Die heutige Kursveränderung von -3,1% bei ServiceNow steht im Zeichen enttäuschter Wachstumserwartungen. Für mich spricht das für eine strengere Prüfung der Geschäftsdynamik, nicht für ein vorschnelles Urteil über das Scheitern der KI-Strategie.
Reuters berichtete gestern über breite Verluste bei Softwareaktien nach enttäuschenden Ergebnissen von ServiceNow und Fortinet. Bei ServiceNow belastete insbesondere der schwächere Ausblick auf die kurzfristig erwarteten vertraglichen Umsätze, kurz cRPO.
Die entscheidende Unterscheidung lautet: Ein Unternehmen kann weiter wachsen und trotzdem die Erwartungen des Marktes verfehlen. Genau diese Spannung prägt ServiceNow. Wer daraus unmittelbar eine Verdrängung durch künstliche Intelligenz ableitet, macht aus einer berechtigten Wachstumssorge bereits eine weitreichende Geschäftsmodellthese. Dafür liefern die veröffentlichten Geschäftszahlen aus meiner Sicht keinen überzeugenden Beleg.
Das Wachstum verdient einen differenzierten Blick
ServiceNow meldete am Mittwoch für das dritte Quartal 2026 einen Abonnementumsatz von 3.988 Millionen $. Das entsprach einem Zuwachs von 21% gegenüber dem Vorjahr. Diese Entwicklung passt nicht zu der pauschalen Vorstellung, dass das bestehende Geschäft bereits unter einer massiven KI-Verdrängung zusammenbricht.
Allerdings wäre auch die umgekehrte Schlussfolgerung zu bequem. Kräftiges Umsatzwachstum entkräftet nicht automatisch jede Sorge um die weitere Dynamik. Anleger bewerten nicht nur das erreichte Geschäft, sondern auch dessen erwartete Entwicklung. Deshalb verdient die Enttäuschung beim Ausblick Aufmerksamkeit, ohne dass man sie zum endgültigen Urteil über das Unternehmen erklären muss.
Die cRPO erreichten im dritten Quartal 2026 einen Wert von 13,65 Milliarden $. Währungsbereinigt stiegen sie um 21%. Für das Schlussquartal stellte ServiceNow dagegen ein währungsbereinigtes Wachstum von 18,5% in Aussicht.
Diese erwartete Verlangsamung ist der sachliche Kern der Skepsis. Sie lässt sich weder mit allgemeinen KI-Versprechen wegdiskutieren noch mit einem Verweis auf das zurückliegende Umsatzwachstum erledigen. Für mich liegt hier die eigentliche Bewährungsprobe: Die zusätzlichen KI-Aktivitäten müssen sich auch in überzeugender geschäftlicher Dynamik niederschlagen.
Kurszielsenkungen sind nicht automatisch Absagen
Medienberichten zufolge senkte Citi gestern das Kursziel für ServiceNow von 170 $ auf 157 $. Die Kaufempfehlung blieb bestehen. Damit verbindet das Analysehaus eine vorsichtigere Bewertung mit einer weiterhin positiven Anlageeinschätzung.
Auch weitere gestern gemeldete Analystenreaktionen zeigen dieses Muster: Mehrere Häuser reduzierten ihre Kursziele, hielten aber an ihren jeweiligen Einstufungen fest. Die Spanne reichte dabei von neutralen bis zu positiven Urteilen. Das ist kein einheitlicher Vertrauensentzug.
Ich würde diese Unterscheidung ernst nehmen. Ein niedrigeres Kursziel kann strengere Erwartungen ausdrücken, ohne dass damit die langfristige Perspektive verworfen wird. Umgekehrt sind unveränderte positive Einstufungen kein Beweis dafür, dass der Kursrückgang überzogen ist. Sie zeigen lediglich, dass vorsichtigere Zielmarken und grundsätzliches Vertrauen nebeneinander bestehen können.
KI muss mehr als eine Erzählung liefern
ServiceNow erhöhte am Mittwoch sein Ziel für den KI-Vertragswert im Jahr 2026 auf mindestens 1,7 Milliarden $. Diese Zielanhebung steht neben dem enttäuschenden cRPO-Ausblick. Beides gehört zur Bewertung: höhere Ambitionen bei KI und zugleich geringere Wachstumsdynamik bei einer wichtigen Vertragskennzahl.
Auch die am Dienstag erweiterte Partnerschaft mit Google Cloud passt in dieses Spannungsfeld. Geplant ist die Verbindung von ServiceNow-Branchenabläufen mit Gemini Enterprise, unter anderem für Handel, Telekommunikation und IT. Das eröffnet zusätzliche Integrationsmöglichkeiten. Eine solche Vereinbarung ist für mich aber noch kein Beleg für beschleunigtes Wachstum.
Unterm Strich halte ich die kritischere Bewertung für nachvollziehbar, ein pauschales KI-Verdikt dagegen für verfrüht. ServiceNow muss seine höheren KI-Ambitionen in belastbare Geschäftsentwicklung übersetzen. Entscheidend sind nicht möglichst viele Partnerschaften, sondern überzeugende Ergebnisse. Der enttäuschende Ausblick erhöht diesen Anspruch; er widerlegt die Strategie noch nicht.
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