Liebe Traderinnen und Trader,
53 Milliarden Dollar Übernahmevolumen, ein Angebot von 60,50 Dollar je Aktie, und dann: nichts mehr davon. Am Freitag zogen sich Advent International und Stripe aus ihren Übernahmeplänen für PayPal zurück – offiziell unbestätigt, aber von mehreren Nachrichtenagenturen übereinstimmend gemeldet. Die Reaktion des Marktes kam ohne Verzögerung. Wer seit Juli auf den schnellen Übernahme-Aufschlag gesetzt hatte, kassiert jetzt die Rechnung – und muss sich fragen, ob der Ausverkauf eine Einstiegschance ist oder der Beginn einer längeren Neubewertung.
PayPal: Der Deal ist tot, jetzt zählt wieder das operative Geschäft. Seit Bekanntwerden der Gespräche im Juli hatte die Aktie rund 30 Prozent zugelegt – am Freitag war der gesamte Aufschlag binnen Stunden wieder weg. Zum Handelsstart rutschte der Titel zeitweise um bis zu 17 Prozent ab, ehe sich die Verluste etwas eingrenzten. Zum Wochenschluss stand PayPal bei 46,30 Euro (rund 53,65 Dollar an der US-Notiz), ein Tagesminus von 12 Prozent. Auf Jahressicht bedeutet das ein Minus von 23 Prozent, seit Jahresbeginn 8,6 Prozent im Minus – bei einer Spanne zwischen 32,42 Euro (52-Wochen-Tief) und 70,78 Euro (52-Wochen-Hoch). Die Marktkapitalisierung liegt noch bei 45,5 Milliarden Euro.
Die Analysten sind sich uneinig, und genau das macht den Fall interessant. Mizuho kappte das Kursziel von 60 auf 51 Dollar, Loop Capital von 62 auf 50 Dollar – beide mit dem Argument, dass der Übernahme-Puffer nun fehlt. Morningstar hält dagegen an einer Fair-Value-Schätzung von 80 Dollar fest, und die GuruFocus-Bewertung taxiert den fairen Wert sogar auf 83,82 Dollar. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der letzten zwölf Monate liegt bei 10,1 – gegenüber einem Fünfjahres-Median von 17,6 ein Bewertungsabschlag, der historisch selten war. Und die Zahlen selbst geben keinen Anlass zur Sorge: Im zweiten Quartal verdiente PayPal 1,38 Dollar je Aktie (bereinigt) gegenüber einem Konsens von 1,28 Dollar, der Umsatz kletterte um 5 Prozent auf 8,68 Milliarden Dollar, das abgewickelte Zahlungsvolumen stieg um 10 Prozent auf 486,45 Milliarden Dollar.
Der eigentliche Test für Buy-the-Dip-Käufer liegt jetzt in der Charttechnik: Zwischen dem Jahrestief bei 32,42 Euro und dem alten Hoch bei 70,78 Euro hat sich eine breite Handelsspanne aufgebaut, und der aktuelle Kurs liegt deutlich näher am unteren Rand. Auf Prediction-Markets ist die Wahrscheinlichkeit, dass Stripe doch noch zuschlägt, auf 10 Prozent gefallen, eine Komplettübernahme wird nur noch mit 6 Prozent gehandelt – der Markt hat den Deal faktisch abgeschrieben. Bemerkenswert dabei: David Einhorns DME Capital hält 1,4 Millionen PayPal-Aktien und steht nun vor dem ersten echten Stresstest dieser Position, seit die Übernahmefantasie weg ist. Operativ bereitet PayPal ohnehin einen Umbau vor – ein Stellenabbau von rund 20 Prozent und eine Neuordnung in drei Geschäftsbereiche stehen an, während Venmo im Wettbewerb mit X-Money unter Druck gerät. Wer hier einsteigt, kauft nicht mehr die Übernahmestory, sondern eine Value-Wette auf ein Payment-Geschäft mit wachsendem Volumen, aber schwindendem Vertrauen des Marktes.
