Wie viel Schulden kann ein Konzern auf eine Zukunft aufnehmen, die noch nicht eingetreten ist? Oracle liefert gerade die Antwort — und der Markt gefällt sie nicht. Die Aktie notiert bei 108,68 Euro, nur 0,44 Prozent über ihrem 52-Wochen-Tief von 108,20 Euro. Dieses Tief wurde erst einen Tag zuvor erreicht.

Der Absturz macht Oracle zum Lehrstück in Echtzeit. Es geht um eine einfache Frage: Wie lange bleiben Investoren geduldig, wenn ein Unternehmen seine Bilanz auf KI-Infrastruktur verwettet?

Eine Korrektur mit Ansage

Die Zahlen sprechen für sich. Oracle verliert seit Jahresbeginn knapp 35 Prozent, allein in den vergangenen 30 Tagen waren es fast 32 Prozent. Zum September-Hoch bei 280,70 Euro liegt mittlerweile eine Lücke von über 61 Prozent.

Das ist kein einzelner Ausrutscher. Der Markt bewertet gerade neu, was es bedeutet, wenn ein Softwarekonzern seine Bilanz auf eine KI-Wette setzt.

Oracle plant für das Geschäftsjahr 2027 Nettoinvestitionen von rund 70 Milliarden Dollar. Rechnet man Vorauszahlungen für Komponenten und Ausrüstung ein, könnten die gesamten Ausgabenzusagen sogar zwischen 90 und 95 Milliarden Dollar liegen. Dieser gigantische Kapitalbedarf hat die Schulden bereits auf 130 Milliarden Dollar getrieben und den freien Cashflow ins Negative gedrückt.

Das Problem ist nicht die Nachfrage

Was Oracles Situation von einer gewöhnlichen Wachstumsaktien-Korrektur unterscheidet: Die Nachfrage bricht nicht weg. Die firmeneigene GPU-Flotte läuft mit 97,5 Prozent Auslastung. Die Cloud-Sparte OCI wächst um 93 Prozent und nimmt größeren Rivalen KI-Workloads ab.

Investoren blicken trotzdem nicht auf den prallen Auftragsbestand. Sie fragen nach Cash, nach Schulden, nach dem Risiko, all das überhaupt liefern zu können.

Diese Spannung zeigt sich im Chart. Ein RSI von 26,5 signalisiert überverkauftes Terrain, eine annualisierte 30-Tage-Volatilität von gut 46 Prozent zeigt, wie brutal der Markt das Risiko gerade einpreist. Diese Aktie bewegt sich längst nicht mehr nach Quartalszahlen. Sie bewegt sich nach Finanzierungsschlagzeilen.

Von der Zukunft geborgt, für die Zukunft gebaut

Der Mechanismus dahinter ist simpel, aber unerbittlich. Die Investitionen laufen weit über dem operativen Cashflow. Oracle leiht sich im Grunde von der eigenen Zukunft, um genau diese Zukunft zu bauen.

Im laufenden Geschäftsjahr hat der Konzern bereits 43 Milliarden Dollar an neuen Schulden und 5 Milliarden Dollar an frischem Eigenkapital aufgenommen. Für das kommende Jahr sind weitere rund 40 Milliarden Dollar geplant, angeführt von einem Aktienverkauf am offenen Markt über 20 Milliarden Dollar. Neue Schulden will Oracle 2026 dagegen vermeiden.

Der Kompromiss klingt vernünftig, hat aber einen Haken. Wer über Eigenkapital statt über Schulden finanziert, schont die Kreditwürdigkeit — verwässert aber laufend den Gewinn je Aktie. Und dieser Gewinn muss schon jetzt hohe Abschreibungen auf die GPU-Flotte verkraften. Für langfristige Aktionäre ist das die unbequeme Wahrheit: Oracle schützt sein Kreditrating, indem es genau jene Anteilseigner verwässert, die gerade auf ein Jahrestief starren.

Ein Problem der ganzen Branche

Oracles Lage steht sinnbildlich für eine Angst, die derzeit durch die gesamte KI-Infrastruktur-Branche geht. Jeder große Technologiekonzern baut parallel neue Rechenzentren und Cloud-Kapazitäten auf. Die Sorge wächst, dass am Ende Überkapazitäten und schwache Investitionsrenditen stehen könnten.

Der entscheidende Unterschied: Amazon, Microsoft und Google verfügen über gewaltige eigene Cashflows, um diesen Ausbau zu finanzieren. Oracle versucht dasselbe Tempo ohne dieses Polster zu halten.

Dieser strukturelle Nachteil zeigt sich jetzt in der Bewertungslücke. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 219,91 Euro — ein theoretisches Aufwärtspotenzial von rund 102 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau. Eine Lücke dieser Größe lässt nur zwei Schlüsse zu: Entweder unterschätzt der Markt Oracles Cloud-Geschäft dramatisch, oder die Analystenmodelle haben das Finanzierungsrisiko schlicht noch nicht eingepreist. Bei einer Marktkapitalisierung von 321,80 Milliarden Euro bleibt Oracle ein Schwergewicht — nur eines, dessen Aktienkurs gerade so gehandelt wird, als wäre das KI-Wettrüsten eine Last und keine Chance.

Die Dividende läuft weiter

Mitten im Tumult zahlt Oracle weiter eine Quartalsdividende von 0,50 US-Dollar je Aktie, die am 10. Juli 2026 ex-Dividende ging. Das erinnert daran, dass der Konzern noch immer jene verlässlichen Cash-Rückflüsse liefert, die Einkommensinvestoren von einem etablierten Softwareanbieter erwarten.

Ob diese Dividende komfortabel gedeckt bleibt, wenn die Investitionen weiter Richtung 70 Milliarden Dollar klettern, dürfte das nächste Kapitel dieser Geschichte werden. Das Urteil des Marktes über Oracles KI-Wette ist jedenfalls noch lange nicht gesprochen.