Liebe Traderinnen und Trader,

Oracle verschafft sich bei seinem größten Rechenzentrumsprojekt einen Notausgang. Der Konzern hat für den 18 Milliarden Dollar teuren Campus „Jupiter“ in New Mexico eine Anzeige wegen höherer Gewalt an seinen Finanzierungspartner geschickt, weil Bau-Blockaden das Projekt gefährden.

Die Anzeige erlaubt es Oracle, künftige Mietzahlungen aufzuschieben, falls der Campus nicht wie geplant bis 2028 ans Netz geht. Das trifft einen Markt, der ohnehin unter steigenden Renditen und einem neuen Ölpreisschub leidet. Heute zeigt sich, wo der KI-Boom brüchig ist: nicht bei den Chips, sondern bei der Finanzierung der Infrastruktur.

Anzeige

Wenn selbst milliardenschwere Rechenzentrumsprojekte ins Wanken geraten, rückt die Frage nach den wirklich tragfähigen Profiteuren der KI-Welle in den Vordergrund. Ein aktueller Report bündelt die zehn Big-Data-Aktien, die Analysten hinter dem Megatrend sehen. Jetzt Report anfordern

Oracle: Die erste Force-Majeure-Anzeige im KI-Bau

„Jupiter“ ist ein geplantes 2,45-Gigawatt-Rechenzentrum in Dona Ana County mit Fertigstellungsziel 2028. Die Force-Majeure-Anzeige richtet sich an den Finanzierungspartner Blue Owl Capital und greift nur unter einer Bedingung: Verfehlt das Projekt den Termin 2028, darf Oracle künftige Mietzahlungen verschieben.

Ein Zahlungsstopp ist das nicht. Blue Owl betont, die Anzeige ändere nichts an den finanziellen Zusagen für das mehrjährige Projekt, und Oracle versichert, „Jupiter“ liege im Zeitplan.

Der Markt liest die Nachricht trotzdem als Warnsignal. Die Oracle-Aktie liegt aktuell rund 3 Prozent tiefer bei etwa 116 Euro und damit nicht mehr weit über dem Jahrestief von 100,76 Euro aus dem Juli. Auf Jahressicht hat das Papier gut die Hälfte seines Wertes eingebüßt. Blue Owl verliert rund 4 Prozent, der Brennstoffzellen-Hersteller Bloom Energy fiel vorbörslich um 7 Prozent.

Aufschlussreicher ist die Reaktion der Kreditgeber. Ein Bankenkonsortium aus Santander, Jefferies und BNP Paribas hält die Projektkredite, die am Sekundärmarkt nur noch zu 89 bis 91 Cent je Dollar gehandelt werden. Bernstein warnt, dass ein erheblicher Teil der weltweit angekündigten Rechenzentrumskapazität von Verzögerung oder Streichung bedroht ist.

Morgan Stanley beziffert den globalen Investitionsbedarf bis 2028 auf 2,9 Billionen Dollar, bei einer Finanzierungslücke von 1,5 Billionen. Die eigentliche Botschaft für Anleger lautet: Der Engpass des KI-Zyklus verschiebt sich von der Chip-Lieferkette zur Frage, wer die Rechenzentren bezahlt, und genau dort beginnt der Markt jetzt, Risikoprämien zu verlangen.

Der Rest des KI-Sektors steht ebenfalls unter Druck. OpenAI hat Training und Betrieb seiner Modelle gestoppt, nachdem ein Modell am 20. September unbefugt auf ein Netz zugegriffen hatte. Intel verliert aktuell gut 6 Prozent, AMD rund 4 Prozent, Samsung und SK Hynix gaben in Seoul jeweils über 4 Prozent ab.

Meta korrigiert nach einer 30-Prozent-Rally rund um die neue KI-App Muse den zweiten Tag in Folge und notiert gut 4 Prozent tiefer. Nur Nvidia stemmt sich mit einem um 150 Milliarden Dollar aufgestockten Rückkaufprogramm gegen den Trend und markiert bei 205,25 Euro ein neues Jahreshoch.

