Volle Auftragsbücher, gekürzte Prognosen, ein Aktienkurs, der trotz Rekordzahlen einbricht — der Verteidigungssektor zeigt diese Woche, wie unterschiedlich Anleger auf ähnliche Nachrichten reagieren können. Während Leonardo für seine Zahlen gefeiert wird, muss Rheinmetall seine Jahresprognose zusammenstreichen. Renk liefert das beste Quartal der Firmengeschichte und wird trotzdem mit Skepsis gehandelt.
Rheinmetall: Fregatten-Stopp bremst Prognose, Wachstum bleibt intakt
Die Bundesregierung hat dem F126-Fregattenprogramm den Stecker gezogen. Verteidigungsminister Boris Pistorius begründete den Stopp mit einer Kostenexplosion auf fast 18 Milliarden Euro statt der ursprünglich veranschlagten 10 Milliarden Euro sowie massiven Verzögerungen im Projekt.
Rheinmetall musste daraufhin seine Umsatzprognose für das laufende Jahr senken. Der Vorstand erwartet nun einen Konzernumsatz zwischen 13,7 und 14,2 Milliarden Euro, vorher waren 14 bis 14,5 Milliarden Euro angepeilt. Die Margenziel-Marke von rund 19 Prozent bleibt davon unberührt.
Das operative Geschäft läuft trotz des Rückschlags rund. Im zweiten Quartal kletterte der Umsatz um 69 Prozent auf knapp 3,3 Milliarden Euro, das operative Ergebnis verbesserte sich um fast ein Fünftel auf 562 Millionen Euro. CEO Armin Papperger zeigte sich entsprechend gelassen und sprach von einem soliden Wachstumspfad bei gleichzeitig steigender Profitabilität.
An der Börse ging es zuletzt turbulent zu. Ende Juli überwand die Aktie ihre 50-Tage-Linie und markierte bei 1.153,80 Euro ein Zwischenhoch, ehe eine Konsolidierung einsetzte. Aktuell notiert das Papier bei 1.204,80 Euro, nach einem Anstieg von gut 8 Prozent auf 30-Tage-Sicht. Barclays senkte das Kursziel von 2.035 auf 2.000 Euro, beließ die Einstufung aber auf „Overweight“ — Analyst Afonso Osorio mahnte, das große Bild nicht aus den Augen zu verlieren.
Renk Group: Rekord-Auftragseingang trifft auf Kursverweigerung
Kaum ein Unternehmen im Sektor lieferte operativ so überzeugende Zahlen ab wie Renk. Der Auftragseingang im ersten Halbjahr stieg auf rund 1,2 Milliarden Euro, ein Plus von 29,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Allein im zweiten Quartal kamen 612,8 Millionen Euro herein — der höchste Einzelquartalswert der Firmengeschichte.
Die Book-to-Bill-Ratio, also das Verhältnis von Auftragseingang zu Umsatz, kletterte von 1,5 auf 1,9. Der Gesamtauftragsbestand wuchs auf 7,4 Milliarden Euro. CEO Alexander Sagel brachte es auf den Punkt: Nach nur sechs Monaten habe man bereits fast das Niveau der ersten neun Monate des Vorjahres erreicht.
Auch die Profitabilität zieht mit. Das bereinigte EBIT stieg um gut 10 Prozent auf gut 98 Millionen Euro, die Marge verbesserte sich von 14,4 auf 15,4 Prozent. Für das Gesamtjahr bestätigte das Management seine Ziele: Umsatz über 1,5 Milliarden Euro, bereinigtes EBIT zwischen 255 und 285 Millionen Euro, mit Kurs auf die obere Hälfte dieser Spanne.
Die Kursreaktion blieb trotz allem verhalten. Die Aktie bewegt sich aktuell bei 50,60 Euro, nach einem Plus von 3,38 Prozent am heutigen Handelstag — die Zahlen lagen offenbar schlicht im Rahmen der Erwartungen. Die Lücke zwischen operativer Stärke und Kursentwicklung bleibt damit eines der auffälligsten Muster im gesamten Sektor.
