Der Silbermarkt steuert 2026 auf sein sechstes Angebotsdefizit in Folge zu — und ausgerechnet jetzt dreht die US-Notenbank die Daumenschrauben an. Zwei gegenläufige Kräfte bestimmen den Preis, und keine davon ist leicht aufzulösen.
Minenangebot schrumpft schneller als die Nachfrage
Solarmodulhersteller haben ihren Silberverbrauch 2026 um rund 19 Prozent auf etwa 151 Millionen Unzen gesenkt. Chinesische Hersteller treiben dabei die Substitution voran — hin zu Kupfer oder silberfreien Modulen. Trotzdem weitet sich das globale Angebotsdefizit auf 46,3 Millionen Unzen aus.
Der Grund ist simpel: Das Minenangebot schrumpft schneller, als die industrielle Nachfrage zurückgeht. Silber fällt überwiegend als Nebenprodukt anderer Metalle an. Produzenten können das Angebot bei höheren Preisen kaum schnell ausweiten.
Andere Industriesektoren springen teilweise in die Bresche. KI-Rechenzentren, Elektrofahrzeug-Elektronik und Automobilanwendungen fragen mehr Silber ab als zum Jahresbeginn erwartet. Indiens physische Investmentnachfrage stieg 2025 um 33 Prozent. Das gleicht den Rückzug der Solarbranche nicht vollständig aus — aber es dämpft ihn.
Fed und Iran drücken auf den Preis
Die Federal Reserve beließ ihren Leitzins auf der Juni-Sitzung unverändert. Unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh strich die Zentralbank dovish formulierte Passagen und hob die Zinsprojektionen an. Neun der 19 Entscheidungsträger rechnen nun mit mindestens einer Erhöhung noch in diesem Jahr. Die Märkte sehen eine Wahrscheinlichkeit von rund 70 Prozent für eine Anhebung bis September.
Höhere Zinsen stützen den Dollar und die Anleiherenditen. Das macht unverzinsliche Anlagen wie Silber weniger attraktiv.
Parallel dazu bleibt die geopolitische Lage angespannt. Ein US-Iran-Interimsabkommen hatte zuletzt die Versandbedingungen durch die Straße von Hormuz verbessert. Dann platzte die nächste Gesprächsrunde — die Schweiz meldete, dass geplante US-Iran-Gespräche nicht stattfinden würden. Händler rechnen damit, dass Energieflüsse noch Monate brauchen, um das Niveau vor Konfliktbeginn zu erreichen.
Gold-Silber-Ratio zeigt die Schwäche
Silber hat seit Beginn des Iran-Konflikts mehr als 40 Prozent seines Wertes verloren. Das Gold-Silber-Ratio lag im Mai noch bei 55:1. Nach der hawkischen FOMC-Sitzung vom 16. und 17. Juni ist es auf rund 64:1 gesprungen.
Die Ironie: Silber fällt nicht, weil das geopolitische Risiko verschwunden wäre. Der Iran-Konflikt hat Inflationserwartungen und damit Zinserwartungen verschoben — und genau das belastet das Metall.
Wie weit die Meinungen auseinandergehen, zeigt der Blick auf institutionelle Prognosen. TD Securities sieht Silber bei 44 US-Dollar je Unze, ein bullisher LBMA-Teilnehmer bei über 165 US-Dollar. J.P. Morgan projiziert einen Jahresdurchschnitt von 81 US-Dollar. Ein Reuters-Survey kommt auf rund 79,50 US-Dollar.
Sollte der Iran-Konflikt de-eskalieren und die Energiepreise fallen, bricht die Zinserhöhungsnarrative zusammen. Dann würde Silbers strukturelles Nachfrageargument — sechs Jahre Defizit, wachsende Industrienachfrage — schnell wieder in den Vordergrund rücken.
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