Wer den globalen Vorstoß in die künstliche Intelligenz verstehen will, muss den Blick nach Tokio richten. Wenn die Märkte an den enormen Investitionskosten zweifeln, setzt Masayoshi Son noch einen drauf.
Der CEO der SoftBank Group treibt sein Portfolio in ein Tempo, das Anlegern gleichermaßen Schwindel und Faszination beschert. Wo andere Technologiekonzerne vorsichtig auf die Kostenbremse treten, kennt der japanische Mischkonzern offenbar nur den Vorwärtsgang.
Wie viel Risiko verträgt die Wette auf die Zukunft? Gestern berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Verweis auf die Financial Times, dass Son bis zu 100 Milliarden $ bei Investoren aus der Golfregion einsammeln will. Die Mittel sollen gezielt in KI-Projekte fließen.
Zwar betonte Reuters, diese Berichte nicht unmittelbar verifizieren zu können, doch das Muster passt nahtlos zur Strategie der Japaner: Das Kapital muss dorthin fließen, wo die nächste Rechenrevolution entsteht — ungeachtet der schieren Dimensionen.
Hohe Einsätze bei OpenAI
Die Dringlichkeit, mit der Son neues Kapital mobilisieren möchte, trifft an den Märkten auf eine spürbare Nervosität. Am Donnerstag berichtete Reuters, dass OpenAI gegenüber Investoren für September einen annualisierten Umsatz von knapp 50 Milliarden $ bezifferte.
Diese Marke liegt spürbar unter den zuvor kolportierten rund 70 Milliarden $. Die Nachricht setzte Technologie- und KI-Papiere unter Druck, und auch die SoftBank-Aktie bekam die wachsende Skepsis über das Tempo der Monetarisierung zu spüren.
Dabei steht für den Konzern enorm viel auf dem Spiel. Erst am 1. Oktober schloss SoftBank Medienberichten zufolge die finale Tranche über 10 Milliarden $ eines insgesamt 30 Milliarden $ schweren Folgeinvestments in OpenAI ab. Damit wuchs das gesamte Engagement bei den Schöpfern von ChatGPT auf 64,6 Milliarden $, was einem Anteil von ungefähr 13 % entspricht. Wer sich derart exponiert, bindet das eigene Schicksal eng an das Silicon Valley.
Am Freitag schloss das Papier im europäischen Handel bei 32,27 Euro, womit sich der Kurs über den Zeitraum von sieben Tagen um 12 Prozent verbilligte. Diese Bewegung verdeutlicht, wie empfindlich die Börse reagiert, wenn die Ertragskraft der gefeierten Modelle hinter den astronomischen Bewertungen zurückzubleiben droht.
Strategische Initiativen und finanzielle Disziplin
Trotz der milliardenschweren Verpflichtungen arbeitet Tokio daran, das Profil weiter zu schärfen. Neben dem Kernbereich treibt der Konzern Partnerschaften in Schwellenländern voran.
Am Donnerstag unterzeichnete SoftBank gemeinsam mit Grab Holdings und Petroleum Sarawak eine Rahmenvereinbarung, um eine Plattform für KI und digitale Infrastruktur im malaysischen Bundesstaat Sarawak auszuloten. Verbindliche Verträge oder eine konkrete Umsetzung sind darin allerdings noch nicht festgeschrieben.
Zugleich meldet das Beteiligungsportfolio Fortschritte auf dem Weg zur Börse. Das von SoftBank unterstützte Fintech OPay Digital Services Ltd. sicherte sich gestern rund 185 Millionen $ im Rahmen einer Privatplatzierung mit der Standard Bank Group, während ein Börsengang in den USA vorbereitet wird.
Damit der Expansionskurs nicht auf Kosten der Bonität geht, setzt das Management punktuelle Entlastungszeichen. Gestern gab SoftBank bekannt, alle 405.103.000 Euro seiner mit 2,875 % verzinsten und im Januar 2027 fälligen Senior Notes am 22. Oktober zu pari vorzeitig abzulösen.
Rechtliche Störfeuer bei Arm
Doch Ruhe kehrt im Gefüge nicht ein. Seit Montag läuft vor einem Gericht in Delaware eine Klage zwischen Qualcomm und Arm Holdings. Qualcomm wirft Arm vor, vertraglich zugesicherte Werkzeuge zur Chipprüfung zurückzuhalten, und strebt an, Lizenzzahlungen an Arm für bis zu fünf Jahre auszusetzen. Arm bestreitet einen solchen Vertragsbruch energisch.
Die Gemengelage für SoftBank bleibt damit anspruchsvoll. Masayoshi Son beweist einmal mehr, dass er nicht bereit ist, auf die Perfektionierung der Monetarisierung zu warten. Er investiert in die Infrastruktur von morgen, während die Börse heute Rechenschaft verlangt. Am Ende wird sich zeigen müssen, ob dieser kompromisslose Expansionsdrang das Fundament für das nächste Technologie-Jahrzehnt legt oder ob die Kapitalkosten die Vision einholen.
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