Wall Street wartet. Die erste Fed-Zinssitzung unter neuem Vorsitzenden Kevin Warsh ist das dominierende Thema des Handelstages — und der S&P 500 zeigt, wie nervös Anleger sind. Während der Dow Jones seinen Rekordlauf fortsetzt, verharrt der marktbreite Index nahezu unverändert bei rund 7.500 Punkten.
Warsh zwischen Inflationsdruck und politischem Gegenwind
Die Ausgangslage für den neuen Fed-Chef ist alles andere als komfortabel. Einerseits hat der gefallene Ölpreis — ausgelöst durch die Hoffnung auf eine dauerhafte Nahost-Einigung — die Inflationssorgen zuletzt etwas gelindert. Brent-Rohöl drehte nach Trumps mehrdeutigen Aussagen zum Frieden wieder nach oben und notierte zeitweise über 80 Dollar je Barrel. Andererseits drückte Trump bisher stets auf Zinssenkungen — bei Warsh hat er nun versichert, keinen Druck auszuüben.
Ökonomen rechnen überwiegend damit, dass die Notenbanker den Leitzins zum vierten Mal in Folge in der Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent belassen werden. Zuletzt hatte die Fed im Dezember 2025 die Zinsen um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Entscheidender als die Zinsentscheidung selbst dürfte Warschs Kommunikation werden — Märkte müssen seinen Stil erst einschätzen lernen. BofA Securities erwartet in den aktualisierten Wirtschaftsprojektionen höhere Inflation, niedrigere Arbeitslosigkeit und keine Zinssenkungen in 2026; einzelne Notenbanker könnten sogar Erhöhungen signalisieren.
Retail-Daten liefern Rückenwind
Kurz vor dem Fed-Entscheid gab es immerhin eine freundliche Überraschung auf der Konjunkturseite. Die US-Einzelhandelsumsätze stiegen im Mai um 0,9 Prozent gegenüber dem Vormonat — erwartet worden war lediglich ein Plus von 0,5 Prozent. Das deutet auf eine robuste Konsumnachfrage hin und gibt Warsh einen weiteren Grund, vorerst abzuwarten.
Indes erholten sich Halbleiterwerte nach ihrem schwachen Vortag merklich. Applied Materials führte die Gewinnerliste im Nasdaq 100 mit einem Kursplus von fast neun Prozent an, nachdem Citigroup das Kursziel von 550 auf 710 Dollar angehoben hatte. AMD, Micron, Intel und Marvell Technology legten ebenfalls bis zu vier Prozent zu — ein Zeichen, dass die Korrektur vom Dienstag als Kaufgelegenheit genutzt wurde.
Nahost-Deal bleibt das Joker-Thema
Die für Freitag geplante Unterzeichnung des 14-Punkte-Rahmenabkommens zwischen den USA und dem Iran ist noch nicht in trockenen Tüchern. Trump selbst ließ im Gespräch mit Journalisten auf dem G7-Gipfel im französischen Evian durchblicken, dass er notfalls zu Bombenangriffen zurückkehren würde, falls ihm das Abkommen nicht gefalle. Das reichte, um den kurzzeitigen Ölpreisrückgang teilweise umzukehren.
Kein Wunder, dass der S&P 500 in diesem Umfeld keine klare Richtung findet. Zu viele bewegliche Teile: ein ungeprobter Fed-Chef, ein fragiles Friedensabkommen und Technologietitel, die nach dem SpaceX-Hype auf Konsolidierungskurs sind. Wie Warsh die Botschaft am Mittwochabend verpackt, wird die Richtung der nächsten Handelstage maßgeblich bestimmen.
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