Zwei Kurseinbrüche in vier Tagen, dann ein Auftritt, der Anleger beruhigen soll. SK-Hynix-Chairman Chey Tae-won trat auf einem Forum in Jeju vor Investoren und bat um Geduld. Sein Argument: KI stecke noch in den „Kinderschuhen“, der exponentielle Bedarf an Speicherchips komme erst noch.

Die Worte fallen in eine heikle Phase. Am 13. Juli verlor die Aktie 15 Prozent, am 16. Juli folgten weitere 11,4 Prozent. Dazwischen liegt der 26,5-Milliarden-Dollar-Börsengang der US-Hinterlegungsscheine vom 10. Juli – eigentlich ein Triumph, jetzt Ausgangspunkt einer nervösen Korrektur.

Vorstand gegen Verkaufsdruck

Chey spricht von einer Korrektur „übertriebener Kursanstiege“, nicht von einem Zyklushoch. Parallel warnt CEO Kwak Noh-jung vor einer Speicherkrise ab 2027. Die Branche trete in eine „neue Normalität“ ein, in der strukturelle Engpässe bis über 2030 hinaus bestehen könnten.

Die Zahlen hinter der Nervosität sind eindeutig. Der Anteil ausländischer Investoren fiel von 53,83 Prozent im Januar auf 49,88 Prozent Mitte Juli. Gleichzeitig lösten sich in Südkorea rund 300.000 Margin-Konten von Privatanlegern auf – ein Hinweis auf hohe Hebelwirkung im heimischen Handel. Der Ausverkauf im Halbleitersektor löste diese Woche sogar Circuit Breaker im koreanischen Leitindex KOSPI aus.

Die entscheidende Kennzahl: 60 Prozent Deckungsgrad

Im Zentrum der Debatte steht eine Prognose: Die Deckungsquote der DRAM-Nachfrage soll von 75 bis 80 Prozent in der zweiten Jahreshälfte 2026 auf nur noch 60 Prozent im Jahr 2027 fallen. Bleibt dieser Wert Realität, spricht das für anhaltend hohe Preise. Stabilisiert er sich stattdessen oberhalb von 80 Prozent, wackelt die gesamte These vom strukturellen Mangel.

Bullen-Szenario: Marktmacht bei HBM

Für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends spricht zunächst die Marktposition. SK Hynix hält 58 Prozent Marktanteil bei High-Bandwidth-Memory-Chips, weit vor Micron mit etwa 21 Prozent. Analysten von Meritz Securities deuten die jüngsten Preisanpassungen in den langfristigen Lieferverträgen nicht als Margenverzicht. Sie werten sie als Strategie, um sich frühzeitig die Nachfrage der KI-Rechenzentren zu sichern.

Die Bewertung liefert zusätzliche Munition für Optimisten. Der Konzern erzielte im ersten Quartal 2026 eine operative Marge von 72 Prozent, notiert aber nur beim rund fünffachen erwarteten Jahresgewinn. Einzelne Kursziele für die US-Hinterlegungsscheine liegen bei bis zu 330 Dollar – ein Aufschlag von 117 Prozent zum aktuellen Niveau. Dazu investiert SK Hynix weiter in Kapazität: 4 Milliarden Dollar fließen nach Indiana, neue Werke entstehen in Yongin und Cheongju.

Bären-Szenario: Zinsen und Fremdkapital-Sorgen

Die Gegenseite verweist auf makroökonomischen Druck, der selbst starke Fundamentaldaten überlagern kann. Die südkoreanische Notenbank hob den Leitzins kürzlich auf 2,75 Prozent an – die erste Erhöhung seit Anfang 2023. Höhere Zinsen drücken erfahrungsgemäß auf die Bewertung wachstumsstarker Techwerte.

Hinzu kommt eine wachsende Sorge um die Schuldenlast der großen Cloud-Anbieter. Sollte sich die Rendite auf KI-Infrastrukturinvestitionen verlangsamen, drohen Kürzungen bei den für 2026 erwarteten Investitionen von rund 851 Milliarden Dollar der Hyperscaler. Das würde die Auftragsbücher von SK Hynix direkt treffen.

Geopolitik bleibt ein weiterer Unsicherheitsfaktor. Mögliche US-Beschränkungen gegen chinesische Speicherhersteller wie YMTC könnten Lieferketten stören. Neue Exportkontrollen sind für die gesamte Branche ein dauerhaftes Risiko.

Ausblick: Der 29. Juli als Testfall

Solange die Bewertung nahe dem fünffachen Jahresgewinn bleibt, dürfte die These der Unterbewertung bei institutionellen Analysten Bestand haben. Der nächste konkrete Prüfstein folgt jedoch bald: Am 29. Juli 2026 legt SK Hynix seine Quartalszahlen vor.

Investoren achten dabei auf zwei Dinge. Erstens, ob die hohe Marge aus dem ersten Quartal Bestand hat. Zweitens, welche Signale das Management zur Preisgestaltung der Lieferverträge für 2027 sendet. Einige Wertpapierhäuser bringen zudem Sonderdividenden oder Aktienrückkäufe ins Spiel – eine Maßnahme, die dem Kurs nach den jüngsten Verlusten eine Untergrenze verschaffen könnte.

Bleibt der Lieferengpass für 2027 das Basisszenario der großen Cloud-Anbieter, spricht mehr für eine langfristige Fortsetzung des Aufwärtstrends. Zwingt das makroökonomische Umfeld Partner wie Nvidia hingegen zu spürbaren Kürzungen bei den KI-Investitionen, könnte aus der aktuellen Korrektur ein längerer zyklischer Abschwung werden.