Liebe Leserinnen und Leser,
Pakistan. Nicht die Fed, nicht die EZB, nicht ein G7-Gipfel – sondern Pakistan hat heute Nacht die Börsen gerettet. In letzter Minute vor Ablauf von Trumps Ultimatum vermittelte Islamabad eine zweiwöchige Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran. Die Märkte reagierten so heftig wie selten: Der DAX sprang um über 5 Prozent auf 24.081 Punkte – der stärkste Tagesgewinn seit mehr als drei Jahren. Gleichzeitig brachen die Ölpreise prozentual zweistellig ein. Heute ist der Tag, an dem sich zeigt, wer in diesem Krieg die eigentlichen Verlierer und Gewinner sind – und warum die Erleichterung an den Märkten mehr als nur ein Kurssprung ist.
Das „Geschenk von Pakistan“ – und was dahintersteckt
Börsianer nannten es heute schlicht ein „Geschenk von Pakistan“. Gemeint ist die Waffenruhe, auf die sich Iran und USA kurz vor Mitternacht geeinigt haben. Kern der Vereinbarung: Die Straße von Hormus – durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gashandels fließt – soll wieder für den Schiffsverkehr geöffnet werden. Das war Trumps Bedingung, und der Iran stimmte einem von Teheran selbst vorgelegten Zehn-Punkte-Plan zu.
Der Ölpreis reagierte unmittelbar. Brent kollabierte von über 109 Dollar auf zeitweise unter 91 Dollar pro Barrel – ein Tagesrückgang von mehr als 16 Prozent. Damit fällt der wichtigste Inflationstreiber der vergangenen Wochen schlagartig weg. VP-Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel brachte es auf den Punkt: Die Notenbanken könnten nun von bereits befürchteten Zinsanhebungen absehen. Für Anleger ist das eine doppelte Erleichterung – niedrigere Energiekosten und weniger Zinsrisiko gleichzeitig.
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Vorsicht ist dennoch geboten. Die Bundesregierung warnte ausdrücklich vor überzogenen Erwartungen: Ein Tanker braucht drei bis sechs Wochen von der Straße von Hormus nach Europa. Zerstörte Produktionsanlagen müssen erst wiederhergestellt werden. Und US-Vizepräsident Vance bezeichnete die Lage als „fragil“. Zwei Drittel des eingepreisten Risikos, so Allianz-Trade-Experte Björn Griesbach, seien noch immer vorhanden.
Die Gewinner des Tages – ein Blick auf die DAX-Spitze
Wer in den vergangenen Wochen am stärksten gelitten hatte, erholte sich heute am kräftigsten. Das ist die eiserne Logik der Erleichterungsrally. Siemens Energy, Infineon und Siemens sprangen zwischen zehn und zwölf Prozent nach oben. Lufthansa gewann über zehn Prozent, TUI fast zwölf – beide hatten seit Kriegsbeginn Ende Februar massiv verloren, weil explodierende Kerosinpreise die Gewinnmargen aufgefressen hatten.
Besonders auffällig: Salzgitter schoss im SDAX um über 15 Prozent nach oben. Der Stahlkonzern gilt als klassischer Konjunkturwert – und genau diese Kategorie war in den vergangenen Wochen am härtesten abgestraft worden. Redcare Pharmacy legte unabhängig vom Waffenstillstand um rund neun Prozent zu, nachdem das Unternehmen starke Q1-Zahlen vorgelegt hatte: Umsatz plus 18,3 Prozent auf 848 Millionen Euro, das Segment der rezeptpflichtigen Medikamente wuchs sogar um 35 Prozent. Jefferies-Analyst Martin Comtesse sprach von einem „konstruktiven Start“ ins Jahr.
Die klaren Verlierer des Tages: Bioethanol-Produzenten wie Verbio verloren über 16 Prozent. Sie hatten vom hohen Ölpreis profitiert, der Biodiesel als Alternative attraktiv gemacht hatte. Mit dem Ölpreiseinbruch fällt dieser Rückenwind weg. Ähnlich erging es K+S, das auf steigende Düngerpreise infolge der Nahost-Spannungen gesetzt hatte – minus acht Prozent.
Bitcoin und Krypto: Risk-on-Modus eingeschaltet
Die Kryptomärkte folgten dem Risikoappetit der Aktienmärkte mit Begeisterung. Bitcoin kletterte auf bis zu 72.732 Dollar – ein Plus von knapp 6 Prozent gegenüber dem Vortag. Ethereum sprang um fast neun Prozent auf rund 2.260 Dollar. Solana, XRP und Cardano legten zwischen sechs und acht Prozent zu.
Interessant dabei: Die Liquidationsdaten zeigen, dass vor allem Short-Positionen liquidiert wurden. Laut Coinglass standen Zwangsschließungen von Short-Positionen in Höhe von 425 Millionen Dollar gegen nur 156 Millionen Dollar bei Long-Positionen – ein klassischer Short-Squeeze. Das bedeutet: Viele Trader hatten auf weiter fallende Kurse gewettet und wurden auf dem falschen Fuß erwischt.
