Zwei Kontinente, zwei Ermittlungen, ein freier Fall. Sivers Semiconductors verliert innerhalb einer Woche mehr als ein Fünftel seines Börsenwerts — und das Unternehmen schweigt.
Die Aktie notiert am Donnerstag bei 6,88 Euro, gut 32 Prozent unter dem Anfang Juni erreichten 52-Wochen-Hoch von 10,23 Euro. Hinter dem Kursrutsch stecken gleich mehrere Belastungen, die sich überlagern.
Insider-Verdacht und US-Klagen
In Schweden ermitteln die Wirtschaftskriminalitätsbehörde und die Finanzaufsicht wegen eines mutmaßlichen Informationslecks. Ein anonymes Konto hatte präzise Details zur geplanten Nasdaq-Notierung rund 48 Stunden vor der offiziellen Ankündigung veröffentlicht — ein klassisches Insider-Muster.
Parallel dazu haben zwei US-Anwaltskanzleien — Rosen Law Firm sowie Bronstein, Gewirtz & Grossman — vorläufige Verfahren zu möglichen Aktionärsklagen eingeleitet. Auslöser war ein Bericht von Ningi Research vom 1. Juni 2026. Darin erhob der Leerverkäufer schwere Vorwürfe: fragwürdige Umsatzbuchungen, substanzlose Kundenverträge und seit 2018 wiederholt gebrochene Versprechen einer bevorstehenden Serienproduktion.
Sivers hat sich zu keiner der Ermittlungen öffentlich geäußert.
Hauptversammlung mit Fragezeichen
Die Hauptversammlung am 15. Juni brachte keine Beruhigung. Der Vorstand wurde teilweise neu besetzt: Joakim Nideborn zieht als neuer Vizevorsitzender ein, Helena Svancar kommt neu hinzu. Bami Bastani bleibt Vorsitzender.
Auffällig: Die Tagesordnungspunkte zum Mitarbeiter-Incentive-Programm wurden vertagt. Das neu zusammengesetzte Board will das Programm zunächst prüfen und auf einer späteren Hauptversammlung vorlegen.
Ferner genehmigte die HV ein gesichertes Wandeldarlehen über rund 327.000 US-Dollar. Der Zinssatz liegt bei 10,85 Prozent pro Jahr, die Laufzeit endet am 31. Dezember 2029.
Pipeline wächst, Umsatz schrumpft
Das operative Bild ist widersprüchlich. Im ersten Quartal 2026 wuchs die Auftragspipeline um 77 Prozent auf 799 Millionen US-Dollar. Der Nettoumsatz fiel jedoch auf 61,9 Millionen Schwedische Kronen — ein Rückgang von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das bereinigte EBITDA lag bei minus 13,8 Millionen Kronen.
Als Ursachen nennt das Unternehmen den US-Regierungsstillstand im vierten Quartal 2025 und verzögerte Verteidigungsbudgets sowie ungünstige Wechselkurse.
Auf der Produktseite gibt es konkrete Fortschritte. ALL.SPACE hat einen Produktionsauftrag über 8,2 Millionen US-Dollar für 2027 erteilt — für Sivers‘ Ka-Band-Beamforming-Chips für Satellitenkommunikation. Hinzu kommt eine Kooperation mit GlobalFoundries zur Entwicklung von Silizium-Photonik-Lösungen für KI-Rechenzentren. Breite Nachfrage nach neuen optischen Verbindungsarchitekturen erwartet die Branche allerdings frühestens ab 2027.
Quartalsbericht als Gradmesser
Am 6. August legt Sivers den Zwischenbericht für das zweite Quartal vor. Mit verschobener Nasdaq-Notierung, laufenden Ermittlungen auf beiden Seiten des Atlantiks und einem Umsatz, der weit hinter der Pipeline-Fantasie zurückbleibt, wird dieser Bericht zeigen müssen, ob das Unternehmen den Abstand zwischen 799 Millionen Dollar Potenzial und der aktuellen Erlösrealität tatsächlich zu schließen beginnt.
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