Gold Fields minus 12 Prozent: Der Zinsschock erreicht die Edelmetalle

Der zweite Schock des Tages kommt aus dem Nahen Osten und landet im Goldmarkt. Donald Trump hat den 7-Tage-Vorschlag des iranischen Außenministers Araghchi zur Öffnung der Straße von Hormus abgelehnt.

Brent klettert wieder über die 100-Dollar-Marke, Richtung 107 Dollar. Das schürt Inflationsängste und treibt die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen auf 5,26 Prozent, den höchsten Stand seit 2007. Die Geldmärkte preisen inzwischen eine Chance von 68 bis 70 Prozent auf eine weitere Fed-Zinserhöhung im Oktober ein, nachdem die Notenbank am 16. September bereits auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben hatte.

Gold reagiert mit einem Rutsch von fast 4 Prozent Richtung 4.100 Dollar, Silber verliert mehr als 4 Prozent. Den Hebel spüren Trader bei den Minen: Gold Fields bricht aktuell um 12 Prozent auf rund 31 Euro ein, das Jahrestief liegt bei 27,10 Euro.

Harmony Gold verliert 6 Prozent, Newmont gut 4 Prozent. Technisch liegen die nächsten Auffangzonen bei Gold um 4.150 und 4.130 Dollar, der Widerstand um 4.200 Dollar.

Anzeige

Steigende Anleiherenditen und ein neuer Ölpreisschub treffen längst nicht nur Gold und Minenwerte, sondern das gesamte Zinsgefüge im Depot. Ein Report zeigt, wie Anleger ihr Portfolio gegen die Folgen von Inflation und Zinsanstieg absichern können. Strategien entdecken

Die Gegenthese bleibt intakt: Notenbanken kauften im zweiten Quartal laut World Gold Council netto 289 Tonnen, ein Rekordwert. Und der Deeskalations-Trade ist nicht abgeschrieben.

Katarische Vermittler wollen laut Reuters am Montag oder Dienstag in New York mit Araghchi und getrennt mit der US-Seite über eine geänderte Version des iranischen Vorschlags sprechen. Kommt Bewegung in die Gespräche, dürften die Verlierer des Wochenstarts die ersten Gewinner sein: Minenwerte, aber auch American Airlines und United, die zum Wochenauftakt je fast 4 Prozent verloren haben.

Evonik lehnt BASF ab: Die Aktie handelt unter der Offerte

Evonik hat die Offerte von BASF als zu niedrig zurückgewiesen, berichten Reuters und die Financial Times unter Berufung auf Insider. BASF hatte rund 22,15 Euro je Aktie geboten, ein Aufschlag von gut 28 Prozent auf den Kurs vor Bekanntwerden. Das entspricht einem Eigenkapitalwert von 10,3 Milliarden Euro und rund 14 Milliarden inklusive Schulden. BASF spricht offiziell nur von „explorativen“ Gesprächen und will sich zum Preis nicht äußern.

Die Evonik-Aktie legt aktuell gut 2 Prozent auf 19,89 Euro zu und kratzt am Jahreshoch von 20,00 Euro vom Freitag. Seit Jahresbeginn steht ein Plus von 49 Prozent. Dass der Kurs klar unter der Offerte bleibt, sagt zweierlei: Der Markt hält einen Abschluss zu 22,15 Euro nicht für sicher, wettet aber auf ein zweites, höheres Angebot.

Entscheidend ist die RAG-Stiftung als Großaktionärin, ohne die kein Deal zustande kommt. Wer bei Evonik einsteigt, kauft keine Fundamentalstory, sondern eine Wette auf den Preis der Nachbesserung, mit dem Jahreshoch als erster Hürde und der 22,15-Euro-Marke als Ziel.

Tesla: Lohnrunde in Grünheide, Kurszielsenkung aus New York

Tesla erhöht in Grünheide zum 1. Oktober die Löhne um 4 bis 5 Prozent. Produktionsmitarbeiter bekommen 5 Prozent mehr, das Einstiegsgehalt steigt auf rund 45.750 Euro im Jahr. Facharbeiter erhalten 4 Prozent plus Bonus. Bereits zum 1. Dezember 2025 gab es 4 Prozent mehr.

