Liebe Traderinnen und Trader,
13 Prozent Kurssprung bei einem deutschen Nebenwert an einem Tag, an dem der Philadelphia Semiconductor Index über fünf Prozent verliert und ins Bärenmarkt-Territorium rutscht — diese Woche zeigt exemplarisch, wohin Kapital gerade fließt und wohin nicht. Der DAX gab auf Wochensicht rund 1,1 Prozent ab und liegt über vier Prozent unter seinem Rekordhoch von 25.900 Punkten aus der Vorwoche. Während sich Halbleiterwerte von ihrer Euphorie verabschieden, findet ausgerechnet ein Solarkonzern mit belegbaren Zahlen den Weg zurück ins Rampenlicht. Genau diese Verschiebung sollte unsere Positionierung heute bestimmen.
SMA Solar: Der Turnaround, den kaum jemand auf dem Schirm hatte
Das ist der Trade der Woche. SMA Solar sprang am Freitag um bis zu 13 Prozent auf 65,85 Euro — getrieben von einem überraschend starken zweiten Quartal. Der Umsatz lag mit 345,7 Millionen Euro zwar leicht unter dem Vorjahreswert von 357,1 Millionen, doch entscheidend ist das EBITDA: Es drehte von minus 15,5 Millionen Euro im Vorjahr auf plus 64,7 Millionen Euro. Ein sauberer operativer Turnaround, und das Unternehmen hob seine Jahresprognose gleich mit an.
Deutsche Bank Research reagierte prompt mit einer Hochstufung auf „Buy“ und einem Kursziel von 75 Euro. Die Begründung ist der eigentliche Kern der Story: Batteriespeicher als Treiber einer Neubewertung. Das ist damit kein klassischer Solar-Zyklus-Trade mehr, sondern eine Wette auf Speicher-Infrastruktur. Wer den Wert bereits hält, hat mit dem 75-Euro-Ziel noch Luft nach oben; wer neu einsteigt, sollte die runde 65-Euro-Marke als Referenzpunkt im Blick behalten.
Der Chip-Sektor rutscht in den Bärenmarkt — der Auslöser sitzt in China
Der Name hinter der Marktschwäche: Kimi K3. Das chinesische Startup Moonshot AI aus dem Alibaba-Umfeld präsentierte ein Sprachmodell mit 2,8 Billionen Parametern, und die Parallelen zum „DeepSeek-Moment“ von Anfang 2025 lösten eine Verkaufswelle aus. Der Philadelphia Semiconductor Index verlor über fünf Prozent und rutschte damit rund 20 Prozent unter sein Hoch von Ende Juni — offiziell Bärenmarkt-Territorium. Infineon gab 4,4 Prozent ab, der Nikkei brach vier Prozent ein, Kioxia allein verlor 16,1 Prozent.
Bemerkenswert dabei: Apple überholte Nvidia zeitweise wieder als wertvollstes Unternehmen der Welt, 4,9 gegen 4,8 Billionen Dollar Marktkapitalisierung. Für uns heißt das: Die Rotation aus Halbleitern hält an, wer auf Chip-Momentum gesetzt hat, muss mit weiterer Volatilität rechnen. Manche Analysten sprechen inzwischen von einem möglichen Nasdaq-Rückschlag von 10 bis 20 Prozent, ein finaler Kapitulationsboden ist damit nicht ausgeschlossen. Kurzfristig bleibt der Sektor kein Ort für frisches Geld.
Commerzbank vor den Zahlen: Der Rücksetzer ist Positionierung, keine Schwäche
Antizyklisch interessant wird dagegen der Finanzsektor. Die Commerzbank-Aktie gehörte am Freitag mit Abschlägen von 2,6 bis 3,1 Prozent auf 36,82 bis 36,85 Euro zu den DAX-Verlierern — aber das liest sich als Positionierung vor den anstehenden Quartalszahlen, nicht als operative Schwäche. Im Fokus stehen die Zinserträge und das laufende Aktienrückkaufprogramm. Wer den Wert tradet, sollte den Zahlentermin abwarten: Enttäuschen die Zinserträge nicht, wird der aktuelle Rücksetzer zur Einstiegschance. Die Deutsche Bank berichtet bereits am 29. Juli, die Commerzbank folgt in derselben Berichtssaison.