Der Fear-and-Greed-Index des Kryptomarkts stieg auf 46 – noch „neutral“, aber deutlich erholt gegenüber dem Wert von 32 („Angst“) vor einer Woche. Bitcoin liegt damit auf Jahressicht noch rund 18 Prozent im Minus. Strategie-Aktie (ehemals MicroStrategy), die rund 54 Milliarden Dollar in Bitcoin hält, stieg um etwa acht Prozent. BTIG bekräftigte heute das Kaufurteil mit einem Kursziel von 250 Dollar und lobte die neue STRC-Vorzugsaktie als clevere Kapitalstruktur-Innovation.
Gold und Silber: Entspannung als Kursmotor
Wer jetzt erwartet hätte, dass Gold als sicherer Hafen bei einer Deeskalation fällt, wurde überrascht. Die Feinunze stieg um 1,7 Prozent auf rund 4.786 Dollar – zeitweise sogar auf 4.856 Dollar, den höchsten Stand seit Mitte März. Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch erklärte das Paradox treffend: Gold verhält sich gerade nicht wie ein klassischer sicherer Hafen. Stattdessen profitiert es vom Rückgang der Inflationserwartungen – denn sinkende Ölpreise bedeuten weniger Inflationsdruck, was wiederum niedrigere Zinsen wahrscheinlicher macht. Und Gold glänzt bekanntlich besonders in einem Umfeld sinkender Realzinsen.
Silber übertraf Gold dabei sogar deutlich: plus 5,4 Prozent auf knapp 77 Dollar. Das liegt an Silbers Doppelrolle – es ist gleichzeitig Edelmetall und Industriemetall. Mit der Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung steigt die Nachfrage aus beiden Richtungen.
Circle und Stablecoins: Die regulatorische Weichenstellung läuft
Abseits der geopolitischen Schlagzeilen tut sich im Krypto-Infrastrukturbereich Entscheidendes. Circle, der USDC-Emittent, hat heute seinen neuen „Managed Payments“-Dienst für Banken und Finanzdienstleister gestartet. Das Besondere: Institutionen können USDC für grenzüberschreitende Zahlungen nutzen, ohne selbst digitale Assets zu verwalten – Circle übernimmt die gesamte Infrastruktur, die Partner arbeiten ausschließlich in Fiat-Währung.
USDC hat laut Circle-Angaben kumuliert über 70 Billionen Dollar an On-Chain-Transaktionen abgewickelt. Gleichzeitig arbeitet die US-Einlagensicherungsbehörde FDIC an einem regulatorischen Rahmen für Stablecoin-Emittenten. Der Clarity Act, der Stablecoin-Erträge regeln soll, wird noch im Kongress debattiert. Baird und William Blair sehen die aktuelle Kursschwäche der Circle-Aktie als Einstiegsgelegenheit und bekräftigen ihre Kaufempfehlungen.
Evotec dreht auf – aber der Weg ist lang
Ein letzter Blick auf ein deutsches Unternehmen, das heute aus eigener Kraft für Aufmerksamkeit sorgte: Evotec. Der Hamburger Pharmawirkstoffforscher legte seine Jahreszahlen 2025 vor und halbierte den Nettoverlust fast – von 196 auf 104 Millionen Euro. Die Aktie sprang im Vorhandel um über neun Prozent.
Der Treiber war vor allem das Biologics-Segment, das dank einer 650-Millionen-Dollar-Transaktion mit Sandoz um fast 40 Prozent wuchs. Das Kerngeschäft der Wirkstoffforschung hingegen schrumpfte um 13,5 Prozent – ein strukturelles Problem, das das Management mit dem „Horizon“-Transformationsplan angehen will: 800 Stellen werden abgebaut, vier Standorte geschlossen, 75 Millionen Euro Kosteneinsparungen bis 2027 angepeilt. Die Richtung stimmt, die Umsetzung bleibt die entscheidende Frage.
Was jetzt zählt
Morgen kommen aus Deutschland wichtige Konjunkturdaten: Handelsbilanz und Industrieproduktion für Februar. Am Freitag dann das Highlight – die US-Verbraucherpreise für März. Sie werden erstmals zeigen, wie stark die Energiepreisexplosion der vergangenen Wochen die Inflation nach oben getrieben hat. Die Antwort darauf entscheidet, ob die heutige Erleichterungsrally Substanz hat oder nur ein Strohfeuer war.
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Die Friedensgespräche zwischen USA und Iran beginnen laut aktuellem Stand am Freitag in Islamabad. Ob daraus ein dauerhaftes Abkommen wird, ist vollkommen offen. US-Vizepräsident Vance mahnte zur Vorsicht. Marktstratege Matthew Ryan von Ebury formulierte es nüchtern: Die zentrale Frage sei, ob die Verhandlungen zu einem dauerhaften Frieden führen – oder ob der Waffenstillstand nur einen Aufschub darstellt.
Pakistan hat heute die Bühne bereitet. Jetzt liegt es an Teheran und Washington, das Stück zu Ende zu spielen.
Bis morgen,
Andreas Sommer


