Liebe Traderinnen und Trader,
Kevin Warsh hat es wieder getan. Ein Satz in Jackson Hole, und die September-Zinserhöhungswahrscheinlichkeit springt auf bis zu 60 Prozent. Die Folge: Bitcoin verliert binnen Stunden fast 500 Millionen Dollar an Liquidationen, Nvidia rutscht trotz Rekordzahlen ins Minus. Wer sein Depot gegen solche Ausschläge wappnen will, wird derzeit nicht in der Tech-Welt fündig, sondern in Rüstung und erneuerbaren Energien. Beide Sektoren liefern für die kommende Woche klare Marken, an denen sich Einstiege und Ausstiege festmachen lassen.
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Rheinmetall: Der Rücksetzer als Testfall. Nach einer Rallye von 38 Prozent seit Jahresbeginn ist die Aktie zuletzt um rund 6 Prozent zurückgekommen und notiert bei 1.152,40 Euro. Die charttechnische Lage ist eindeutig gezeichnet: Unterstützung bei 1.112 Euro, Widerstandszone zwischen 1.256 und 1.342 Euro. Fundamental bleibt das Bild robust – der Auftragsbestand liegt inzwischen bei über 100 Milliarden Euro, befeuert unter anderem durch einen Litauen-Auftrag (250 Millionen Euro Aufbau, 40 Millionen Euro laufender Betrieb jährlich) und eine frisch angekündigte Investition von über 260 Millionen Euro in den Standort Nordhessen mit über 1.000 neuen Stellen. Zugleich musste der Konzern seine Umsatzprognose 2026 wegen des ausgelaufenen deutschen Fregattenprojekts um 300 Millionen Euro auf 13,7 bis 14,2 Milliarden Euro kappen – bei einer operativen Marge, die im ersten Halbjahr dennoch von 12 auf 15 Prozent gestiegen ist. Für Trader heißt das: Ein Rutsch unter 1.112 Euro bestätigt die Korrektur und öffnet den Weg Richtung tieferer Marken, ein Ausbruch über 1.256 Euro leitet dagegen den nächsten Schub ein.
Dass die Stärke im Sektor nicht allein an Rheinmetall hängt, zeigt Deutz: Der Motorenbauer markierte am Freitag ein neues Rekordhoch seit 1998 und liegt seit Jahresbeginn über 50 Prozent im Plus. Auch der U-Boot-Bauer TKMS sitzt mit einem Auftragsbestand von 20,1 Milliarden Euro – davon 6,3 Milliarden Euro allein aus neuen Fregattenaufträgen – auf solidem Fundament, auch wenn die Aktie zuletzt leicht nachgab.
Siemens Energy und RWE: Konsolidierung statt Korrektur. Während Rheinmetall technisch kämpft, verschnauft Siemens Energy nach einem starken Lauf auf hohem Niveau. Die Aktie schloss die Woche bei 149,28 Euro, rund ein Prozent leichter, nachdem sie zwischenzeitlich zwischen 146 und 157 Euro geschwankt hatte. Operativ liefert der Konzern: Das dritte Quartal brachte einen Gewinn je Aktie von 1,28 Euro nach 0,71 Euro im Vorjahr, der Umsatz stieg auf 11,45 Milliarden Euro von 9,75 Milliarden Euro. Im Anlegerforum wird intensiv über eine mögliche Abspaltung der Sparte „Transformation of Industry“ diskutiert – ein Schritt, der Fantasie freisetzen, aber auch das Wachstumstempo des Gesamtkonzerns bremsen könnte. Wer die Aktie hält, sollte die Bandbreite 146 bis 157 Euro als Orientierung nehmen: Ein Ausbruch nach oben würde die 12-Monats-Performance von 62 Prozent bestätigen, ein Rutsch unter 146 Euro wäre ein erstes Warnsignal.
