Liebe Leserinnen und Leser,
manchmal offenbaren sich die wahren Schwächen erst, wenn die Märkte nervös werden. Diese Woche haben gleich mehrere prominente Namen schmerzhafte Verluste hinnehmen müssen – und bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Es geht nicht nur um kurzfristige Schwankungen, sondern um fundamentale Fragen. PayPal verliert nach enttäuschenden Zahlen und einem CEO-Wechsel massiv an Wert. Novo Nordisk kämpft mit Preisdruck im lukrativen US-Markt für Abnehmmedikamente. Und Bitcoin? Der rutschte zeitweise unter 61.000 Dollar und löschte damit sämtliche Kursgewinne seit Donald Trumps Wahlsieg aus. Was diese drei Geschichten verbindet: Anleger fragen sich zunehmend, ob die Bewertungen noch gerechtfertigt sind – und ob die großen Versprechen auch eingelöst werden können.
PayPal: Wenn der Zahlungsriese ins Straucheln gerät
Über 20 Prozent Kursverlust an einem einzigen Tag – das ist selbst für volatile Tech-Werte heftig. PayPal hat am Dienstag die Erwartungen gleich doppelt enttäuscht: Die Quartalszahlen lagen unter den Prognosen, und gleichzeitig kündigte das Unternehmen einen Führungswechsel an. Enrique Lores übernimmt ab März als neuer CEO – und das ausgerechnet in einer Phase, in der PayPal ohnehin mit Marktanteilsverlusten und verschärftem Wettbewerb kämpft.
Analysten von Wolfe Research bringen es auf den Punkt: Die Verfehlung der Erwartungen war zwar nicht völlig überraschend, aber das Ausmaß schon. Hinzu kommen grundsätzliche Zweifel an der Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens. Neue Konkurrenten wie Apple Pay, Google Pay und diverse Fintechs machen PayPal das Leben schwer – und die Frage nach der Marktstellung wird immer drängender. Für deutsche Anleger, die PayPal lange als sicheren Hafen im Zahlungsverkehr gesehen haben, ist das ein Weckruf: Selbst etablierte Platzhirsche sind nicht immun gegen Disruption.
Novo Nordisk: Der Abnehmmedikamenten-Boom bekommt Risse
Über 21 Prozent Minus in einer Woche – auch der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk erlebt gerade einen schmerzhaften Reality-Check. Das Unternehmen hatte mit seinem Blockbuster Wegovy den Markt für GLP-1-Medikamente zur Gewichtsreduktion dominiert. Doch nun warnt Novo vor massivem Preisdruck im US-Markt, der die Umsatzprognose für 2026 verhagelt.
Der Grund: Donald Trumps Regierung hat Druck auf Pharmaunternehmen ausgeübt, die Preise zu senken – und das zeigt Wirkung. Novo muss nun Zugeständnisse machen, um den Marktzugang zu sichern. Gleichzeitig startet die neue Pille-Version von Wegovy zwar vielversprechend, doch die Rabattschlacht bei den etablierten Injektionspräparaten frisst die Gewinne auf. BMO Capital bringt es auf den Punkt: Die Preiskonzessionen überwiegen die Wachstumseffekte der neuen Darreichungsform.
Was das für Anleger bedeutet? Der Boom bei Abnehmmedikamenten ist nicht vorbei – aber die Phase der problemlosen Gewinnsteigerungen schon. Wer hier investiert ist, sollte sich auf volatilere Zeiten einstellen. Interessant auch: Die Super-Bowl-Werbung von Novo für die Wegovy-Pille zeigt, wie sehr das Unternehmen jetzt auf Direct-to-Consumer-Marketing setzt – ein Zeichen dafür, dass der Wettbewerb härter wird.
Bitcoin: Trump-Effekt verpufft, Liquidität schwindet
61.000 Dollar – so tief war Bitcoin am Donnerstag gefallen. Damit waren alle Kursgewinne seit Donald Trumps Wahlsieg ausgelöscht. Zwar erholte sich der Kurs am Freitag wieder über 70.000 Dollar, doch die Nervosität bleibt. Das eigentliche Problem liegt tiefer: Die Liquidität am Markt schrumpft seit Monaten, was zu immer heftigeren Preisschwankungen führt.
Analysten von Kaiko weisen darauf hin, dass die durchschnittliche Markttiefe – also die Fähigkeit des Marktes, größere Orders ohne dramatische Preisbewegungen zu absorbieren – seit Oktober deutlich gesunken ist. Von über 8 Millionen Dollar auf nur noch rund 5 Millionen. Das bedeutet: Selbst relativ kleine Verkaufsorders können jetzt große Kursbewegungen auslösen. Hinzu kommt die enttäuschende Entwicklung bei Trumps Bitcoin-Reserve: Die wurde zwar per Dekret geschaffen, aber eben nur aus beschlagnahmten Coins – ein großangelegtes Kaufprogramm, wie viele Krypto-Fans gehofft hatten, blieb aus.
Die Korrelation zwischen Bitcoin und Tech-Aktien hat sich in Stressphasen verstärkt, was den Coin anfälliger für makroökonomische Turbulenzen macht. Für deutsche Anleger, die Bitcoin als Portfolio-Diversifikation nutzen wollten, ist das keine gute Nachricht: In Krisenzeiten fällt Bitcoin inzwischen oft gemeinsam mit Aktien – statt als Absicherung zu dienen.
Gewinner der Woche: Walmart und die Flucht in Sicherheit
Während Tech-Werte und Kryptos unter Druck standen, gab es auch Gewinner: Walmart legte über 11 Prozent zu und knackte erstmals die Marke von einer Billion Dollar Marktkapitalisierung. In unsicheren Zeiten suchen Anleger eben doch den sicheren Hafen – und ein Einzelhandelsriese mit stabilen Cashflows passt da besser ins Bild als hochvolatile Wachstumswerte. Die Botschaft ist klar: Wenn die Märkte nervös werden, zählt plötzlich wieder Substanz statt Versprechen.
Was die Woche uns lehrt
Die Ereignisse dieser Woche zeigen ein Muster: Unternehmen und Assets, die lange von Wachstumsfantasien getragen wurden, müssen sich nun an der Realität messen lassen. PayPal kämpft mit operativen Herausforderungen, Novo Nordisk mit politischem Preisdruck, Bitcoin mit schwindender Liquidität. Für Anleger bedeutet das: Genauer hinschauen wird wichtiger. Nicht jeder Hype hält, was er verspricht – und manchmal sind die langweiligen, soliden Werte die bessere Wahl.
In den kommenden Tagen dürfte sich zeigen, ob die Erholung am Freitag Substanz hat oder nur eine technische Gegenbewegung war. Fest steht: Die Phase der einfachen Gewinne ist vorerst vorbei.
Bis morgen – und ein erholsames Wochenende!
Andreas Sommer


