Rheinmetall hat am Donnerstag den Grundstein für eine der größten und modernsten Pulverfabriken Europas gelegt. Am Standort Aschau am Inn soll die Tochtergesellschaft Nitrochemie ihre Kapazitäten bis 2028 auf über eine Million Treibladungsmodule pro Jahr verdoppeln. Das Projekt fällt in eine Phase, in der der Konzern parallel eine Reihe neuer Aufträge verbucht – während zugleich kritische Analystenstimmen die Portfoliostruktur des Rüstungskonzerns infrage stellen.

Ausbau in Aschau am Inn als Antwort auf Munitionsbedarf

Die neue Anlage in Bayern soll die Fertigung von Treibladungsmodulen deutlich beschleunigen und gilt als zentraler Baustein, um die europäische Munitionsversorgung langfristig abzusichern. Der Zeitplan bis 2028 unterstreicht, dass Rheinmetall auf einen anhaltend hohen Bedarf an Artilleriemunition setzt – ein Feld, in dem der Konzern bereits Lieferfähigkeit unter Beweis gestellt hat: Aus dem neuen Werk in Unterlüß in Niedersachsen ging kürzlich die erste Charge 155-mm-Artilleriemunition an die Ukraine, ein Auftrag über eine niedrige fünfstellige Stückzahl, der noch im laufenden Jahr abgeschlossen werden soll.

Auftragsflut über mehrere Geschäftsfelder hinweg

Neben der klassischen Munitionsfertigung meldet Rheinmetall in diesen Tagen Fortschritte auf mehreren Feldern zugleich. Die britische Armee vergab einen Auftrag zur Digitalisierung der Gefechtsausbildung im Wert von fast einer Milliarde Euro, während britisches Militärpersonal parallel in autonomen Logistikoperationen geschult wird, um sich auf internationale Großübungen vorzubereiten. Das deutsche Beschaffungsamt BAAINBw übertrug dem Konzern zudem die Gesamtverantwortung für das Forschungsprojekt InterRoC VII, das autonome militärische Konvois entwickeln soll. Die Bundeswehr wiederum rief aus dem laufenden Rahmenvertrag zur Digitalisierung landbasierter Operationen zusätzliche Hardware und Unterstützungsleistungen im Wert von 100 Millionen Euro ab. Auch im maritimen Bereich expandiert Rheinmetall: Mit dem norwegischen Unternehmen Space Norway wurde eine Kooperation zur gemeinsamen maritimen Weltraumüberwachung vereinbart.

Kritik von Bank of America und geplatzter Werft-Deal

Dem breiten Auftragsfluss steht eine skeptischere Einschätzung von der Kapitalmarktseite gegenüber. Bank of America senkte am 21. Juli das Kursziel für Rheinmetall und begründete den Schritt mit einer kritischen Bewertung des Portfoliomixes: Der Konzern sei stark auf klassische Munition ausgerichtet, während die Nachfrage zunehmend in Richtung Drohnenabwehr und Präzisionssysteme wandere. Am selben Tag wurde bekannt, dass die Verkaufsgespräche für die Werft German Naval Yards Kiel gescheitert sind – ThyssenKrupp Marine Systems und die Bieterseite konnten sich nicht auf die wirtschaftlichen Bedingungen einigen. Rheinmetall war als potenzieller Mitbieter in den Prozess involviert gewesen und geht damit vorerst leer aus.

Aktie erholt sich, bleibt aber weit unter altem Niveau

An der Börse zeigt sich die Aktie zuletzt widerstandsfähiger: Der Kurs legte am Donnerstag um 2,39 Prozent auf 1.038,40 Euro zu und hat sich damit binnen sieben Handelstagen um 8,14 Prozent erholt – gestützt auch vom positiven Branchensentiment, nachdem die europäischen Wettbewerber Dassault Aviation und Thales starke Halbjahreszahlen vorgelegt hatten. Von den Rekordständen aus dem Herbst ist der Titel dennoch weit entfernt, das Bewertungsniveau spiegelt die Verunsicherung der vergangenen Monate wider. Ob die Auftragsdynamik der vergangenen Wochen die Zweifel an der Portfoliostruktur zerstreuen kann, dürfte sich auch im Bericht zum zweiten Quartal zeigen, den Rheinmetall am 6. August veröffentlicht.