Beim am 4. November abgeschlossenen Anteilsverkauf erhielt Revolut kein frisches Kapital; Mitarbeiter und frühe Investoren verkauften bestehende Anteile. Wie passt diese Transaktion zum milliardenschweren Ausbau des Bankgeschäfts? Andreas Sommer richtet seinen Blick auf die Mittelverwendung und darauf, welche Aussagekraft die Verkäufe für das Vertrauen in die Führung haben.

Trading-Treff Redaktion: Mehrere große Investoren tragen die neue Bewertung mit. Warum soll Ihre Skepsis gegenüber deren Urteil mehr Gewicht haben als deren Bereitschaft, eigenes Geld einzusetzen?

Andreas Sommer: Weil deren Zahlungsbereitschaft noch keinen Ertrag aus dem nächsten Ausbau belegt. Die Investoren setzen eigenes Geld ein, das erkenne ich an. Über ihre Renditeanforderungen und ihren Zeithorizont wissen wir allerdings wenig.

Mich beschäftigt zuerst das globale Infrastrukturprogramm über 13 Milliarden Dollar. Die entscheidende Managementleistung wird sein, daraus ertragreiches Bankgeschäft zu machen. Der milliardenschwere Anteilsverkauf finanziert keinen Ausbau. Er verschafft bisherigen Anteilseignern Liquidität.

Für die nächsten zwei bis vier Quartale bin ich bei dieser Bewertung skeptisch. Das Geschäft hat Qualität. Wie wirtschaftlich die Führung den nächsten Expansionsschritt umsetzt, muss sie erst zeigen.

Trading-Treff Redaktion: Welche wirtschaftliche Leistung verlangt die Bewertung dem Unternehmen inzwischen ab?

Andreas Sommer: Die Bewertung entspricht rund dem 50-Fachen des Vorsteuergewinns von 2025. Wohlgemerkt vor Steuern. Wer daraus gedanklich ein gewöhnliches Gewinnmultiple macht, rechnet sich den Preis hübsch.

Das verlangt kräftig steigende Gewinne, während Revolut sein Bankgeschäft international ausbaut. Die operative Ausgangslage ist stark: Die Vorsteuermarge lag im Geschäftsjahr 2025 bei 38 Prozent. Eine solche Ertragskraft verdient Anerkennung.

Nur steckt im Preis bereits erhebliches Vertrauen in die nächste Ausbaustufe. Frisches Kapital ist bei der Transaktion nicht zugeflossen. Die Bewertung sagt deshalb wenig darüber, wie gut Revolut seine kommenden Investitionen finanzieren und verzinsen wird.

Trading-Treff Redaktion: Sie sagen: „Frisches Kapital ist bei der Transaktion nicht zugeflossen.“ Bei einem milliardenschweren Ausbau klingt das nach einer Finanzierungsschwäche. Warum legen Sie dem Management diesen Verzicht nicht negativ aus?

Andreas Sommer: Der ausbleibende Mittelzufluss lässt sich zunächst als Stärke lesen. Revolut erwirtschaftet erhebliche Gewinne und musste bei diesem Geschäft keine neuen Anteile ausgeben. Zusätzliche Mittel allein wegen einer hohen Bewertung aufzunehmen, wäre für mich noch keine gute Kapitalallokation.

Damit ist die Finanzierung des gesamten Ausbaus allerdings nicht nachgewiesen. Der Vorsteuergewinn ist kein frei verfügbarer Geldtopf; beim Bankgeschäft spielen auch regulatorische Kapitalanforderungen eine Rolle. Angaben, aus denen sich die vollständige Finanzierung des Programms sauber ableiten ließe, fehlen hier.

Mein Vorbehalt sitzt beim Preis und bei der Umsetzung. Einen fehlenden Finanzierungsbedarf als Mangel zu behandeln, wäre reichlich schräg.

Trading-Treff Redaktion: Mitarbeiter und frühe Investoren machen Kasse. Wie groß ist das Risiko, dass Außenstehende deren Vertrauen in die Führung überschätzen?

Andreas Sommer: Ein Verkauf allein belegt keinen Vertrauensverlust. Menschen wollen nach langer Zeit auch einmal über ihr Geld verfügen. Über persönliche Verkäufe der Führung liefern die Angaben nichts Belastbares. Daraus würde ich weder Misstrauen noch besondere Zuversicht ableiten.

Trading-Treff Redaktion: Was müsste Revolut konkret zeigen, damit Ihre Skepsis gegenüber der Umsetzung kippt?

Andreas Sommer: Eine abgeschlossene britische Kontenmigration und ein erkennbar ertragreicher Ausbau des Kreditgeschäfts würden meine Rechnung empfindlich treffen. Wenn die neuen Bankmöglichkeiten zügig zusätzliche Gewinne bringen, ohne dass die Kosten davonlaufen, wäre mein Misstrauen gegenüber dem Expansionstempo zu streng gewesen. Das wäre eine echte Widerlegung.

Der nächste Prüfstein ist für mich die Umsetzung in Großbritannien. Früh erkennbar wäre eine Verbesserung an einem belegten Abschluss der Migration und belastbaren Angaben zum Ergebnisbeitrag des neuen Geschäfts. Bislang ist der Abschluss offen.

Besonders gewichte ich die berichtete PRA-Überprüfung der Produktfreigabeprozesse. Ihr Ausgang kann die Einschätzung des Managements schneller verändern als die nächste Kundenzahl. Weitere Lizenzen beeindrucken mich weniger, solange die vorhandenen Möglichkeiten noch in den Betrieb überführt werden.

Trading-Treff Redaktion: Rund das 50-Fache des Vorsteuergewinns von 2025 verlangt also erhebliches Vertrauen in die Umsetzung. Welches Gesamturteil folgt daraus für Revolut?

Andreas Sommer: Für mich ist Revolut zu anspruchsvoll bewertet. Die starke Ertragskraft rechtfertigt einen hohen Preis; das Management bekommt hier zusätzlich schon viel Anerkennung für einen Ausbau, dessen Ergebnis noch aussteht. In den nächsten zwei bis vier Quartalen gewichte ich die britische Umsetzung deutlich höher als weitere Expansionsankündigungen. Bis dahin bleibt mein Urteil über die Bewertung skeptisch.