Ein Gewinnwachstum von über 20 Prozent ist an der Wall Street eine Ausnahme. Seit 1936 gab es Serien mit einem Plus von mehr als 30 Prozent nur zehnmal – und fast immer folgten sie auf tiefe Gewinneinbrüche wie die Finanzkrise oder den Corona-Schock. Genau das macht die aktuelle Lage so ungewöhnlich: Die Rekordgewinne der S&P-500-Unternehmen entstehen diesmal ohne vorherigen Absturz, sondern aus einem organischen, KI-getriebenen Boom.

Nach vorläufigen Zahlen wuchsen die Gewinne im zweiten Quartal 2026 um 32 Prozent gegenüber dem Vorjahr, nach einem Plus von 30 Prozent im ersten Quartal. Bei fast 90 Prozent der bereits vorliegenden Berichte übertrafen 86 Prozent der Unternehmen die Erwartungen der Analysten – deutlich mehr als der langjährige Durchschnitt von 68 Prozent seit 1994.

Warum Strategen trotzdem vorsichtig werden

Bank of America warnt: Historisch gesehen wird der Markt weniger unterstützend, sobald sich das Gewinnwachstum abschwächt. Für das erste Quartal 2027 erwartet der Konsens einen Rückgang unter 20 Prozent, für das Gesamtjahr 2027 nur noch ein Wachstum im mittleren einstelligen bis niedrigen zweistelligen Bereich. Das wäre historisch betrachtet immer noch gesund – aber der Kontrast zur aktuellen Dynamik könnte die Stimmung drücken.

JPMorgan sieht das optimistischer und hob die Gewinnschätzung für 2026 auf 365 Dollar pro Aktie an, das Jahresendziel für den Index liegt nun bei 8.000 Punkten. Allerdings räumt die Bank ein, dass Bewertungsgewinne bei nicht börsennotierten Beteiligungen die ausgewiesenen Gewinne um rund 18 Dollar aufblasen – bereinigt läge das Wachstum bei etwa 28 Prozent statt 35 Prozent.

Treiber der Rekordserie bleibt die Cloud-Infrastruktur: Amazon Web Services wuchs im zweiten Quartal um 37 Prozent, Microsoft Azure um 43 Prozent, Google Cloud sogar um 82 Prozent. JPMorgan rechnet mit KI-Investitionen von rund 900 Milliarden Dollar bis Ende 2026 und mehr als 1,2 Billionen Dollar bis Ende 2027.

Der Index selbst zeigte sich zuletzt kaum bewegt und pendelte um die Marke von 7.753 Punkten, nachdem er vergangene Woche ein Rekordhoch markiert hatte. Belastend wirkten zuletzt steigende Ölpreise infolge der Spannungen um die Straße von Hormus sowie die Nervosität vor den US-Inflationsdaten.

Am Mittwoch stehen die Verbraucherpreise für Juli an, Ökonomen erwarten einen leicht rückläufigen Wert von 3,4 Prozent im Jahresvergleich. Bestätigt sich diese Zahl, dürfte das den Druck auf die Fed-Zinserwartungen mindern – und der Markt hätte einen weiteren Grund, an der aktuellen Bewertung festzuhalten, statt sich schon jetzt auf die erwartete Wachstumsabschwächung 2027 einzustellen.