„Ich kann meinen Aktionären nicht erklären, warum ich Geld in einem Umfeld investiere, in dem ich behindert werde.“ Mit diesen Worten hat Siemens-Chef Roland Busch auf der Hannover Messe eine direkte Warnung nach Brüssel geschickt.
EU-Regulierung treibt Milliarden in die USA
Der Kern der Kritik ist präzise. Busch argumentiert, der EU AI Act und der Data Act unterscheiden nicht zwischen industriellen KI-Anwendungen und Verbraucher-Software. Fabriken und Automatisierungssysteme fallen in denselben regulatorischen Topf wie Chatbots und Konsumenten-Apps. Das hält er für strukturell falsch.
Die Konsequenz: Den Großteil des geplanten Milliarden-Investitionspakets für industrielle KI will Busch in die USA lenken. Europa geht leer aus — solange sich nichts ändert.
Bundeskanzler Friedrich Merz stellt sich hinter diese Position. Auf der Hannover Messe kündigte er an, sich dafür einzusetzen, industrielle KI aus dem aktuellen EU-Rahmen herauszulösen. Eine direkte öffentliche Intervention eines deutschen Regierungschefs gegen ein laufendes EU-Regulierungsregime ist selten.
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Die Europäische Kommission hat bereits Zugeständnisse gemacht. Sie schlug vor, Regeln für Hochrisiko-KI-Systeme um bis zu 16 Monate zu verschieben und Meldepflichten zu vereinfachen. Busch hält das für unzureichend.
Siemens als Softwarekonzern
Der Hintergrund erklärt die Schärfe des Tons. Siemens ist inzwischen das wertvollste börsennotierte Unternehmen Deutschlands — Software macht bereits mehr als ein Drittel des Konzernumsatzes aus. Mit den Akquisitionen von Altair und Dotmatics für zusammen rund 15 Milliarden US-Dollar hat Busch den Konzern tief in Simulation und KI-Anwendungen geführt. Regulatorische Hürden treffen Siemens damit direkt im Kerngeschäft.
Die Aktie notiert bei 243,70 Euro und liegt damit rund 14 Prozent über dem Stand vor einem Monat. Auf Jahressicht beträgt das Plus 27 Prozent.
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Lithium-Projekt als europäisches Gegengewicht
Parallel zur Regulierungsdebatte setzt Siemens auf ein konkretes europäisches Industrieprojekt. Mit Vulcan Energy unterzeichnete der Konzern eine Rahmenvereinbarung für das Lionheart-Projekt im Oberrheintal — Europas erstes vollständig integriertes Lithium- und Erneuerbare-Energien-Vorhaben.
Siemens übernimmt die Rolle des Hauptautomatisierungspartners für Vulcans Lithium-Extraktionsanlagen in Landau und Frankfurt. Vulcan verpflichtet sich zu Bestellungen von mindestens 40 Millionen Euro. Hinzu kommt eine Eigenkapitalbeteiligung von Siemens Financial Services in Höhe von 67 Millionen Euro. Das Projekt zielt auf eine Jahreskapazität von 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid ab — genug für rund 500.000 Elektrofahrzeugbatterien.
Der nächste große Test für den Kurs kommt im Mai. Dann legt Siemens die Ergebnisse für das zweite Quartal vor — der erste Quartalsbericht unter neuer CFO Veronika Bienert, die Anfang April das Amt von Ralf Thomas übernommen hat.
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