Ein Unternehmen meldet einen der stärksten Quartalsgewinne seiner Geschichte. Die Aktie stürzt trotzdem ab. Bei SK Hynix zeigt sich gerade, wie unversöhnlich die Erwartungen am Chipmarkt geworden sind.
Rekordzahlen reichen nicht mehr
SK Hynix steigerte den Umsatz im zweiten Quartal um 257 Prozent zum Vorjahr. Der operative Gewinn kletterte um fast 557 Prozent. Trotzdem brach die Aktie nach der Vorlage ein – die Zahlen blieben unter den von LSEG erhobenen Analystenschätzungen, sowohl beim Umsatz als auch beim operativen Gewinn.
Der Schock blieb nicht auf SK Hynix beschränkt. Die gesamte Chipbranche verlor in dieser Woche über eine Billion Dollar an Marktkapitalisierung. Allein SK Hynix, Samsung Electronics und Micron büßten zusammen rund 462 Milliarden Dollar ein: 176 Milliarden bei SK Hynix, 173 Milliarden bei Samsung, 113 Milliarden bei Micron.
Zur schwachen Kursreaktion kommt ein juristisches Risiko hinzu. Am 25. Juni reichten Kläger vor einem US-Bundesgericht in Kalifornien eine Sammelklage gegen SK Hynix, Samsung und Micron ein. Der Vorwurf: Die drei Konzerne sollen das DRAM-Angebot abgesprochen und künstlich verknappt haben. Die Unternehmen haben dazu vor Gericht bislang nicht Stellung genommen, die Vorwürfe sind unbewiesen und das Verfahren steckt in einem frühen Stadium.
Aktuell notiert die Aktie bei 1.537.000 Won – fast 29 Prozent unter ihrem gleitenden 50-Tage-Durchschnitt von rund 2,16 Millionen Won. Der Wert liegt damit inzwischen 48,5 Prozent unter dem Rekordhoch von Ende Juni.
Die entscheidende Frage: Zyklus-Delle oder Wendepunkt?
Der Kurs schwankt heftig – die 30-Tage-Volatilität liegt annualisiert bei 149 Prozent. Der RSI steht bei 40,8, weder überverkauft noch bullisch. Genau das spiegelt die Unsicherheit im Markt: Ist die aktuelle Schwäche bei den DRAM-Preisen nur eine normale Verschnaufpause innerhalb eines intakten KI-Speicher-Booms? Oder ist es der erste Riss in der „Superzyklus“-Erzählung, die den Kurs seit dem Tief im Oktober um mehr als 300 Prozent nach oben trieb?
Bullen verweisen auf ausverkaufte Kapazitäten
Für die Optimisten bleibt das Kerngeschäft intakt. Das Management berichtet, wichtige Kunden fragten weiterhin mehr Speicher nach. Kurzfristig lasse sich das Angebot kaum ausweiten – dafür sorgen die komplexen Fertigungsprozesse für HBM- und KI-Server-Speicher sowie lange Vorlaufzeiten beim Bau neuer Fabriken.
Analysten stützen dieses Bild mit Zahlen. SK Hynix kontrolliert nach Berechnungen von Goldman Sachs rund 58 Prozent der weltweiten HBM-Umsätze. Für die kommende Rubin-Plattform von Nvidia soll der Konzern geschätzte 60 bis 70 Prozent des HBM4-Volumens liefern. Die komplette Produktion an HBM, DRAM und NAND für 2026 ist bereits verkauft.
Manche Marktbeobachter werten die heftigen Kursausschläge der vergangenen Tage als technisches statt fundamentales Signal. Ein Analyst sprach im Zusammenhang mit einer ähnlichen zweitägigen Bewegung von „Portfolio-Umschichtung statt einer Verschlechterung der Branchenaussichten“. Ein anderer beschrieb den Ausverkauf als Neubewertung überzogener Erwartungen nach einer außergewöhnlich starken Rally – weniger als Zeichen nachlassender KI-Nachfrage. Der Kurs liegt weiterhin fast 29 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt. Der langfristige Aufwärtstrend bleibt charttechnisch also intakt, trotz des scharfen Rückgangs vom Juni-Hoch.
Bären sehen strukturelle Schwächen
Die Skeptiker setzen an einem anderen Punkt an: Die HBM-Lieferverträge von SK Hynix mit den großen Kunden sind Festpreis-Kontrakte. Das sichert zwar planbare Einnahmen, verhindert aber, dass das Unternehmen von Preisspitzen am Spotmarkt profitiert. Selbst wenn die KI-Nachfrage robust bleibt, ist das Aufwärtspotenzial durch weitere Preisanstiege gedeckelt. Jede Abschwächung bei klassischem DRAM und NAND schlägt dabei direkt auf die Marge durch.
Genau hier liegt ein ungelöstes Rätsel: Die Durchschnittspreise für DRAM stiegen zuletzt schwächer als erwartet, sogar schwächer als bei Commodity-DRAM. Das nährt Zweifel an der Preissetzungsmacht des Unternehmens, obwohl die Auslieferungsmengen weiter kräftig wachsen.
Hinzu kommt das ungeklärte Klagerisiko aus dem Kartellverfahren. In der Branche wird offen diskutiert, ob die Investitionen in KI-Infrastruktur „schneller als erwartet ihren Höhepunkt erreichen“ könnten. Bei dieser extremen Schwankungsbreite ist ein weiterer Rückgang in Richtung des 200-Tage-Durchschnitts bei rund 1.192.520 Won nicht auszuschließen, sollte sich die Stimmung weiter eintrüben.
Ausblick: Konsolidierung vor der nächsten Weichenstellung
Solange das Management an seinen Aussagen zur Kundennachfrage festhält und die Kapazität für 2026 ausverkauft bleibt, spricht vieles für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends. Rückgänge in Richtung des 100-Tage-Durchschnitts von rund 1,69 Millionen Won könnten dann Käufer anlocken, die auf die strukturelle HBM-Knappheit setzen.
Bewegt sich das Kartellverfahren dagegen Richtung Beweisaufnahme, oder bestätigen weitere Daten schwächeres Preiswachstum als erwartet, drohen tiefere Kurse in Richtung des 200-Tage-Durchschnitts. Als nächste konkrete Katalysatoren gelten der Fortgang des US-Kartellverfahrens sowie ein Update zu den Kapitalrückführungsplänen. Das Management hat angekündigt, dazu noch innerhalb des Jahres Stellung zu nehmen, sobald final entschieden ist. Bis dahin dürfte die Aktie ihre extreme Schwankungsbreite behalten – eher ein volatiles Auf und Ab als ein klarer Trend in eine Richtung.
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