Selten stehen sich zwei Wall-Street-Stimmen so unversöhnlich gegenüber wie derzeit bei der Frage, wohin der S&P 500 in den kommenden Wochen läuft. Auf der einen Seite Tom Lee von Fundstrat, der trotz ausgebliebener Rally an seiner Prognose einer heftigen Aufwärtsbewegung festhält. Auf der anderen Ed Yardeni, der sein Kursziel gerade nach unten korrigiert hat.

Der Index selbst bewegte sich zuletzt kaum von der Stelle und schloss zum Wochenauftakt fast unverändert bei 7.764,64 Punkten. Die Nasdaq markierte im gleichen Zeitraum ein frisches Rekordhoch, während der Dow Jones nachgab — ein Bild, das die Spaltung zwischen KI-getriebenen Technologiewerten und dem Rest des Marktes widerspiegelt.

Lee bleibt bei seiner Rally-These

Tom Lee bezeichnete die Pressekonferenz von Fed-Chef Kevin Warsh nach der jüngsten Zinsentscheidung als „Peak Hawkish Fed“ — aus seiner Sicht der restriktivste Punkt, den die Notenbank erreichen dürfte. Er rechnet damit, dass weitere Fed-Vertreter diesen Ton in den kommenden Wochen abschwächen und der Markt dadurch wieder Rückenwind bekommt.

Konkret erwartet Lee einen Anstieg des S&P 500 auf 7.900 bis 8.000 Punkte bis Ende September, gefolgt von einem zwischenzeitlichen Rücksetzer von rund 7 Prozent im Oktober oder November. Erst danach soll die eigentliche Rally über die Marke von 8.200 Punkten hinausführen. Als Argumente nennt er an der Seitenlinie geparkte Barmittel, bereits eingepreisten Pessimismus und anhaltende Investitionen in Künstliche Intelligenz.

Yardeni wird vorsichtiger

Ed Yardeni schlägt einen anderen Ton an. Er senkte sein Jahresend-Kursziel von 8.400 auf 7.900 Punkte und verschob das ursprüngliche Ziel auf Mitte 2027. Parallel erhöhte er die von ihm angenommene Wahrscheinlichkeit eines bearischen Szenarios von 20 auf 30 Prozent — als Gründe nannte er steigende Anleiherenditen und wachsende Konjunkturrisiken für die kommenden drei bis sechs Monate.

Am Markt selbst sorgte zuletzt eher die Geopolitik für Bewegung als die Strategen-Debatte. Berichte über Gespräche zwischen US- und iranischen Vertretern am Rande der UN-Generalversammlung ließen die Ölpreise deutlich fallen, was Inflationssorgen etwas dämpfte. Zugleich hielten sich Investoren vor dem für Donnerstag angesetzten Treffen zwischen Donald Trump und Chinas Präsident Xi Jinping in Washington merklich zurück.

Ob sich Lees Fahrplan mit dem erwarteten Rücksetzer im Oktober oder November bewahrheitet, dürfte sich an den kommenden Fed-Kommentaren und der Reaktion der Anleiherenditen entscheiden. Bis dahin bleibt der Index zwischen den Szenarien der beiden Strategen gefangen — mit dem US-China-Gipfel am Donnerstag als nächstem konkreten Stichdatum.