Wer die Zukunft der künstlichen Intelligenz verstehen will, blickt selten auf Transformatoren, Umspannwerke oder gar Hochwasserdämme. Doch genau dort entscheidet sich derzeit, ob die gewaltigen KI-Wetten des Technologiesektors aufgehen.
Kaum ein Konzern veranschaulicht diesen rauen Bodenkontakt so deutlich wie Oracle. Während Softwarekonzerne an neuen Algorithmen feilen, stößt der Ausbau der gigantischen Rechenzentren an ganz profane, physische Grenzen.
Naturgewalten und Stromsorgen im Wüstensand
Gestern traten Oracle und Stack Infrastructure vor die Öffentlichkeit, um die Märkte zu beruhigen. Überschwemmungen hatten den Campus des Rechenzentrumsprojekts Jupiter im US-Bundesstaat New Mexico erreicht. Zwar betonten die Unternehmen, dass keine kritische Infrastruktur beschädigt wurde und das Vorhaben weiterhin im Zeitplan liege. Dennoch passt das Ereignis in ein nervöses Gesamtbild.
Erst am 24. September hatte der Konzern eine Mitteilung wegen höherer Gewalt an die Blue-Owl-Tochter Stack Infrastructure übermittelt, wie Reuters berichtete. Der Grund: potenzielle Verzögerungen bei der Stromversorgung für das Megaprojekt, das künftig OpenAI unterstützen soll.
Blue Owl erklärte zwar, dass die Mitteilung nichts an den finanziellen Verpflichtungen ändere. An den Märkten wuchs dennoch die Unruhe über mögliche Verzögerungen, spätere Umsätze und die Risiken der teuren Infrastrukturfinanzierung.
Die Eine-Billion-Dollar-Kluft
Hinter den Verzögerungen auf der Baustelle lauert eine grundlegendere Frage für Investoren: Wann rechnet sich der gigantische Kapitalaufwand? Gestern griff Axios eine Untersuchung von Ökonomen der Stanford University auf, die das Dilemma der Branche schonungslos beziffert. Demnach klafft zwischen den massiven KI-Ausgaben der Hyperscaler und den tatsächlichen KI-Einnahmen seit 2024 eine Lücke von fast 1 Billion $.
Oracle steckt mitten in diesem Spagat. Der Konzern treibt die Modernisierung seiner Cloud-Plattform mit hohem Tempo voran, um mit den Branchengrößen Schritt zu halten. Doch wie lange tragen die Kapitalmärkte diesen Vorlauf noch mit, wenn der Ertrag auf das eingesetzte Kapital auf sich warten lässt? Das Vertrauen hat spürbare Risse bekommen. Seit Jahresanfang verzeichnet die Oracle-Aktie ein Minus von 26 %.
Software-Fortschritt trifft auf harte Realität
Dabei mangelt es auf der Anwendungsseite keineswegs an operativen Fortschritten. Am Dienstag stellte Oracle die Softwarearchitektur Fusion Claw vor und erweiterte das Angebot um 25 agentenbasierte Unternehmensanwendungen.
Parallel dazu vertiefte der Konzern die Zusammenarbeit mit NetApp, um native Speicherdienste auf der eigenen Cloud-Plattform bereitzustellen. Am Montag folgte eine Integration mit dem Blockchain-Netzwerk von Swift für tokenisierte Bankeinlagen.
An der Börse sorgt das zumindest für eine vorübergehende Stabilisierung. Heute notiert das Papier bei 122,92 Euro, was einem leichten Tagesplus von 1,4 % entspricht.
Die entscheidende Bewährungsprobe für Oracle liegt jedoch nicht im Programmcode, sondern im Beton und in den Stromtrassen. Sollten Großprojekte wie in New Mexico weiter ins Stocken geraten, hilft selbst die innovativste Software wenig. Für die Anleger beginnt damit eine Phase, in der Baufortschritte und Netzkapazitäten wichtiger werden als die nächste Produktpräsentation.
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