Kein schwedischer Chipwert hat in diesem Jahr mehr Aufmerksamkeit erzeugt als Sivers Semiconductors. Der Kurs schoss von 0,27 Euro auf zuletzt 8,38 Euro — ein Anstieg von mehr als 3.000 Prozent vom Jahrestief. Hinter der Rallye steckt ein Mix aus Short-Squeeze-Dynamik, KI-Fantasie und einer bevorstehenden Hauptversammlung, die das Unternehmen grundlegend verändern könnte.

Die HV-Abstimmung: Nasdaq oder Absturz

Am Montag entscheiden die Aktionäre über drei Punkte, die zusammen das Schicksal der Aktie bestimmen. Erstens: eine Doppelnotierung an der Nasdaq. Zweitens: eine Kapitalerhöhung von bis zu 53,8 Millionen neuen Aktien — das entspricht rund 15 Prozent Verwässerung. Drittens: ein Aktienoptionsprogramm über sieben Millionen Anteilsscheine.

Das frische Kapital soll in organisches Wachstum im KI- und Photonik-Bereich fließen, in mögliche Akquisitionen und in die Kosten des US-Listings selbst. Für die Nasdaq-Zulassung hat Sivers seine Jahresabschlüsse 2024 und 2025 bereits auf PCAOB-Standards umgestellt — dabei kamen höhere historische Verluste ans Licht.

Scheitert die Abstimmung, verliert die Aktie ihren stärksten Kurstreiber. Viele der zuletzt aufgebauten Longpositionen basieren auf der Erwartung des US-Listings.

Ermittlungen, Rücktritte, Klagewellen

Das Umfeld könnte kaum belasteter sein. Schwedische Staatsanwälte untersuchen einen möglichen Verstoß gegen die EU-Marktmissbrauchsverordnung. Ein anonymer Account auf X hatte die Nasdaq-Pläne genau 48 Stunden vor der offiziellen Ankündigung geleakt. Die schwedische Wirtschaftskriminalitätsbehörde und die Finanzaufsicht prüfen, ob dabei Insiderinformationen geflossen sind.

Hinzu kommt ein Bericht des Leerverkäufers Ningi Research vom 1. Juni. Die Firma bezweifelt die Echtheit von mindestens 97 Millionen schwedischen Kronen — rund 31 Prozent des für 2025 ausgewiesenen Umsatzes. Der Vorwurf: Sivers habe Umsätze aus noch nicht produzierten Produkten gebucht und staatliche Forschungssubventionen als kommerzielle Einnahmen verbucht.

Zwei US-Anwaltskanzleien kündigten daraufhin Sammelklagenprüfungen an. Formelle Klagen liegen noch nicht vor. Parallel dazu traten drei Aufsichtsratsmitglieder zurück — darunter Vizevorsitzender Tomas Duffy sowie die Gründungsinvestoren Erik Fallström und Keith Halsey.

Short-Squeeze und JPMorgan

Die jüngste Kursexplosion erklärt sich teilweise durch Marktmechanik. Nordea hob die Margin-Anforderungen für Short-Produkte auf Sivers auf bis zu 228,5 Prozent an — wegen mangelnder Liquidität im Leihpool. Wer nach dem Ningi-Bericht auf fallende Kurse gesetzt hatte, musste seine Positionen zwangsweise auflösen. Das trieb den Kurs weiter nach oben.

Mitten in der Turbulenz meldete JPMorgan Chase eine Beteiligung von 5,25 Prozent — die erste Sivers-Position der Bank überhaupt. Der Kauf erfolgte am 2. Juni, dem Tag, an dem Sivers eine Partnerschaft mit GlobalFoundries zur Entwicklung optischer Lösungen für KI-Rechenzentren ankündigte.

Pipeline wächst, Umsatz schrumpft

Die operative Realität bleibt ernüchternd. Im ersten Quartal 2026 sank der Nettoumsatz auf 61,9 Millionen schwedische Kronen — ein Rückgang von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das bereinigte EBITDA lag bei minus 13,8 Millionen Kronen.

CEO Vickram Vathulya begründet das mit dem US-Regierungsstillstand im vierten Quartal 2025 und verzögerten Verteidigungsbudgets. Einige erwartete Einnahmen aus dem ersten und zweiten Quartal verschoben sich demnach in die zweite Jahreshälfte 2026. Dem gegenüber steht ein Auftragsbestand, der seit Jahresbeginn um 77 Prozent auf 799 Millionen US-Dollar gewachsen ist.

Ein konkreter Schritt Richtung Serienproduktion: Am 9. Juni gab Sivers einen Produktionsvertrag über 8,2 Millionen US-Dollar mit dem britischen Satellitenkommunikationsunternehmen ALL.SPACE bekannt. Das Unternehmen bestellt Ka-Band-Beamforming-Chips, Lieferungen laufen bis 2027.

Der nächste reguläre Finanzbericht folgt am 6. August 2026 — dem Q2-Zwischenbericht. Bis dahin bestimmen der HV-Ausgang und mögliche Schritte der schwedischen Ermittlungsbehörden, wohin sich die Aktie bewegt.