Silber kostet aktuell rund 64 Dollar je Feinunze — fast die Hälfte weniger als beim Januarhoch von 121,78 Dollar. Die Korrektur läuft seit viereinhalb Monaten. Und die Fed macht eine schnelle Umkehr unwahrscheinlich.

Fed dreht an der Zinsschraube

Am 17. Juni ließ Fed-Chef Kevin Warsh die Leitzinsen zum vierten Mal in Folge unverändert. Allerdings signalisierte er, dass die Inflation der Notenbank noch immer zu hoch ist. Im Mai lag sie bei 4,2 Prozent — der höchste Stand seit Anfang 2023.

Neun der 19 Fed-Entscheidungsträger rechnen nun mit mindestens einer Zinserhöhung in diesem Jahr. Die Märkte sehen eine Wahrscheinlichkeit von rund 70 Prozent für eine Erhöhung bis September. Höhere Zinsen stärken den Dollar und erhöhen die Opportunitätskosten für nicht verzinsliche Anlagen wie Silber. Das drückt auf den Preis.

Iran-Abkommen: Gute Nachrichten, schlechte Wirkung

Das US-Iran-Friedensabkommen beendete einen Konflikt, der massive Angebotsunterbrechungen ausgelöst hatte. Für Silber ist das ambivalent. Sinkende Ölpreise mildern Inflationssorgen — und damit sinkt die Nachfrage nach Edelmetallen als Absicherung. Der Geopolitik-Bonus verpufft, wenn die Inflationsangst nachlässt.

Charttechnisch zeigt sich das Bild entsprechend angespannt. Silber notiert unter seiner 50-Tage-Linie bei 75,18 Dollar und rund 14,75 Prozent darunter. Der RSI liegt bei 35,6 — überverkauftes Terrain, aber noch kein klares Kaufsignal. Die entscheidende Unterstützungszone liegt bei 60 bis 61 Dollar. Hält sie, könnte sich eine Bodenbildung entwickeln. Auf der Oberseite warten Widerstände bei 71,80 und 83,75 Dollar.

Strukturelles Defizit als Fundament

Das kurzfristige Bild trübt den langfristigen Befund nicht. Silber befindet sich 2026 im sechsten Jahr eines globalen Angebotsdefizits. Das Silver Institute prognostiziert ein Defizit von 46,3 Millionen Unzen — nach 40,3 Millionen im Vorjahr.

Das Angebot reagiert kaum auf Preissignale. Rund 70 bis 80 Prozent der Silberproduktion entstehen als Nebenprodukt bei Kupfer, Blei und Zink. Drosseln Basismetallproduzenten ihre Förderung, sinkt die Silberversorgung automatisch mit.

Auf der Nachfrageseite verschiebt sich das Bild. Solarmodulhersteller reduzierten ihren Silberverbrauch 2025 auf 186,6 Millionen Unzen — ein Rückgang von sechs Prozent. Für 2026 wird ein weiterer Rückgang um 19 Prozent auf rund 151 Millionen Unzen erwartet. Hersteller senken den Silbergehalt je Zelle aktiv, weil die gestiegenen Preise den Druck erhöhten.

Neue Treiber springen jedoch ein. Rechenzentren und KI-Infrastruktur wachsen rasant: Die weltweite IT-Leistungskapazität stieg von 0,93 GW im Jahr 2000 auf knapp 50 GW im Jahr 2025 — das 53-Fache. Elektrofahrzeuge und deren Ladeinfrastruktur kommen hinzu. Beide Sektoren treiben die industrielle Silbernachfrage strukturell nach oben.

Das Gold-Silber-Ratio liegt aktuell bei rund 64 — nahe dem langjährigen Durchschnitt von 65 bis 75. Historisch gilt ein Ratio über 80 als Signal für eine relative Unterbewertung von Silber. Davon ist der Markt derzeit weit entfernt.

Die kommende Woche bringt den nächsten Test: Hält die Zone zwischen 60 und 61 Dollar, spricht die Marktstruktur eher für Stabilisierung als für einen weiteren Einbruch. Gibt sie nach, rückt das Oktobertief bei 45,51 Dollar wieder in den Blickwinkel.