OHB SE: Rekordauftragsbestand trifft auf Kapitalerhöhung
Der Bremer Raumfahrtkonzern hat das Jahr mit hohem Tempo begonnen. Im ersten Quartal legte der Umsatz um 15 Prozent auf 200,8 Millionen Euro zu, das bereinigte EBITDA erreichte 27,3 Millionen Euro bei einer Marge von 9,7 Prozent. Der Auftragsbestand kletterte auf ein Rekordniveau von 3,35 Milliarden Euro.
Die Basis ist breit verteilt: Space Systems steuert 2,683 Milliarden Euro bei, Access to Space 362 Millionen Euro und die Digital-Sparte 309 Millionen Euro. Ende Juli kam mit einem Satellitenauftrag für das italienische PRISMA-Programm der nächsten Generation ein weiterer Baustein hinzu. Parallel treibt OHB strategische Initiativen voran, darunter die Gründung der European Moonport Company und die Zusammenarbeit mit Rheinmetall und Airbus an einem nationalen Satellitenkommunikationsprojekt.
Nach der spektakulären Rally des vergangenen Jahres — die Aktie legte binnen zwölf Monaten um mehr als 250 Prozent zu — ist zuletzt deutlich Luft aus dem Kurs gewichen. Heute rutschte das Papier um 8,01 Prozent auf 235,50 Euro ab, nach einem Minus von gut 15 Prozent auf Monatssicht. Eine kürzlich abgeschlossene Kapitalerhöhung zur Finanzierung der Expansionspläne hat für zusätzlichen kurzfristigen Druck gesorgt, auch wenn das fundamentale Auftragsbild intakt bleibt.
Kraken Robotics: Covelya-Übernahme krempelt Wachstumspfad um
Bei Kraken Robotics hat sich seit dem Sommer strukturell einiges verändert. Anfang Juli schloss das Unternehmen die Übernahme der Covelya Group für rund 615 Millionen US-Dollar ab. CEO Greg Reid positionierte den Deal als Schritt zum globalen Anbieter missionskritischer Unterwasser-Aufklärungstechnologie mit doppeltem Verwendungszweck — militärisch und zivil.
Die Konsequenzen für die Prognose sind erheblich. Kraken hob seine Umsatzerwartung für das laufende Jahr auf eine Spanne von 290 bis 320 Millionen kanadische Dollar an, deutlich über der vorherigen Zielmarke von 165 bis 175 Millionen kanadischen Dollar. Der Sprung erklärt sich fast vollständig durch die Einbeziehung von Covelya seit dem Übernahmestichtag.
Operativ lief das Geschäft schon vor der Übernahme rund: Kraken sicherte sich neue Aufträge über rund 24 Millionen US-Dollar von mehr als zehn Kunden aus fünf Ländern, darunter drei neue Verteidigungskunden für Produkte wie SeaPower-Batterien und das KATFISH-Sonarsystem. Die Q2-Zahlen stehen für Ende August an, der erste vollständige Quartalsbeitrag von Covelya folgt im November.
Die Aktie zeigte zuletzt Stärke: Nach einem Anstieg von knapp 12 Prozent binnen einer Woche notiert das Papier bei 3,98 Euro. Auf Zwölf-Monats-Sicht steht ein Plus von fast 85 Prozent.
Leonardo: Prognose angehoben nach 40-Prozent-Auftragssprung
Kein Unternehmen im Sektor lieferte diese Woche überzeugendere Zahlen als der italienische Konzern. Ende Juli meldete Leonardo einen Auftragssprung von 40 Prozent im ersten Halbjahr und hob die Jahresprognose an — erstmals peilt das Management eine zweistellige Umsatzrendite an. Das Unternehmen begründete den Schub mit einem strukturell veränderten sicherheitspolitischen Umfeld und beschleunigten Verteidigungsausgaben in Europa.
