal wuchs der Umsatz um 6 % gegenüber dem Vorjahr, die Jahresprognose wurde auf über 16 Milliarden Euro Umsatz bei einer Marge von rund 20 % angehoben.
Analysten haben ihre Kursziele in Serie erhöht. Morgan Stanley sieht die Aktie bei 91 €, Deutsche Bank bei 90 €, JPMorgan bei 74 € — jeweils mit Kaufempfehlung. Die Aktie hat die meisten dieser Ziele bereits überholt, was zeigt, wie schnell die KI-getriebene Neubewertung des Halbleitersektors die Konsensmodelle hinter sich lässt.
Der Freitags-Abverkauf wirkt vor diesem Hintergrund eher wie eine Konsolidierung nach einer parabolischen Rally als wie ein Trendwechsel.
Amazon: Zwischen Robotaxi-Ambitionen und EU-Regulierung
Amazon kämpft an zwei Fronten gleichzeitig. Die Tochter Zoox stellte am Dienstag eine überarbeitete, seriennahe Version ihres Robotaxis vor — mit besseren Bildschirmen, komfortableren Sitzen und einer Produktionskapazität von bis zu 100 Fahrzeugen pro Woche am Standort Hayward.
Der kommerzielle Start hängt allerdings an der US-Verkehrsbehörde NHTSA, die noch über die Genehmigung für bis zu 2.500 autonome Fahrzeuge entscheidet. Gegenüber Alphabets Waymo hat Zoox erheblichen Rückstand — trotz der 1,3-Milliarden-Dollar-Übernahme im Jahr 2020.
Einen Tag später folgte die zweite Front: Die EU-Kommission teilte Amazon mit, dass AWS vorläufig als Gatekeeper unter dem Digital Markets Act eingestuft werden soll. Gemeinsam mit Microsofts Azure kontrolliert AWS über 55 % des europäischen Cloud-Marktes. Bei Verstößen gegen die DMA-Auflagen drohen Strafen von bis zu 10 % des weltweiten Jahresumsatzes. Die Kommission verknüpfte KI-Tools und Cloud-Partnerschaften explizit mit der Marktmacht-Analyse — ein Signal, dass KI-Infrastruktur künftig regulatorisch anders behandelt werden könnte.
Amazon wies die Einschätzung zurück und argumentierte, der Data Act reguliere den Cloud-Bereich bereits ausreichend. Die Aktie notiert bei 202,70 € und liegt damit rund 8 % unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt. Seit dem Jahreshoch im Mai hat der Kurs knapp 15 % verloren.
ASML: Exportkontrolle gegen Milliarden-Rückkauf
ASMLs Position als einziger Hersteller von EUV-Lithographiesystemen bleibt unangetastet — die geopolitische Unsicherheit rund um China-Exporte aber ebenfalls. Das US-Handelsministerium soll ASML-Führungskräfte auf mögliche Lecks bei EUV-Ausrüstung in Richtung China angesprochen haben. ASML wies die Vorwürfe zurück.
Schwerer wiegt die gesetzgeberische Ebene: Der parteiübergreifende MATCH Act will ASML den Export und die Wartung bestimmter Lithographiesysteme in China untersagen. Für 2026 hatte ASML den China-Anteil ohnehin bereits auf rund 20 % des Umsatzes prognostiziert, nach 33 % im Vorjahr.
Gegengewicht bietet das milliardenschwere Aktienrückkaufprogramm. Allein im ersten Quartal kaufte ASML eigene Aktien im Wert von rund 1,1 Milliarden Euro zurück — Teil eines auf zwölf Milliarden Euro angelegten Programms bis 2028. Die Fundamentaldaten stützen den Kurs: Im ersten Quartal erzielte ASML einen Umsatz von knapp 8,8 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 2,8 Milliarden Euro. Die Jahresprognose liegt bei 36 bis 40 Milliarden Euro Umsatz.
Bank of America erhöhte das Kursziel auf 2.345 Dollar, Wells Fargo auf 2.200 Dollar. Die Aktie gab am Freitag 2,23 % auf 1.574,80 € nach, notiert aber seit Jahresbeginn knapp 60 % im Plus.
Strukturelle Bruchlinien im KI-Sektor
Der Freitag legte offen, wie unterschiedlich sich das KI-Thema je nach Position in der Wertschöpfungskette auswirkt:
- Forschungsfrontier (IBM): Kein unmittelbarer Umsatzeffekt, aber potenziell transformativ für die gesamte Halbleiter-Roadmap
- Hardware-Zyklus (Infineon): Echte Nachfrage, echte Umsätze — aber Bewertungen, die wenig Raum für Enttäuschungen lassen
- Infrastruktur und Plattform (Amazon, ASML): Wachsende regulatorische Eingriffe auf beiden Seiten des Atlantiks
- Pure-Play-Wette (SoftBank): Maximale Hebelwirkung auf ein einziges Narrativ — in beide Richtungen
KI-Aktien zwischen Durchbruch und Bewährungsprobe
Die nächsten Wochen bringen handfeste Datenpunkte. IBMs Quartalszahlen am 22. Juli werden zeigen, ob die KI- und Software-Nachfrage die aktuelle Bewertung rechtfertigt. ASMLs Q2-Bericht im Juli liefert die erste harte Messlatte für das tatsächliche China-Risiko. Für Amazon laufen zwei regulatorische Uhren — NHTSA für Zoox und die EU-Kommission für AWS, deren DMA-Auflagen sechs Monate nach Bestätigung greifen würden.
Die entscheidende Variable für den gesamten Sektor bleibt die OpenAI-IPO-Frage. Solange die Unsicherheit anhält, wird SoftBanks Kurs an jeder Schlagzeile hängen. Und mit ihm ein guter Teil der Marktstimmung rund um KI-Bewertungen insgesamt.
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