Innerhalb einer Woche hat Sivers Semiconductors fast ein Drittel seines Börsenwerts verloren. Der schwedische Photonics- und Halbleiterhersteller schloss den Freitag bei 5,90 Euro — 42 Prozent unter dem Allzeithoch vom 3. Juni. Was wie ein normaler Rücksetzer aussieht, ist in Wirklichkeit eine Vertrauenskrise.

Indexkauf trifft Leerverkäufer

Der Absturz hat eine klare Vorgeschichte. Im Juni stieg Sivers in den OMX Stockholm Benchmark Index und den MSCI Sweden Small-Cap Index auf. Passive Fonds mussten die Aktie kaufen — unabhängig vom Preis. Das trieb den Kurs auf 10,23 Euro. Dieser mechanische Rückenwind ist inzwischen verpufft.

Parallel dazu haben Leerverkäufer massiv aufgestockt. Ihre Wetten gegen Sivers erreichen mittlerweile 17 Prozent des Streubesitzes — im März waren es noch 1,6 Prozent. Ausgelöst hat die Welle ein Bericht des Leerverkäufers Ningi Research. Die Firma wirft Sivers vor, Kundenverträge ohne substanzielle Grundlage zu buchen. Rund 31 Prozent des für 2025 gemeldeten Umsatzes soll auf aggressiver Bilanzierung beruhen. Mindestens 97 Millionen schwedische Kronen des geplanten Umsatzes seien an Produkte geknüpft, die noch nicht existieren. Sivers hat darauf nicht reagiert.

Ermittlungen, Wirtschaftsprüfer-Alarm, US-Klagen

Die rechtliche Lage verschärft die Situation erheblich. Die schwedische Wirtschaftskriminalitätsbehörde und die Finanzaufsicht untersuchen einen mutmaßlichen Informationsabfluss rund um die geplante Nasdaq-Notierung. Ein anonymes Konto hatte präzise Details zur US-Zweitnotierung rund 48 Stunden vor der offiziellen Ankündigung veröffentlicht. Zwei US-Anwaltskanzleien — Rosen Law Firm und Bronstein, Gewirtz & Grossman — prüfen mögliche Aktionärsklagen. Sivers hat sich öffentlich zu keiner der Untersuchungen geäußert.

Hinzu kommt ein Bilanzproblem. Eine Neubewertung nach US-PCAOB-Standards — notwendig für die Nasdaq-Zulassung — weitete den Nettoverlust für 2025 von ursprünglich 186,5 Millionen auf 222,6 Millionen Kronen aus. Die Wirtschaftsprüfer zweifeln an der Fortführungsfähigkeit des Unternehmens.

Echte Aufträge, schwache Quartalszahlen

Nicht alles ist negativ. Sivers hat im Juni einen Produktionsauftrag über 8,2 Millionen Dollar vom Satellitenkommunikationsunternehmen ALL.SPACE für 2027 gewonnen. Außerdem kooperiert das Unternehmen künftig mit GlobalFoundries, um Silizium-Photonik-Lösungen für den KI-Infrastrukturmarkt zu entwickeln. Die Auftragspipeline ist auf fast 799 Millionen Dollar gewachsen — ein Plus von 77 Prozent seit Jahresbeginn.

Die harten Zahlen erzählen eine andere Geschichte. Im ersten Quartal 2026 sank der Umsatz um 22 Prozent auf 61,9 Millionen Kronen. Als Ursachen nennt das Management den US-Regierungsstillstand Ende 2024 und Verzögerungen bei Verteidigungsbudgets. Erwartete Erlöse aus dem ersten Halbjahr sollen nun im zweiten Halbjahr anfallen.

Neues Board, offene Nasdaq-Frage

Die Hauptversammlung vom 15. Juni hat den Aufsichtsrat neu aufgestellt. Bami Bastani bleibt Vorsitzender, Joakim Nideborn wurde als stellvertretender Vorsitzender neu gewählt. Das geplante Mitarbeiterbeteiligungsprogramm wurde zurückgezogen — das neue Board will es überarbeiten.

Die Nasdaq-Notierung, die den Kursanstieg im Frühjahr wesentlich befeuert hatte, liegt auf Eis. Das neue Board entscheidet über Zeitpunkt und Struktur. Am 6. August legt Sivers den Zwischenbericht für das zweite Quartal vor — dann wird sich zeigen, ob die versprochene Umsatzerholung im zweiten Halbjahr tatsächlich Gestalt annimmt.