Shell will in Venezuela nicht mit anderen Ölkonzernen um schwere Rohölvorkommen ringen. Konzernchef Wael Sawan setzt auf Offshore-Gas, das sich über bestehende Anlagen in Trinidad und Tobago verflüssigen lässt. Der Plan könnte dem LNG-Geschäft des Konzerns zusätzliche Mengen sichern.
Infrastruktur als Vorteil
Der Wettbewerbsvorteil liegt direkt hinter der Seegrenze. Auf trinidadischer Seite verfügt Shell bereits über umfangreiche Gas- und LNG-Infrastruktur und hält 45 Prozent an Atlantic LNG. Die Anlage kann rund zwölf Millionen Tonnen jährlich verflüssigen, litt zuletzt aber unter mangelnder Gasversorgung. Venezolanisches Gas könnte diese Lücke füllen.
Schlüsselprojekt ist das Feld Loran. Venezuela unterzeichnete im Juni fünf Vereinbarungen mit Shell, darunter eine Lizenz für die erste Entwicklungsphase. Das Feld enthält geschätzt 7,3 Billionen Kubikfuß Gas, sechs von sieben Lagerstätten reichen über die Grenze. Shell sieht allein in der ersten Phase ein Potenzial von rund 1,7 Billionen Kubikfuß.
Manatee als Brücke
Auf der trinidadischen Seite entwickelt Shell bereits das Manatee-Feld. Geologisch bilden Manatee und Loran dasselbe Vorkommen. Manatee soll 2027 die Produktion aufnehmen und zum Höhepunkt rund 604 Millionen Kubikfuß Gas pro Tag liefern, ein Teil davon für Atlantic LNG.
Sawan hatte bereits im Sommer erklärt, die Entwicklung von Loran könne vergleichsweise zügig vorankommen, weil Shell auf die ohnehin für Manatee entstehende Infrastruktur zugreifen kann.
Dazu kommt das Dragon-Feld mit mehr als vier Billionen Kubikfuß Gas. Auch dieses Gas will Shell nach Trinidad leiten und über bestehende Anlagen vermarkten. Bei planmäßigem Verlauf soll 2027 die endgültige Investitionsentscheidung fallen.
Öl bleibt Nebenschauplatz
Ganz auf das Ölgeschäft verzichtet Shell in Venezuela allerdings nicht. Zu den Juni-Vereinbarungen gehören Projekte in Monagas im Osten des Landes sowie Maßnahmen gegen das Gasabfackeln. Weitere Chancen will der Konzern selektiv prüfen und nur dort investieren, wo er einen klaren operativen Vorteil hat.
Die Strategie ist damit klar umrissen: Shell verknüpft unerschlossene Gasreserven mit vorhandener LNG-Infrastruktur, statt Milliarden in kapitalintensive Schwerölförderung zu stecken. Der nächste konkrete Meilenstein ist der Produktionsstart bei Manatee 2027, im selben Jahr soll die Investitionsentscheidung zu Dragon anstehen.
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