Liebe Leserinnen und Leser,
zwei völlig unterschiedliche Kräfte haben heute die Märkte in die Zange genommen – und das Ergebnis ist ein Handelstag, der kaum klarer zeigt, wie fragil die aktuelle Lage ist. Auf der einen Seite: ein Nahost-Konflikt, dessen diplomatische Signale sich im Stundentakt widersprechen. Auf der anderen: eine KI-Welle, die plötzlich die Geschäftsmodelle etablierter Softwarekonzerne infrage stellt. Der DAX rettete sich mit einem hauchdünnen Minus von 0,07 Prozent über die Ziellinie – aber diese Zahl täuscht über die Turbulenzen darunter hinweg. Heute schauen wir auf den freien Fall bei SAP, den Abgang eines aktivistischen Investors bei Bayer, und was der Kryptomarkt aus all dem macht.
SAP unter Doppelbeschuss
Selten trifft ein DAX-Schwergewicht gleich zwei Treffer an einem einzigen Tag. SAP verlor heute rund vier Prozent – und das aus zwei Richtungen gleichzeitig.
Erstens: JPMorgan entzog dem Walldorfer Softwarekonzern seine Kaufempfehlung und stufte die Aktie auf „Neutral“ herab. Analyst Toby Ogg argumentierte, das erhoffte Bild einer Wachstumsbeschleunigung und Margenexpansion habe sich verändert. Das Cloud-Auftragsbestandswachstum dürfte sich weiter verlangsamen – ein unangenehmes Signal für eine Aktie, die zuletzt vor allem auf Zukunftsfantasie gehandelt wurde.
Zweitens traf SAP eine breitere Welle, die den gesamten Softwaresektor erfasste. Anthropic verkündete heute, dass sein KI-Assistent Claude nun eigenständig Computer bedienen kann – Apps öffnen, Browser navigieren, Tabellen befüllen. Parallel dazu berichtete die Nachrichtenagentur The Information, dass Amazon Web Services KI-Agenten entwickelt, die Vertriebsfunktionen übernehmen sollen, für die bislang Tausende Spezialisten zuständig waren. Die Botschaft an den Markt: Wer Software verkauft, die Menschen bei repetitiven Aufgaben unterstützt, könnte bald ein Substitutionsproblem haben. Im TecDAX verloren Atoss Software über fünf Prozent, Nemetschek über vier.
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Der stille Abgang bei Bayer
Ein Einstieg mit großen Ambitionen, ein Ausstieg mit kleinen Gewinnen – oder sogar Verlusten. Inclusive Capital Partners, der aktivistische Investor von Jeff Ubben, hat heute rund 8,5 Millionen Bayer-Aktien über JPMorgan Chase platziert. Erlös: 318 Millionen Euro, zu einem Preis von 37,45 Euro je Aktie – mit einem spürbaren Abschlag zum Schlusskurs vom Vortag.
Ubben war Anfang 2023 mit klaren Forderungen eingestiegen: externer CEO, strategische Neuausrichtung, Aufspaltung der Konzernsparten. Einiges davon hat er erreicht – Werner Baumann musste gehen, Bill Anderson übernahm das Ruder. Was er nicht erreicht hat: eine schnelle Kurserholung. Bayer kämpft weiterhin mit einer erdrückenden Schuldenlast und anhaltenden Rechtsstreitigkeiten rund um das Glyphosat-Herbizid in den USA. Die Gewinnprognose für 2026 lag zuletzt deutlich unter Analystenerwartungen. Wer den Ausstieg Ubbens als Signal mangelnden Vertrauens liest, liegt wohl nicht falsch. Die Aktie büßte heute zeitweise 3,7 Prozent ein.
Krypto: Geopolitik als Bremsklotz
Bitcoin handelt aktuell bei rund 70.000 Dollar – und das fühlt sich nach mehr an, als die nackten Zahlen vermuten lassen. Denn der Rückgang von 1,7 Prozent innerhalb von 24 Stunden ist nur die Oberfläche. Darunter liegt ein Markt, der seit Jahresbeginn bereits 20 Prozent verloren hat und sich rund 44 Prozent unterhalb seines Allzeithochs von 126.198 Dollar befindet, das im Oktober 2025 markiert wurde.
Der Auslöser für den heutigen Rückgang ist derselbe wie an den Aktienmärkten: Die Hoffnung auf ein Iran-Abkommen, die am Montag noch eine Erholungsrally ausgelöst hatte, ist heute wieder verflogen. Teheran dementierte Gespräche mit Washington, der Ölpreis zog wieder auf fast 104 Dollar je Barrel an, und der Dollar legte zu – beides klassische Gegenwindfaktoren für Krypto. Der Fear-and-Greed-Index von CoinMarketCap notiert bei 31, tief im „Angst“-Bereich.
