Liebe Traderinnen und Trader,
23 von 27 Analysten empfehlen Rheinmetall zum Kauf. Die Aktie hat trotzdem seit Jahresbeginn rund 30 Prozent verloren. Einer von beiden liegt hier falsch – und dieses Wochenende liefert gleich drei weitere Fälle, in denen Story und Kurs auseinanderlaufen: eine Raumfahrtfirma mit Billionen-Fantasie am Jahrestief, und eine Dollar-Yen-Intervention, die zeigt, wie eng Geldpolitik und Chip-Lieferketten inzwischen verdrahtet sind. Der Reihe nach.
Rheinmetall: Der Markt glaubt nicht an die eigenen NATO-Zusagen
Beim NATO-Gipfel in Ankara wurde vor wenigen Wochen ein 140-Milliarden-Euro-Paket für Ukraine-Hilfen bestätigt – 70 Milliarden Euro pro Jahr – plus Rüstungsverträge über mehr als 50 Milliarden Dollar. Für jeden Rüstungswert eigentlich eine Steilvorlage. Rheinmetall hat davon nichts abbekommen.
Der Grund liegt nicht in Ankara, sondern in Berlin. Der Bundeshaushalt 2027 sieht Munitionsausgaben von nur noch 9,6 Milliarden Euro vor – 1,4 Milliarden weniger als 2026 (11 Milliarden Euro), davon 7,7 Milliarden direkt und 1,9 Milliarden aus dem Sondervermögen. Dazu kommen das gestoppte F126-Fregattenprojekt und chinesische Exportkontrollen gegen den Konzern. Drei konkrete Belastungen, gegen die die abstrakte NATO-Zusage offenbar nicht ankommt.
Und doch: 23 von 27 Analysten raten weiter zum Kauf, nur vier zu Halten. Das ist keine Randnotiz, das ist eine handfeste Erwartungslücke. Entweder haben die Bank-Häuser die Berliner Kürzungslogik unterschätzt – oder der Markt preist gerade ein Worst-Case-Szenario ein, das die langfristigen Beschaffungszusagen der NATO eigentlich widerlegen sollten. Für Trader heißt das: Die 30-Prozent-Kursdelle ist der eigentliche Test, wer hier recht behält.
SpaceX: Die Billionen-Bewertung, die der Kurs nicht sieht
Noch schärfer zeigt sich die Kluft bei SpaceX. Elon Musks Raumfahrtkonzern arbeitet Berichten zufolge am größten Börsengang aller Zeiten, Zielmarke: eine Bewertung von einer Billion Dollar – bei offenen Fragen zur Geschäftslage und zu Musks Rolle im Unternehmen. Der Kurs zeichnet davon ein anderes Bild: Am Freitag schloss die Aktie bei 93,97 Euro (rund 107,83 US-Dollar), ein neues 52-Wochen-Tief. Binnen 30 Handelstagen hat das Papier 32,1 Prozent verloren, vom Junihoch bei 194,46 Euro ist kaum mehr etwas übrig – bei einer Marktkapitalisierung, die mit 1,29 Billionen Euro trotzdem beachtlich bleibt.
Das ist die Pointe: Eine IPO-Story mit Billionen-Anspruch, deren eigene Aktie gerade ein Jahrestief markiert. Wer aus der Schlagzeile automatisch auf den Kurs schließt, handelt an der Realität vorbei.
Yen-Intervention: Wenn Geldpolitik zur Chip-Politik wird
Das eigentliche Ereignis der Woche für Dollar-Trader und alles mit Chip-Exposure lag jedoch nicht an der Börse, sondern im Devisenmarkt. Das US-Finanzministerium kaufte am Freitag über die New Yorker Fed erstmals seit 2011 gezielt Yen und verkaufte dafür Euro. Japan selbst hatte tags zuvor bereits rund 53 bis 59 Milliarden Dollar investiert. Der Effekt: Der Yen erholte sich vom 40-Jahres-Tief bei 162,66 auf rund 157,40 zum Dollar.
Bemerkenswert ist das offizielle Motiv – nicht Inflationsbekämpfung, sondern der Schutz der Halbleiter-Lieferketten im Wettlauf um KI-Kapazitäten. Die Bank of Japan beließ ihren Leitzins bei 1,0 Prozent, doch das Votum fiel mit 8 zu 1 knapper aus als erwartet; ein Ratsmitglied forderte bereits 1,25 Prozent. Auch Südkorea stützte den Won um rund 2 Prozent. Der KOSPI, der binnen zwölf Monaten mehr als verdoppelt hat, büßte auf 30-Tage-Sicht trotzdem gut ein Fünftel ein – ein Indiz, dass koreanisches Kapital zuletzt in Chipwerte wie Samsung und SK Hynix umgeschichtet wurde. Parallel brach das heimische Krypto-Handelsvolumen im ersten Halbjahr um 54,6 Prozent ein, auch wegen einer ab 2027 greifenden 22-Prozent-Steuer. Für den DAX-Anleger heißt das: Die Dollarschwäche gegenüber dem Yen dürfte den Euro tendenziell stützen, während die Kapitalflucht aus Krypto in Chipwerte zeigt, wohin das Geld drängt, wenn Notenbanken koordiniert eingreifen.