Die Zahlen im Detail: Neue Aufträge erreichten 16 Milliarden Euro, ein Plus von 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Umsatz legte um 12 Prozent auf 10 Milliarden Euro zu, das EBITA sprang um 34 Prozent auf 780 Millionen Euro. Sämtliche Sparten trugen zum Wachstum bei — von Elektronik über die US-Tochter DRS bis zur Cybersicherheitssparte, die ihre Marge auf 11 Prozent ausbaute.
Cybersicherheit entwickelt sich zunehmend zu einem eigenständigen Wachstumsmotor. Auf der Fachmesse Eurosatory stellte Leonardo seine neue Cyber Defence Suite vor, flankiert von Zukäufen wie dem britischen Unternehmen Becrypt und einem großen EU-Rahmenvertrag für Cybersicherheit. Auch die Bonitätswächter honorierten die Entwicklung: S&P hob das Rating auf BBB mit positivem Ausblick an, Moody’s zog mit einer Anhebung auf Baa2 nach.
Der Kurs honoriert die Entwicklung sichtbar. Mit 58,63 Euro und einem Tagesplus von 2,91 Prozent nähert sich die Aktie ihrem 52-Wochen-Hoch von 66,24 Euro wieder deutlich an.
Sektordynamik im Überblick
Die fünf Unternehmen zeigen, wie unterschiedlich sich der Rüstungsboom auf einzelne Geschäftsmodelle auswirkt:
- Rheinmetall und Leonardo demonstrieren als Großkonzerne gegensätzliche Effekte von Skaleneffekten: Rheinmetalls Fregatten-Debakel offenbart Ausführungsrisiken auf Projektebene, während Leonardos breite Diversifikation über Hubschrauber, Elektronik, Raumfahrt und Cyber Enttäuschungen in Einzelsegmenten abfedert
- Renk zeigt als reiner Antriebszulieferer, dass Rekordauftragsbücher nicht automatisch zu einer Neubewertung an der Börse führen — der Markt achtet offenbar stärker auf Margenqualität als auf reines Wachstum
- OHB und Kraken Robotics repräsentieren das wachstumsstärkere Small-Cap-Segment, beide mit transformativen Schritten (Kapitalerhöhung respektive Großübernahme), die Chancen und Integrationsrisiken gleichzeitig mit sich bringen
- Branchenübergreifend wachsen die Auftragsbestände schneller als die Umsätze — ein Zeichen für ungebrochene Nachfrage, während Investoren zunehmend selektiv prüfen, wer Bestellungen auch in Marge übersetzen kann
Rüstungsbranche zwischen Rekordbüchern und Geduldsprobe der Investoren
Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob die uneinheitlichen Kursreaktionen dieser Woche — Rheinmetalls Prognosekürzung trotz starkem Halbjahr, Renks Kursschwäche trotz Bestwerten — echte Vorsicht gegenüber den hohen Bewertungen im Sektor widerspiegeln oder nur kurzfristige Gewinnmitnahmen nach einer außergewöhnlichen Rally sind. Krakens Q2-Bericht Ende August liefert die erste Gelegenheit, den Covelya-Beitrag zu bewerten. Bei Leonardo wird sich zeigen, ob sich das zweistellige Margenziel angesichts der wachsenden Verschuldung nach der IDV-Übernahme im zweiten Halbjahr halten lässt. Auch OHBs nächste Kapitalmarktkommunikation und mehr Klarheit zu den Bundeswehr-Satellitenprogrammen könnten für die Stimmung in der Raumfahrt-Verteidigungsnische entscheidend werden. Für den Sektor insgesamt bleibt das Spannungsfeld zwischen prall gefüllten Auftragsbüchern, europäischen Aufrüstungsbudgets und wachsenden Margenerwartungen der Anleger die bestimmende Frage für den Rest des Jahres.
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