Einen kleinen Lichtblick gab es trotzdem: Strategy Inc. (ehemals MicroStrategy) kaufte am Montag weitere 1.031 Bitcoin für 77 Millionen Dollar und hält nun insgesamt 762.101 Bitcoin – das entspricht 3,63 Prozent des gesamten Bitcoin-Umlaufangebots. Solche institutionellen Käufe dämpften die Verluste zumindest etwas. Ethereum verlor 1,75 Prozent auf 2.136 Dollar, XRP gab 3,2 Prozent nach.
Das Iran-Rätsel und seine Marktfolgen
Wer heute versucht hat, die Nachrichtenlage zum Iran-Krieg zu verstehen, brauchte starke Nerven. Trump kündigte ein Telefonat mit der iranischen Seite für kommenden Montag an und sprach von produktiven Gesprächen. Teheran dementierte. Über Nacht flogen erneut Raketen auf Israel, auch Kuwait, Bahrain und Saudi-Arabien meldeten neue Angriffe. Und Trump verlängerte gleichzeitig sein Ultimatum für Angriffe auf iranische Energieanlagen – was Börsenbrief-Autor Hans Bernecker mit dem Begriff „TACO-Trade“ kommentierte: „Trump Always Chickens Out.“
Das Muster ist inzwischen bekannt, aber nicht weniger belastend. Am Montag hatte ein einziger Truth-Social-Post den DAX um über 1.200 Punkte nach oben katapultiert und den Ölpreis kurz unter 100 Dollar gedrückt. Heute kostet Brent wieder fast 104 Dollar. Die eigentliche Gefahr für Anleger ist nicht die kurzfristige Volatilität, sondern ein strukturell hoher Ölpreis über Monate – mit entsprechenden Folgen für Inflation, Zinsen und Unternehmensgewinne. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte heute auf 4,39 Prozent.
Für den deutschen Immobilienmarkt wird das bereits spürbar: Die Bauzinsen für zehnjährige Darlehen stiegen zuletzt auf durchschnittlich fast 3,8 Prozent – der höchste Stand seit 2011. Dabei hatte das Neugeschäft mit Immobilienkrediten 2025 noch um 15,7 Prozent zugelegt. Ob diese Erholung anhält, hängt maßgeblich davon ab, wie lange der Konflikt die Energiepreise treibt.
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Gewinner im Schatten des Lärms
Nicht alles war heute rot. Brenntag sprang im DAX um 7,6 Prozent nach oben, nachdem die Deutsche Bank eine Kaufempfehlung ausgesprochen hatte. Die Analystin sieht den Chemikalienhändler als indirekten Profiteur des Krieges – wegen steigender Nachfrage und Preise. Auch BASF erhielt eine Kaufempfehlung der Deutschen Bank und legte zu.
Beim Schweizer Nachbarn lief es ohnehin besser: Der SMI gewann ein Prozent und führte damit die europäischen Indizes an. Nestle erholte sich um 2,2 Prozent, Kühne+Nagel legte 2,4 Prozent zu – getrieben von der Erwartung steigender Frachtraten, weil der Nahostkonflikt laut JP Morgan rund 15 Prozent der globalen Luftfrachtkapazität beeinträchtigt.
Und dann war da noch Novo Nordisk: Die Aktie gewann in Kopenhagen 1,15 Prozent, obwohl Jefferies das Kursziel leicht senkte und der norwegische Staatsfonds ankündigte, sich bei der Wiederwahl des Aufsichtsratsvorsitzenden zu enthalten. Der Markt honorierte stattdessen den Start einer Phase-I-Studie für das orale Abnehmmittel LX9851 – ein erstes Lebenszeichen aus der Pipeline, das Anleger offenbar höher gewichteten als die kurzfristigen Bedenken.
Was bleibt
Drei Termine verdienen in den kommenden Tagen eure Aufmerksamkeit: Am 30. April stimmen Continental-Aktionäre über den Dieselskandal-Vergleich ab, mit dem der Konzern das Kapitel für 43,7 Millionen Euro schließen will. ASML legt am 15. April Quartalszahlen vor – Morgan Stanley erwartet Ergebnisse am oberen Ende der Guidance, warnt aber vor begrenztem kurzfristigen Kurspotenzial. Und das angekündigte Telefonat zwischen Trump und Teheran am kommenden Montag dürfte die nächste Marktbewegung auslösen – in welche Richtung auch immer.
Der heutige Tag hat eines deutlich gemacht: Geopolitik und KI-Disruption sind keine separaten Themen mehr. Sie treffen gleichzeitig ein, verstärken sich gegenseitig – und lassen wenig Raum für Bequemlichkeit.
Bis zum nächsten Mal,
Andreas Sommer


