Goldman Sachs streicht ServiceNow von seiner wichtigsten Kaufempfehlungsliste. Die Aktie steigt trotzdem. Das ist die eigentliche Geschichte hinter dem jüngsten Kurssprung.

Am Montag schloss ServiceNow bei 99,74 Euro, ein Plus von 3,38 Prozent. Über die vergangene Woche steht ein Anstieg von 2,68 Prozent, über den Monat sogar 5,75 Prozent. Der Markt ignoriert damit ausgerechnet die Entscheidung einer der einflussreichsten Investmentbanken der Wall Street.

Goldman steigt aus, Anleger kaufen trotzdem

Goldman Sachs strich ServiceNow im August-Update von seiner „Conviction List“ für den US-Markt. Die Bank rotierte stattdessen in Titel für einen „breiteren Markt“ – darunter Microsoft, Applied Materials und Delta Air Lines.

Normalerweise würde eine solche Streichung Kurs kosten. Bei ServiceNow passierte das Gegenteil. Die Aktie drehte den scharfen Rückgang der Vorwoche und rückte stattdessen die robusten Quartalszahlen in den Vordergrund. Anleger blicken offenbar über die Goldman-Entscheidung hinweg und setzen auf das zugrunde liegende Gewinnwachstum, angetrieben von KI-Umsätzen. Dutzende Analysehäuser halten weiterhin Kaufempfehlungen für die Aktie.

Stellenabbau parallel zur KI-Strategie

Während die Aktie Stärke zeigt, arbeitet ServiceNow intern an einem größeren Umbau. Der Softwarekonzern will in diesem Jahr bis zu 1.000 Stellen streichen. Grund ist eine geplante Anpassung der Belegschaftsgröße nach mehreren Übernahmen.

ServiceNow integriert derzeit die zugekauften Firmen Moveworks, Veza und Armis. Der Konzern startete 2026 mit rund 29.000 Mitarbeitern und zählt aktuell etwa 30.000. Bis Jahresende soll die Belegschaft wieder auf das Ausgangsniveau sinken – macht unterm Strich rund 1.000 Stellen weniger.

CEO Bill McDermott hatte dieses Ziel bereits bei den vergangenen beiden Quartalsberichten angekündigt. Im Juli sagte er auf der Bilanzpressekonferenz zum zweiten Quartal: „Wir sind ein Wachstumsunternehmen, und wir werden wachsen. Wir werden schnell wachsen.“ Zugleich kündigte er an, den Zyklus 2026 mit exakt der gleichen Mitarbeiterzahl abzuschließen wie vor den drei großen Übernahmen. Die Integrationsarbeit solle es ermöglichen, operative Margen und Free-Cashflow-Margen zu steigern.

Ein Unternehmenssprecher bestätigte inzwischen, dass der Umbau läuft und Teil einer breiteren KI-Strategie ist. Man sei „darauf fokussiert, die richtigen Talente in den richtigen Rollen zu haben“, so der Sprecher. Man treibe Effizienzsteigerungen im gesamten Geschäft voran, investiere aktiv in KI-Fachkräfte und steuere die Mitarbeiterzahl diszipliniert, um 2026 dort zu enden, wo man gestartet sei.

Volatilität bleibt hoch

Die Kursschwankungen zeigen, wie stark ServiceNow zwischen zwei gegensätzlichen Erzählungen hin- und hergerissen wird: KI als Bedrohung für klassische Softwaregeschäfte oder KI als Wachstumschance. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei knapp 65 Prozent, der RSI bei 58,8 Punkten. Das signalisiert eine neutrale bis leicht bullische Marktstimmung – von überkauften Niveaus, die einen Rückschlag ankündigen würden, ist die Aktie aber noch entfernt.

Anleger wägen derzeit zwei Szenarien gegeneinander ab: eine Großbank, die sich von ihrer höchsten Überzeugungsstufe zurückzieht, gegen einen Stellenabbau, den das Management als gezielten Schritt in Richtung KI-Talente darstellt – nicht als Zeichen struktureller Schwäche. Die Kursreaktion der vergangenen Tage spricht bislang für die zweite Lesart.