Rüstungswerte: Rheinmetall konsolidiert, DroneShield sucht noch Vertrauen. Während bei Deutz die FFG-Übernahme für Kurssprünge sorgt, richtet sich der Blick auch auf die etablierten Verteidigungswerte. Rheinmetall notiert bei 1.150,20 Euro, ein Tagesminus von 2,1 Prozent – die Aktie verdaut damit eine Rally von rund 38 Prozent und einen anschließenden Rücksetzer von rund 6 Prozent. Chartseitig gilt die Zone um 1.112 Euro als wichtige Unterstützung, der Widerstandsbereich liegt zwischen 1.256 und 1.342 Euro. Wer hier auf einen Ausbruch setzt, braucht Geduld und eine klare Stop-Marke. Deutlich spekulativer ist DroneShield: Der Drohnenabwehr-Spezialist meldete für das erste Halbjahr ein Umsatzplus von 74 Prozent auf 125,8 Millionen australische Dollar, das Softwaregeschäft legte sogar um 229 Prozent zu. Dem steht ein Nettoverlust von 32,2 Millionen Dollar gegenüber. Ein Auftragsbestand von 240 Millionen Dollar und liquide Mittel von 180 Millionen Dollar geben zwar Rückendeckung, doch die Aktie bei 1,08 Euro zeigt: Wachstum allein reicht dem Markt derzeit nicht, solange die Profitabilität fehlt.
Krypto: Kein Wort von Warsh, trotzdem bricht Bitcoin unter 78.000 Dollar. Fed-Chef Kevin Warsh verweigerte in seiner mit Spannung erwarteten Rede in Jackson Hole – seinem 100. Tag im Amt – jede konkrete Zinsansage. Trotzdem stieg die vom Markt eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September von 35 auf 60 Prozent. Die Folge: eine Liquidationswelle von 488 Millionen Dollar binnen 24 Stunden, davon 360 Millionen Dollar allein bei Long-Positionen. Bitcoin fiel auf 77.838 Dollar, ein Tagesminus von 3 Prozent, nachdem die Marke von 80.000 Dollar zuvor kurz zurückerobert worden war. Die wichtigste Unterstützung verläuft jetzt am 50-Wochen-Durchschnitt bei rund 77.350 Dollar, Widerstand beginnt erst zwischen 83.000 und 86.000 Dollar. Interessanter als der Bitcoin-Rücksetzer ist die Kapitalrotation dahinter: Bitwises Solana-ETF knackte erstmals die Marke von einer Milliarde Dollar an verwaltetem Vermögen, Ethereum-ETFs verzeichneten binnen einer Woche rund 750 Millionen Dollar an Zuflüssen. Trader schichten also selektiv in Altcoins um, statt komplett auf Risiko zu verzichten.
Am Freitag hatte der DAX mit 26.618 Punkten noch ein neues Rekordhoch markiert, getragen von einer breiten Erholung bei BMW, Mercedes-Benz und VW. Wie schnell Übernahmefantasie in Enttäuschung kippen kann, zeigt der PayPal-Fall an genau demselben Tag.
Wie schnell sich Bewertungen an den Börsen gerade verschieben, zeigt sich nicht nur bei PayPal, sondern auch im Tech-Sektor: Innerhalb weniger Wochen haben chinesische KI-Modelle wie GLM-5.2 und Kimi K3 einen historischen Kurssturz bei US-Chip-Aktien ausgelöst, Nvidia verlor an einem einzigen Tag rund 197 Milliarden Dollar an Börsenwert. Gleichzeitig kontert Washington mit einem 100-Milliarden-Dollar-Deal zwischen Donald Trump und TSMC, um die eigene Chip-Produktion auszubauen. Genau diesen Umbruch nimmt Jörg Mahnert im Live-Webinar „Die neue NVIDIA“ morgen um 18:00 Uhr auseinander. Er ordnet ein, wie sich die Kräfteverhältnisse im globalen Chip-Wettrüsten gerade verschieben und welche Aktien von der Marktverschiebung profitieren könnten, wenn etablierte Werte wie Nvidia unter Druck geraten. Wer nach der PayPal-Lektion etwas über schnelle Bewertungswechsel in einem ganzen Sektor lernen will, findet hier ein aktuelles Beispiel aus erster Hand.
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Marschroute
Drei Marken bestimmen die kommende Woche: Bei PayPal ist die Unterstützungszone um die 32-Euro-Marke aus dem Jahrestief der entscheidende Pegel – hält sie, wird aus der Enttäuschung eine Value-Chance, bricht sie, war der Freitag erst der Anfang. Bei Rheinmetall entscheidet die 1.112-Euro-Marke, ob die Rüstungsrallye nur pausiert oder tatsächlich ins Wanken gerät. Und bei Bitcoin bleibt die 77.350-Dollar-Unterstützung der Prüfstein dafür, ob die Warsh-Reaktion eine kurze Verschnaufpause war oder der Beginn einer echten Korrektur. Das Wochenende bringt keine neuen Kurse, aber Zeit, die Stop-Marken für alle drei Fälle sauber zu setzen.
Gute Trades, Ihr Andreas Sommer
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