Wie eng Geldpolitik, Halbleiter-Lieferketten und geopolitische Machtfragen inzwischen zusammenhängen, zeigt sich nicht nur bei der Yen-Intervention, sondern noch deutlicher im direkten Wettlauf zwischen den USA und China um die Chip-Vorherrschaft. Genau diesem Thema widmen sich Bernd Wünsche und Johannes Daut morgen um 18:00 Uhr im kostenlosen Live-Webinar „Chipkrieg USA vs China – Die neue NVIDIA“. Dort geht es um die aktuelle Eskalation: chinesische KI-Modelle, die US-Chip-Aktien massiv unter Druck gesetzt haben, den 100-Milliarden-Dollar-Deal zwischen Washington und TSMC sowie die jüngsten Entwicklungen um Nvidia und Taiwan. Die beiden Experten ordnen ein, welche Unternehmen von diesem Wettlauf um technologische Vorherrschaft profitieren könnten und wie Anleger die aktuelle Marktlage einordnen sollten. Wer verstehen will, wie sich politische Eingriffe auf Chip-Werte und deren Kurse auswirken, findet hier den direkten Anschluss an die Beobachtungen aus diesem Newsletter. Jetzt kostenlos zum Webinar anmelden
Bitcoin als Geopolitik-Barometer, Coinbase als Warnsignal
Auf der Kryptoseite bleibt Bitcoin vor allem Wetterfahne für geopolitisches Risiko: Drohungen von Donald Trump gegen den Iran lösten übers Wochenende Liquidationen von rund 238 Millionen Dollar aus, vor allem bei Long-Positionen. Bitcoin selbst notiert bei rund 62.960 Dollar, 2,7 Prozent leichter als zuvor – ein Bruch unter 62.000 Dollar würde ein Put-Options-Volumen von 1,17 Milliarden Dollar bei der 60.000-Dollar-Marke aktivieren.
Interessanter als der Kurs ist die Rotation innerhalb der Kryptowelt: Während Bitcoin-ETFs binnen einer Woche 61,5 Millionen Dollar Nettoabflüsse verzeichneten, verlängerten Ethereum-ETFs ihre Zuflussserie auf vier Wochen, angeführt vom BlackRock-Fonds ETHA. Wer diese Rotation handeln will, sollte Coinbase nicht aus den Augen lassen: Die Börse meldete für das zweite Quartal einen Umsatzrückgang von 18,5 Prozent auf 1,22 Milliarden Dollar und einen Nettoverlust von 359,5 Millionen Dollar, das Transaktionsgeschäft brach um 21,6 Prozent ein. Die Aktie fiel daraufhin um 10,6 Prozent auf 146,26 Dollar. Die Lektion: Sinkende Handelsvolumina treffen die Plattformbetreiber härter als die Kurse der Kryptowährungen selbst.
Der gleiche Iran-Auslöser trieb zuletzt auch Öl: Nach dem Raketenangriff Irans Ende Juli sprang Brent auf rund 88 Dollar und notiert inzwischen nahe der 90-Dollar-Marke. Profiteure sind die Ölmultis – Chevron meldete für das zweite Quartal einen um 400 Prozent auf 12 Milliarden Dollar gestiegenen Gewinn, Exxon kam auf 14,5 Milliarden Dollar. Rekordzahlen, die in den USA bereits Debatten über eine Übergewinnsteuer befeuern. Für Dividendenjäger bleibt Exxon mit einer Rendite von 0,65 Prozent trotzdem kein Schnäppchen; die nächste Ex-Dividende ist für den 17. August terminiert.
Marschroute
Vier Linien entscheiden die kommenden Handelstage. Der DAX bleibt das Nadelöhr: Die Elliott-Wellen-Zählung sieht das kurzfristige Ziel zwischen 25.512 und 25.851 Punkten, ein gedehntes Ziel liegt erst oberhalb von 28.906 Punkten – solange der Index unter seinem Jahreshoch von 25.900 Punkten verharrt, bleibt es ein Korrektur-Labyrinth ohne klaren Ausgang. Bei Rheinmetall entscheidet die 30-Prozent-Kursdelle, ob die Analystenmehrheit oder der Markt recht behält. Beim Yen ist die 157er-Marke zum Dollar der Gradmesser für weitere Interventionen. Und bei Bitcoin bleibt die 62.000-Dollar-Linie die Schwelle, unter der das Put-Volumen bei 60.000 Dollar zur Zielmarke wird.
Das Wochenende liefert keine neuen Kurse, aber genug offene Fragen für den Wochenstart – Rheinmetall dürfte davon die spannendste bleiben.
Gute Trades, Ihr Andreas Sommer
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