Während Banken und Chip-Hersteller ihre eigenen Krisen durchleben, steht ein weiterer deutscher Kernsektor unter noch stärkerem Druck: die Automobilindustrie. Massenentlassungen bei VW und Gehaltskürzungen bei Mercedes-Benz sind Symptome eines strukturellen Umbruchs in einem 400-Milliarden-Sektor, nicht nur einer zyklischen Delle. Genau diese Verschiebung analysiert Felix Baarz im Live-Webinar „Der deutsche Auto-Crash: Wo jetzt die Milliarden landen“ morgen um 11:00 Uhr. Er stellt drei Nischen-Monopolisten vor, die von der Neuordnung des Sektors profitieren sollen, darunter ein Tech-Zulieferer mit einem Auftragsbestand von 73 Milliarden Euro. Wer wissen will, wo das Kapital hinfließt, während die alten Auto-Riesen kämpfen, findet dort einen konkreten Fahrplan für den Handelsstart am Montag.
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Öl schießt hoch, Gold gerät unter Druck — die Fed rückt näher an eine Zinserhöhung
Der Nahost-Konflikt treibt parallel die Rohstoffmärkte. Brent kletterte über 85 Dollar, WTI auf rund 80 Dollar — der größte Wochengewinn seit April, ein Plus von 11 bis 13 Prozent. Auslöser sind die sechste Nacht US-Angriffe auf den Iran und die Blockade rund um die Straße von Hormus, über die etwa 20 Prozent des globalen Ölangebots laufen. Einige Marktteilnehmer sehen inzwischen Potenzial über 100 Dollar.
Paradox wirkt dagegen die Reaktion bei Gold: Der Preis fiel unter 4.000 Dollar. Der Grund liegt in der Zinserwartung. Trotz abkühlender Inflation — der Juni-Verbraucherpreisindex kam mit 3,5 Prozent unter der erwarteten Marke von 3,8 Prozent herein — schürt der Ölschock die Angst vor einem neuen Inflationsimpuls. Das FedWatch-Tool zeigt inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von 46,5 Prozent für eine Zinserhöhung am 29. Juli, gegenüber 34 Prozent zu Wochenbeginn. Steigende Renditen und ein festerer Dollar drücken das zinslose Gold zusätzlich. Forex.com-Analyst Razaqzada sieht Rückschlagpotenzial bis 3.800, womöglich 3.500 Dollar. Für Depots mit Öl-Exposure über ETCs bleibt der Trend intakt — vor kurzlebigen Spikes sei aber gewarnt.
Krypto-Infrastruktur: Prediction Markets als AI-resistente Wette
Bitcoin rutschte im Sog des Chip-Ausverkaufs unter 63.000 Dollar — die Spot-Preise sind hier aber nicht die spannendere Geschichte, sondern die Infrastruktur dahinter. Jump Trading hat sein Prediction-Markets-Team auf rund 20 Personen verdoppelt. Simon Johansen, Head of Prediction Markets, nennt die Branche die „AI-resistenteste Industrie“ überhaupt. Die Zahlen stützen das: Das kombinierte Handelsvolumen auf Kalshi und Polymarket verdoppelte sich von Mai auf einen Rekord von 44 Milliarden Dollar im Juni. Beim Super Bowl 2026 lag das Volumen zehnmal höher als 2025. Das ist ein struktureller Wachstumstrend abseits der Spot-Volatilität — ein Feld für alle, die Krypto-Exposure jenseits der reinen Coin-Wette suchen.
Marschroute
- SMA Solar: Der Turnaround ist real, Deutsche-Bank-Ziel 75 Euro. Die 65-Euro-Marke ist das Level, das jetzt zählt.
- Chip-Sektor (Infineon & Co.): Bärenmarkt-Territorium, kein Ort für frisches Geld. Volatilität aussitzen, keine fallenden Messer fangen.
- Commerzbank: Zahlentermin abwarten — der Rücksetzer wird erst nach guten Zinserträgen zur Chance.
- Öl/Gold: Öl-Trend intakt (Brent über 85 Dollar), Gold unter Druck durch Zinsangst. Am 29. Juli entscheidet die Fed, bis dahin bleibt die Nervosität.
- Nächste Woche: EZB-Sitzung am Donnerstag (Zinspause erwartet, Lagardes September-Signal ist der Trigger), dazu Zahlen von SAP, VW und Deutsche Börse.
Die kommende Woche entscheidet, ob sich der Chip-Sektor stabilisiert oder weiter nachgibt — bis dahin lohnt es sich, das Pulver für die Namen mit belegbaren Zahlen trocken zu halten. Schönes Wochenende, und lassen Sie die Positionen über die zwei freien Tage nicht aus den Augen.
Gute Trades, Ihr Andreas Sommer
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