RWE bleibt der ruhigere Pol im Sektor. Mit 58,96 Euro nähert sich der Versorger seinem 52-Wochen-Hoch von 62,00 Euro, gestützt von einer Jahresperformance von 30 Prozent – ein Titel, der sich als defensiver Depot-Baustein eignet, solange die 62-Euro-Marke nicht fällt.
PayPal: Wenn die Übernahmefantasie platzt. Ganz anders die Lage bei PayPal. Das Advent-Stripe-Konsortium hat seine Übernahmepläne am Freitag überraschend beendet – ursprünglich stand ein Angebot von 60,50 Dollar je Aktie im Raum, was einer Bewertung von über 53 Milliarden Dollar entsprochen hätte. Die Reaktion war brutal: Die Aktie brach auf 46,31 Euro ein, ein Tagesverlust von 12 Prozent, die Marktkapitalisierung schmolz auf 45,39 Milliarden Euro. Mizuho senkte das Kursziel von 60 auf 51 Dollar, Loop Capital von 62 auf 50 Dollar. Ohne Übernahmeprämie muss sich PayPal nun wieder allein über die Fundamentaldaten rechtfertigen – und die sehen mit einem Forward-KGV von 10,85 gegenüber einem Branchenmedian von 15 nach einem klassischen Value-Fall aus, den der Markt seit Monaten meidet. Wer hier einsteigen will, beobachtet die neuen Analystenziele um 50 Dollar als erste Auffanglinie.
Bitcoin: Nach dem Warsh-Schock zurück über 78.000 Dollar. Warshs Rede löste am Freitag eine Liquidationswelle von 488 Millionen Dollar aus und drückte Bitcoin zeitweise unter 77.000 Dollar. Über das Wochenende hat sich die Notierung auf 78.802 Dollar stabilisiert, ein Plus von gut 22 Prozent im Monatsvergleich, wenn auch weiterhin knapp 28 Prozent unter dem Stand vor einem Jahr. Der CryptoQuant-Bullenindikator ist binnen einer Woche von 30 auf 80 gesprungen – die entscheidende Bestätigung wäre aber erst ein Schlusskurs über 83.000 Dollar. Bis dahin bleibt die Zone zwischen 81.000 und 86.000 Dollar der Widerstand, während sich Unterstützung im Bereich von 70.000 bis 72.600 Dollar anbietet.
Siemens: Zwischen Rekordgewinn und Regulierungsstreit. Siemens-Chef Roland Busch warnte am Wochenende vor einer zu strengen EU-Regulierung von Künstlicher Intelligenz und forderte schnellere Zulassungsverfahren – ein Vorstoß, der nicht zufällig kommt. Der Konzern profitierte im dritten Quartal von der starken Nachfrage nach KI-Rechenzentren in den USA und erzielte den höchsten Quartalsgewinn seiner Geschichte. Busch wehrt sich zugleich gegen den Blasen-Vorwurf, da die Investitionen aus dem laufenden Cashflow finanziert seien. Die Aktie selbst markierte am Freitag mit 288,80 Euro ein neues 52-Wochen-Hoch – ein Kontrapunkt zur Tech-Nervosität an der Nasdaq. Er zeigt: Industriekonzerne mit KI-Bezug werden vom Markt anders bewertet als reine Chip-Werte.
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Marschroute
Zwei Linien entscheiden im Rüstungssektor über die kommende Woche: 1.112 Euro als Unterstützung und 1.256 Euro als Ausbruchsmarke bei Rheinmetall. Siemens Energy sucht zwischen 146 und 157 Euro die Richtung, RWE bleibt kaufbar, solange die 62-Euro-Marke hält. Bei PayPal entscheidet die 50-Dollar-Linie der Analysten über die nächste Bewegung, bei Bitcoin die 83.000-Dollar-Schwelle über die Bestätigung des Bullenmarktes. Die Fed-Sitzung am 16. September dürfte für alle vier Geschichten der nächste Prüfstein sein – bis dahin gilt: Rüstung und Energie halten die Stellung, Tech und Fintech bleiben die Wackelkandidaten.
Gute Trades, Ihr Andreas Sommer
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