Das Werk beschäftigt über 12.000 Menschen, 3.500 weitere Stellen sind für den Ausbau von Fahrzeug- und Zellfertigung geplant. Die IG Metall bemängelt weiterhin fehlendes Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie eine Bezahlung unter Tarif.

Am Kapitalmarkt zählt heute etwas anderes: JPMorgan hat das Kursziel für Tesla wegen der Auslieferungen im dritten Quartal gesenkt. Die Tesla-Aktie verliert aktuell knapp 3 Prozent auf rund 317 Euro. Auf 30-Tage-Sicht steht noch ein Plus von gut 5 Prozent, das Jahrestief vom Juli liegt bei 259,75 Euro.

Die US-Regierung will zudem die Verbrauchsvorgaben für 2031 auf 34,5 Meilen pro Gallone lockern, statt der bisher geplanten rund 50. Steigende Lohnkosten in Europa, schwächelnde Auslieferungen und weniger Regulierungsdruck auf die Verbrenner-Konkurrenz: Das Umfeld für Tesla wird enger, nicht weiter.

Kurz notiert: Biontech, Telekom, LPKF, Bitcoin

Biontech schließt die Werke Tübingen, Marburg und Idar-Oberstein bis Ende 2028, rund 1.800 Stellen sind betroffen. Nach einem Halbjahresverlust von 1,35 Milliarden Euro zuckt die Aktie kaum: Sie notiert bei rund 86 Euro praktisch unverändert, mitten zwischen Jahrestief bei 68,35 und Jahreshoch bei 105,80 Euro. Der Markt hat den Umbau eingepreist, der neue Chef Guido Oelkers startet spätestens zum 1. Februar 2027.

Die Deutsche Telekom hat seit dem 10. August 17,3 Millionen eigene Aktien zurückgekauft, allein vergangene Woche 3,3 Millionen zu Kursen um 27 Euro. Gestützt hat der Rückkauf bislang nicht: Die Telekom-Aktie liegt aktuell gut 1 Prozent tiefer bei 26,69 Euro und hat auf 30-Tage-Sicht über 6 Prozent verloren.

LPKF Laser & Electronics bekommt von Montega eine bestätigte Kaufempfehlung mit Kursziel 22 Euro. Anlass ist die Absichterklärung eines asiatischen Chip-Verpackungsherstellers über drei bis sechs LIDE-Systeme im mittleren einstelligen Millionenbereich. Der Umsatz fällt allerdings erst im ersten Halbjahr 2027 an, Folgeaufträge im zweistelligen Millionenbereich sind für das zweite Halbjahr 2027 möglich.

Bitcoin hält sich mit rund 83.000 Dollar knapp über der 82.500er-Zone, das Tagesminus bleibt moderat. Strategy kaufte vergangene Woche 1.665 Bitcoin für 142,7 Millionen Dollar zu durchschnittlich 85.681 Dollar und hält nun 847.666 Stück.

Die US-Spot-ETFs verzeichneten in der Woche bis 25. September Rekordzuflüsse von rund 2,4 Milliarden Dollar. Die SEC stellt zudem klar, dass Token-Rückkäufe funktionierender Netzwerke nicht unter das Wertpapierrecht fallen.

Marschroute

Bei Evonik ist die 20-Euro-Marke die erste Hürde, 22,15 Euro das Ziel einer Nachbesserungswette. Bei Gold Fields entscheidet sich zwischen 31 Euro und dem Jahrestief bei 27,10 Euro, ob der Zinsschock verdaut ist. Die Katar-Gespräche am Montag oder Dienstag können den Ausschlag in beide Richtungen geben. Bei Oracle ist das Jahrestief bei 100,76 Euro die Linie, die halten muss. Und bei Tesla muss nach der JPMorgan-Senkung die 317-Euro-Zone halten.

Gute Trades,

Ihr Andreas Sommer