Zwei Schocks gleichzeitig — das ist das Umfeld, in dem Silber gerade kämpft. Die Blockade der Straße von Hormuz und wachsende Unsicherheit über den künftigen Kurs der US-Notenbank belasten das Edelmetall von zwei Seiten. Seit Beginn des Iran-Kriegs hat Silber mehr als 15 Prozent verloren.
Hormuz: Vom Hauptkorridor zur Geisterstraße
Irans Marine beschlagnahmte am Mittwoch zwei Containerschiffe in der Straße von Hormuz — kurz nachdem Berichte über Angriffe auf drei weitere Frachter bekannt wurden. Der von US-Präsident Trump verlängerte Waffenstillstand hat daran nichts geändert: Die Straße bleibt weitgehend gesperrt.
Laut Polymarket-Daten passieren täglich nur noch drei bis fünf Schiffe die Meerenge — vor der Krise waren es mehr als 100. Normalerweise wickelt die Straße rund 20 Prozent des globalen Öl- und Flüssiggashandels ab. Die Internationale Energieagentur spricht von der größten Angebotsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarkts.
Das treibt Energiepreise und Inflation nach oben — und genau das belastet Silber. Steigende Inflationserwartungen erhöhen den Druck auf Zentralbanken, die Zinsen hoch zu halten. Für ein zinsloses Edelmetall ist das strukturell ungünstig.
Warsh-Anhörung: Neue Unsicherheit aus Washington
Zusätzlichen Gegenwind lieferte die Senatsanhörung von Kevin Warsh, dem designierten Fed-Vorsitzenden. Warsh signalisierte, das Mandat der Notenbank einengen, den Inflationsrahmen überarbeiten und die Abhängigkeit von unkonventionellen Werkzeugen reduzieren zu wollen — ohne konkrete Details zu nennen.
Die Märkte reagierten prompt. Die 10-Jahres-Rendite stieg während der Anhörung um 4 Basispunkte auf 4,29 Prozent, die 5-Jahres-Rendite kletterte um 6 Basispunkte auf 3,91 Prozent. Höhere Anleiherenditen und ein festerer Dollar erhöhen die Opportunitätskosten des zinslosen Silbers — klassisches Belastungsszenario.
Fundamentaldaten stützen langfristig
Das kurzfristige Bild ist trüb, das fundamentale Bild bleibt intakt. Das Silver Institute und Metals Focus prognostizieren für 2026 ein sechstes aufeinanderfolgendes Angebotsdefizit — diesmal bei 46,3 Millionen Unzen, nach 40,3 Millionen im Vorjahr.
Nachfrageseitig wächst die Nachfrage nach Münzen und Barren laut Prognose um 18 Prozent, getragen von einer Erholung des US-Kaufinteresses. Infrastrukturprojekte für künstliche Intelligenz, der Automobilsektor und Stromnetze liefern weitere industrielle Nachfrage.
J.P. Morgan erwartet für 2026 einen Silber-Durchschnittspreis von 81 US-Dollar je Unze. Die Commerzbank geht bis Jahresende von 90 US-Dollar aus — mit einem weiteren Anstieg auf 95 US-Dollar bis Ende 2027. Wie realistisch diese Ziele sind, hängt maßgeblich davon ab, ob die Hormuz-Krise eine diplomatische Lösung findet und wie schnell Warshs Fed die Inflation wieder unter Kontrolle bekommt.
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