Steigende Ölpreise und neue Zinssorgen haben Silber gestern weiter belastet. Hinzu kamen Verkäufe zur Liquiditätsbeschaffung nach Verlusten bei Technologieaktien. Damit wirkte die Eskalation im Nahen Osten nicht als Stütze für das Edelmetall: Die Sorge vor hartnäckiger Inflation und einer strafferen US-Geldpolitik überwog. Vor der bevorstehenden Fed-Sitzung steht deshalb vor allem der weitere Zinskurs im Mittelpunkt.

Energiepreise verschärfen den Zinsdruck

Ole Hansen von der Saxo Bank führte den Rückgang auf die Inflationsfolgen steigender Ölpreise nach der Eskalation im Nahen Osten zurück. Berichte über Huthi-Angriffe auf saudische Energieanlagen und Risiken für den Schiffsverkehr begleiteten den Ölpreisanstieg. Höhere Energiekosten verstärkten an den Märkten die Erwartungen möglicher weiterer US-Zinserhöhungen.

Für Silber ergibt sich daraus eine gegenläufige Wirkung geopolitischer Spannungen. Nicht die Suche nach Absicherung prägte zuletzt den Handel, sondern die Aussicht auf länger hohe Zinsen. Die Nachrichtenagentur IANS nannte Inflationssorgen und höhere Zinserwartungen ausdrücklich als Belastungen für die Edelmetalle.

Der COMEX-Front-Month-Kontrakt schloss gestern bei 53,96 USD je Feinunze. Die Sieben-Tage-Veränderung von -5,6% unterstreicht, dass sich der Verkaufsdruck nicht auf eine einzelne Sitzung beschränkte. Silber erreichte im Wochenverlauf den niedrigsten Stand seit November des Vorjahres.

Liquiditätsbedarf verstärkt die Verkäufe

Zusätzlich belastete die Schwäche der Aktienmärkte. Justin Lin von Global X ETFs vermutete gegenüber Bloomberg liquiditätsbedingte Verkäufe angesichts fallender Technologieaktien und nachgebender US-Aktienindizes. Seine Einschätzung beschreibt einen zusätzlichen Verkaufstreiber neben den Zinssorgen, nicht eine bestätigte Erklärung für sämtliche Abgaben.

IANS berichtete ebenfalls, dass Verluste bei Technologieaktien und Nachschussforderungen die Silberverkäufe verstärkten. Damit trafen geldpolitischer Druck und kurzfristiger Finanzierungsbedarf zusammen.

Für die Einordnung ist diese Unterscheidung wichtig: Verkäufe zur Beschaffung von Liquidität haben einen anderen unmittelbaren Auslöser als eine veränderte Einschätzung der Silbernachfrage. Eine Beruhigung der Aktienmärkte könnte daher diesen Belastungsfaktor abschwächen. Die durch den Ölpreisanstieg ausgelösten Inflations- und Zinssorgen wären damit allerdings nicht automatisch beseitigt.

Fed-Kommunikation wird zum nächsten Prüfstein

Die US-Notenbank tagt am 27. und 28. Oktober. Eine Reuters-Umfrage ergab überwiegend die Erwartung unveränderter Leitzinsen. Eine Pause wäre jedoch nicht gleichbedeutend mit einer Entwarnung für Silber: An den Märkten bestehen weiterhin Erwartungen einer Zinserhöhung im Dezember.

Neben der unmittelbaren Entscheidung kommt deshalb den Aussagen zum weiteren Vorgehen besonderes Gewicht zu. Ein strafferes Signal könnte den Druck auf Silber verstärken. Eine weniger restriktive Botschaft könnte ihn dagegen mindern.

Am 29. Oktober folgen die US-PCE-Inflationsdaten als weiterer Terminanker. Für eine nachhaltigere Entlastung müsste sich das Zusammenspiel aus Energieinflation, Zinssorgen und liquiditätsbedingten Verkäufen abschwächen. Der deutliche Preisrückgang allein liefert dafür noch keinen Beleg.