Die RWE-Aktie notiert auf einem 52-Wochen-Hoch — und genau dort scheiden sich die Geister. JPMorgan sieht weiteres Potenzial, Bernstein Research winkt ab. Welche Analyse trägt mehr Gewicht, hängt stark davon ab, wie man den geopolitischen Rückenwind bewertet.

Geopolitik spaltet die Analysten

JPMorgan hat das Kursziel für RWE deutlich von 57 auf 65 Euro angehoben und die Einstufung auf „Overweight“ bestätigt. Die Bank verweist auf den Iran-Krieg als strukturellen Treiber für Gas- und Strompreise — und hält RWE auf ihrer „Analyst Focus List“. Bernstein Research sieht das anders. Analystin Deepa Venkateswaran zieht zwar Parallelen zur Energiekrise 2022, belässt die Einstufung aber bei „Market-Perform“ mit einem Kursziel von 57 Euro. Beim aktuellen Kurs bedeutet das: kein Aufwärtspotenzial mehr.

Der Vergleich mit 2022 ist dabei erhellend. Damals traf die Unterbrechung russischer Gaslieferungen Europa hart. Bernstein argumentiert, dass der aktuelle Konflikt im Nahen Osten ähnliche Effekte auf die Ölversorgung haben könnte — mit entsprechenden Folgen für die Energiepreise insgesamt.

Amprion investiert, RWE profitiert mit

Neben der Analystenrunde gibt es handfeste operative Entwicklungen. Als Miteigentümer des Übertragungsnetzbetreibers Amprion sitzt RWE an einem der größten Infrastrukturprogramme Deutschlands. Amprion plant für die Jahre 2026 bis 2030 Investitionen von rund 42 Milliarden Euro — sechs Milliarden Euro mehr als im Vorplanungszeitraum.

Im Mittelpunkt stehen zwei Hochspannungsleitungen, die Windstrom aus dem Norden in den Süden und Westen transportieren sollen. Die Leitung Ultranet soll noch bis Ende 2026 fertiggestellt werden.

Das operative Umfeld passt dazu: Im ersten Quartal 2026 deckten Wind- und Solar bereits 53 Prozent des deutschen Stromverbrauchs ab, die Onshore-Windkraft legte um mehr als ein Viertel zu.

Dividende wächst, Hauptversammlung naht

RWE selbst steuert mit klaren Zielen. Für 2026 erwartet der Konzern ein bereinigtes EBITDA zwischen 5,2 und 5,8 Milliarden Euro. Die Dividende soll jährlich um zehn Prozent steigen — für 2026 sind 1,32 Euro je Aktie vorgesehen.

Am 30. April 2026 findet die virtuelle Hauptversammlung statt, auf der unter anderem über die Ausschüttung abgestimmt wird. Mit einem Kursplus von rund 25 Prozent seit Jahresbeginn hat die Aktie bis dahin bereits viel eingepreist — die Frage, ob JPMorgans optimistische Sichtweise oder Bernsteins Zurückhaltung den realistischeren Blick liefert, dürfte spätestens dann wieder auf den Tisch kommen.