POET Technologies stellt neue Kundenaufträge vorerst ein. Der Grund klingt paradox: Das Unternehmen hat schlicht zu viele Bestellungen. Der Vorstand konzentriert sich jetzt komplett darauf, das bestehende Auftragsbuch abzuarbeiten, statt weiter zu wachsen.

Die Aktie des Photonik-Spezialisten schloss am Freitag bei 6,52 Euro, ein Minus von 2,83 Prozent auf Tagesbasis. Über die vergangenen 30 Tage hat das Papier fast 38 Prozent verloren. Der RSI von 36 signalisiert einen überverkauften Markt, während die Volatilität mit über 101 Prozent auf annualisierter Basis extrem hoch bleibt.

Volle Kapazitäten statt neuer Kundschaft

Auf der Hauptversammlung machte der CEO eine klare Ansage: Die aktuelle Kundenpipeline reizt die Kapazitäten bereits jetzt aus. Neue Kunden gibt es deshalb in den kommenden zwölf Monaten nicht. Stattdessen will das Management die bestehenden Bestellungen zuverlässig ausliefern.

Für die zweite Jahreshälfte plant POET Volumen-Lieferungen im fünfstelligen Stückzahlbereich. Bis Ende 2027 soll die Produktion optischer Engines auf bis zu eine Million Einheiten pro Monat steigen. Das wäre ein gewaltiger Sprung gegenüber dem heutigen Ausstoß.

Um dieses Ziel zu erreichen, plant das Unternehmen für die zweite Hälfte 2026 rund 50 Millionen Dollar in neue Fertigungsanlagen zu investieren. Die Belegschaft soll bis Jahresende von 115 auf etwa 165 Mitarbeiter wachsen.

Kriegskasse aus Kapitalerhöhungen

Finanziert wird die Expansion aus einer prall gefüllten Kasse. Im Mai schloss POET eine Kapitalerhöhung über 400 Millionen Dollar ab. Zusammen mit früheren Mitteln verfügt der Konzern damit über mehr als 800 Millionen Dollar an liquiden Mitteln.

Diese Reserve gibt dem Management Spielraum, aggressiv in Produktionskapazität und Personal zu investieren, statt die Wachstumsschritte über mehrere Jahre zu strecken. Ein bereits gesicherter Auftrag von Lumilens soll sich über die nächsten fünf Jahre deutlich ausweiten. Der Markt wartet nun auf den Beweis, dass sich diese Aufträge tatsächlich in Umsatz und Stückzahlen übersetzen.

Blazar als nächster Wachstumstreiber

Parallel zur laufenden Auftragsabarbeitung treibt POET ein neues Produkt voran: den externen Kavitätslaser Blazar. Nach einer Live-Demonstration auf der OFC-Branchenkonferenz 2026 zeigte sich reges Interesse potenzieller Kunden. Für 2026 sind erste Musterlieferungen geplant, Design-Wins sollen 2027 folgen, die Serienproduktion 2028.

Blazar wurde zudem für die ECOC Exhibition Awards 2026 in der Kategorie beste Innovation bei optischen Komponenten nominiert. Das Produkt steht damit für den nächsten Wachstumsschritt, nachdem die aktuelle Kapazität bereits ausgereizt ist.

Der Übergang zur Massenfertigung als Belastungsprobe

POET rechnet auf Basis der bestehenden Kundenbeziehungen mit einem Jahresumsatz von rund 100 Millionen Dollar. Der Sprung von Forschung und Entwicklung zur Großserienfertigung bringt jedoch erhebliches Ausführungsrisiko mit sich – gerade für ein Unternehmen dieser Größe.

Die Marktkapitalisierung liegt aktuell bei rund 417 Millionen Euro, weit entfernt vom 52-Wochen-Hoch von 18,84 Euro aus dem Mai. Der Kurs notiert damit gut 65 Prozent unter diesem Höchststand, aber immer noch fast 92 Prozent über dem Tief vom November bei 3,40 Euro. Die kommenden Monate müssen zeigen, ob aus der vollen Auftragspipeline tatsächlich die angekündigten Stückzahlen und Umsätze werden.