Der Kursrutsch kommt nur wenige Stunden vor einem Termin, den Anleger seit Tagen mit Spannung verfolgen: Am Donnerstag läuft die Sperrfrist für Management und Altaktionäre des schwedischen Photonik- und HF-Chip-Herstellers aus. Schon am Vortag hatte die Aktie mit 3,80 Euro geschlossen, binnen 30 Tagen hat sie damit gut 57 Prozent verloren.
Vorstände kauften Aktien – trotz drohender Verkaufswelle
Fünf Direktoren von Sivers Semiconductors griffen am 13. Juli noch einmal selbst zu und verpflichteten sich, ihre neu erworbenen Anteile mindestens zwölf Monate zu halten. Das Signal war eindeutig gemeint: Vertrauen in die eigene Aktie, kurz bevor Management und frühe Investoren erstmals seit Monaten wieder frei verkaufen dürfen. Sverre Linton, Chefjurist des schwedischen Aktionärsverbands Aktiespararna, ordnete die Lage jedoch vorsichtig ein. Größere Verkäufe durch Insider würden signalisieren, dass diese kurzfristig keine kräftigere Kurserholung erwarten. Nach schwedischen Berichten könnten Führungskräfte des Unternehmens ab dem Ende der Sperrfrist Aktien im Wert von mehreren Hundert Millionen Kronen abstoßen.
Der Zeitpunkt ist heikel: Die Aktie notiert bereits 65,49 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 10,23 Euro, das sie noch am 3. Juni erreicht hatte. Gleichzeitig liegt der Kurs weit über dem 52-Wochen-Tief von 0,27 Euro vom 3. März – ein Abstand von mehr als 1.230 Prozent, der die extreme Schwankungsbreite der vergangenen Monate verdeutlicht. Der 14-Tage-RSI von 35,4 deutet auf eine überverkaufte Aktie hin, die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 154,04 Prozent zeigt, wie nervös der Handel derzeit verläuft.
Kapitalspritzen und Nasdaq-Ambitionen
Parallel zur Personalie um die Sperrfrist arbeitet Sivers Semiconductors an seiner Kapitalstruktur und an internationaler Präsenz. Anfang Juli wandelte der Investor Bootstrap Europe eine Kreditlinie über 12 Millionen US-Dollar in rund 22,8 Millionen neue Aktien um. Zusätzlich platzierte das Unternehmen 12.280.701 Aktien zu je 57 schwedischen Kronen – ein Abschlag von 9,7 Prozent zum Marktpreis – und erlöste damit rund 700 Millionen Kronen. Die Mittel sollen laut Unternehmensangaben in den Ausbau von Geschäft mit KI-Rechenzentren, Satellitenkommunikation und Verteidigungstechnik fließen, drei Bereiche, in denen Sivers seine photonischen und HF-Chip-Lösungen positionieren will.
Zugleich bereitet das Unternehmen ein Dual-Listing an der Nasdaq in den USA vor und richtet seinen Finanzkalender entsprechend an US-Standards aus. Der Quartalsbericht für das zweite Quartal soll am 27. August erscheinen, es folgen der Q3-Bericht am 26. November und der Jahresbericht am 25. Februar 2027. Die geplante US-Notierung soll dem Unternehmen zusätzlichen Zugang zu Kapital und einer breiteren Investorenbasis verschaffen, während es gleichzeitig seine Bilanz über die jüngsten Kapitalmaßnahmen stärkt.
Kurs unter allen wichtigen Durchschnitten
Die Marktbewertung spiegelt die Unsicherheit wider. Mit einer Marktkapitalisierung von umgerechnet 1,25 Milliarden Euro notiert Sivers Semiconductors derzeit 42,64 Prozent unter seinem 50-Tage-Durchschnitt von 6,15 Euro, aber noch knapp über dem 100-Tage-Durchschnitt von 3,83 Euro. Auf Wochensicht steht ein Minus von 2,22 Prozent zu Buche. Für Anleger dürfte der Donnerstag zur eigentlichen Bewährungsprobe werden: Erst wenn klar ist, in welchem Umfang Insider von ihrer neuen Verkaufsfreiheit Gebrauch machen, lässt sich absehen, ob der jüngste Ausverkauf eine Übertreibung war oder der Auftakt zu weiterem Druck auf die Aktie.
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