Kursplus von 25 Prozent in einer Woche, eine laufende Strafermittlung, ein Leerverkäufer-Angriff und ein Vorstandsumbau — Sivers Semiconductors erlebt gerade eine der turbulentesten Phasen seiner Börsengeschichte. Am Montag entscheidet die Hauptversammlung, ob das schwedische Photonik-Unternehmen den nächsten Schritt wagt: ein Dual-Listing an der Nasdaq.

Short Squeeze trifft Kriminalermittlung

Ausgangspunkt der Kursrally war ein technischer Brandbeschleuniger. Die Großbank Nordea erhöhte die Margin-Anforderungen für Short-Positionen auf Sivers drastisch — in manchen Fällen auf 228,5 Prozent. Grund war die geringe Liquidität im Wertpapierleihe-Markt. Händler, die nach einem kritischen Bericht des Leerverkäufers Ningi Research vom 1. Juni massiv auf fallende Kurse gesetzt hatten, mussten ihre Positionen zwangsweise auflösen.

Ningi Research hatte Sivers vorgeworfen, „hohle“ Kundenverträge zu verbuchen. Rund 31 Prozent des für 2025 gemeldeten Umsatzes könnten auf aggressiver Bilanzierung beruhen, so der Vorwurf.

Parallel dazu leiteten schwedische Behörden eine Strafermittlung ein. Ein anonymer X-Account hatte präzise Details zur geplanten US-Notierung rund 48 Stunden vor der offiziellen Ankündigung gepostet. Der Verdacht: ein gezielter Informationsleck.

JPMorgan kauft — Insider verkaufen

Inmitten des Chaos meldete JPMorgan Chase einen Einstieg. Die US-Bank hält nun 5,25 Prozent an Sivers — erstmals überhaupt. Den Kauf tätigte sie am 2. Juni, dem Tag, an dem Sivers eine strategische Partnerschaft mit GlobalFoundries zur Entwicklung optischer Lösungen für KI-Rechenzentren bekannt gab.

Das institutionelle Vertrauen steht allerdings im Kontrast zu Insider-Verkäufen. Harish Krishnaswamy, Geschäftsführer der Tochtergesellschaft Sivers Wireless, veräußerte am 29. Mai rund 1,39 Millionen Aktien zu je 71,36 schwedischen Kronen — ein Erlös von knapp 99,5 Millionen SEK. Die Transaktion ist im schwedischen Insider-Register der Finansinspektionen dokumentiert.

Auch im Aufsichtsrat gibt es Bewegung. Drei Mitglieder scheiden aus, darunter Mitgründer Erik Fällström. Neu einziehen sollen Joakim Nideborn, ein erfahrener CFO aus der Technologiebranche, und Helena Svancar mit über 20 Jahren internationaler Führungserfahrung.

AGM-Agenda: Nasdaq und 15 Prozent Verwässerung

Die Hauptversammlung am 15. Juni in Stockholm hat es in sich. Auf der Tagesordnung stehen das Nasdaq-Dual-Listing, eine Kapitalerhöhung um bis zu 53,8 Millionen neue Aktien — das entspricht rund 15 Prozent Verwässerung — sowie ein Aktienoptionsprogramm über 7 Millionen Anteilsscheine.

Das frische Kapital soll in organisches Wachstum in KI und Photonik, Akquisitionen sowie die Kosten der US-Notierung fließen. Die Compliance-Voraussetzungen hat Sivers bereits geschaffen: Die Abschlüsse für 2024 und 2025 wurden auf US-PCAOB-Standards umgestellt. Die Anpassungen führen für das Gesamtjahr 2025 zu einem Nettoumsatz von 306,6 Millionen SEK sowie einem operativen Verlust von 177,8 Millionen SEK — beides schlechter als die zuvor gemeldeten Werte.

Pipeline wächst, Umsatz schrumpft

Das operative Bild ist gespalten. Im ersten Quartal 2026 wuchs die Auftragspipeline um 77 Prozent auf 799 Millionen Dollar gegenüber Ende 2025. Der tatsächliche Umsatz hingegen fiel auf 61,9 Millionen SEK — ein Rückgang von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Als Gründe nennt das Management den US-Regierungs-Shutdown Ende 2025 und ungünstige Wechselkurse.

Für das Gesamtjahr 2026 hält das Management an seinem Wachstumsplan fest. Die zweite Jahreshälfte soll den Großteil des Schwungs liefern. Langfristig peilt Sivers ab 2027 ein jährliches Umsatzwachstum von 25 bis 30 Prozent an.

Einen konkreten Auftragseingang gab es ebenfalls: ALL.SPACE, ein Spezialist für taktische Satellitenkommunikation mit Kunden wie US Army und Navy, bestellte Ka-Band-Beamforming-Chips im Wert von 8,2 Millionen Dollar. Der Vertrag läuft bis 2027 und markiert den Übergang von der Entwicklung zur Serienproduktion.

Strukturellen Rückenwind lieferte zudem die Aufnahme in den OMX Stockholm Benchmark Index sowie den MSCI Sweden Small-Cap Index — beide Schritte lösten automatische Käufe passiver Fonds aus.

Die Aktie schloss den Freitag bei 8,38 Euro, gut 83 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt. Zwischen dem 52-Wochen-Tief von 0,27 Euro im März und dem Hoch von 10,23 Euro Anfang Juni liegt eine Spanne, die das Ausmaß der Volatilität verdeutlicht — annualisiert derzeit 243 Prozent.

Ein Ja zur Nasdaq-Notierung am Montag würde den Short Squeeze mit einem fundamentalen Argument untermauern. Ein Nein nähme dem Kurs seinen stärksten Treiber. Den nächsten Zahlentest liefert der Zwischenbericht am 6. August.