Liebe Leserinnen und Leser,
2.700 Punkte Abstand zum Allzeithoch vom Januar – und der DAX fällt weiter. Was heute an den Märkten passierte, war kein gewöhnlicher Rücksetzer. Gegenseitige Angriffe auf Öl- und Gasanlagen rund um den Persischen Golf, eine neue Eskalationsstufe im Iran-Krieg und ein globaler Notenbanken-Marathon, der keine Entlastung brachte: Das ist der Stoff, aus dem Stagflations-Albträume gemacht sind. Ich blicke heute auf die Lage an den Märkten, erkläre, warum Micron trotz Rekordquartal unter die Räder kam – und was der Bitcoin-Rückgang auf unter 70.000 Dollar mit steigenden Anleiherenditen zu tun hat.
Der Energiekrieg trifft Europa ins Mark
Israel greift das iranische Gasfeld South Pars an. Der Iran schlägt zurück und trifft Ras Laffan in Katar – die größte LNG-Anlage der Welt, verantwortlich für rund ein Fünftel der globalen Flüssiggasversorgung. Shell bestätigt Schäden an der Gasaufbereitungsanlage Pearl. In Abu Dhabi werden Anlagen geschlossen, in Kuwait brennen Raffinerien.
Die Folge: Brent-Öl schoss zeitweise auf über 119 Dollar je Barrel – das höchste Niveau seit 2022. Europäisches Erdgas (TTF) legte in der Spitze mehr als 30 Prozent zu. Für deutsche Verbraucher und Unternehmen ist das keine abstrakte Zahl. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche warnte explizit: Anlagen, die durch den Krieg beschädigt werden, brauchen Monate zur Reparatur – nicht Wochen. Das strukturelle Risiko für die Energieversorgung ist damit ein anderes als bei einem vorübergehenden Schock.
Besonders hart traf es zyklische Sektoren. Salzgitter verlor rund 12 Prozent, ArcelorMittal fiel ebenfalls deutlich. Der europäische Rohstoffsektor hat seit Kriegsbeginn Ende Februar fast 14 Prozent eingebüßt. Die Logik dahinter ist simpel und brutal: Hohe Energiepreise fressen die Margen der energieintensiven Industrie – und gleichzeitig dämpfen sie die Konjunktur, was die Nachfrage nach Stahl und Rohstoffen drückt.
Notenbanken im kollektiven Wartezimmer
Fed, EZB, Bank of England, Bank of Japan, Schweizerische Nationalbank – alle hielten heute oder gestern die Zinsen unverändert. Das klingt nach Stabilität. Es ist das Gegenteil.
Die EZB beließ den Einlagenzins bei 2,0 Prozent – zum sechsten Mal in Folge. Christine Lagarde formulierte es klar: Der Krieg im Nahen Osten habe „Aufwärtsrisiken für die Inflation und Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum“ zur Folge. Die Notenbank erwartet für 2026 nun eine Inflationsrate von 2,6 Prozent im Euroraum – und nur noch 0,9 Prozent Wirtschaftswachstum. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) geht davon aus, dass die Inflation in Deutschland in der ersten Jahreshälfte „merklich über 2,5 Prozent“ steigen wird.
Die Fed zeigte sich ähnlich vorsichtig. Der neue Dot Plot deutet auf nur noch eine Zinssenkung in diesem Jahr hin – im Januar waren es noch zwei. Jerome Powell sagte, die Auswirkungen des Nahostkonflikts auf die Inflation seien ungewiss, aber: „Die höheren Energiepreise werden die Inflation antreiben.“ Zinssenkungen sind damit auf absehbare Zeit vom Tisch. Marktbeobachter preisen mittlerweile keine Bewegung mehr vor September ein.
Das ist das eigentliche Dilemma: Erhöhen die Notenbanken die Zinsen, um die Inflation zu bekämpfen, würgen sie eine ohnehin schwächelnde Wirtschaft ab. Tun sie es nicht, droht eine Inflationswelle wie 2022 – diesmal mit dem Makel, dass man es kommen sah. DWS-Ökonomin Ulrike Kastens bringt es auf den Punkt: „Zinserhöhungen werden wahrscheinlicher, Zinssenkungen sind vom Tisch.“
DAX bricht unter 23.000 – und ein technisches Signal verschärft den Sell-off
Der DAX schloss heute bei 22.840 Punkten, ein Minus von 2,8 Prozent. Das Tief des Tages lag bei 22.759 Punkten – der tiefste Stand seit Ende April 2025. Allein in den vergangenen zwei Handelstagen verlor der Index rund 1.000 Punkte. Vom Allzeithoch Mitte Januar bei über 25.500 Punkten trennen ihn nun fast 2.700 Zähler.
Der Rutsch unter die 23.000er-Marke löste laut CMC Markets ein charttechnisches Verkaufssignal aus und beschleunigte den Abverkauf – auch weil viele Marktteilnehmer angesichts des morgigen „Großen Verfalls“ (Optionsverfall) die Reißleine zogen. CMC-Marktexperte Andreas Lipkow fasst die strukturelle Schwäche zusammen: „Wegen der hohen Exportabhängigkeit vieler Sektoren würde eine globale Konjunkturabkühlung Deutschland besonders stark treffen.“
Einzelne Lichtblicke gab es dennoch. Ionos sprang um rund 11 Prozent nach oben – der Internetdienstleister überzeugte mit starken Jahreszahlen und einem bestätigten Ausblick. United Internet und Tochter 1&1 legten ebenfalls zu. Nemetschek gewann rund 3,7 Prozent, nachdem der Bausoftware-Spezialist mit Quartalszahlen und Wachstumsaussichten überzeugte. Solche Ausreißer nach oben zeigen: Qualität mit klarer Wachstumsstory wird auch in schwierigen Märkten honoriert.
Micron: Rekordquartal, Kursrutsch – die bekannte KI-Falle
Knapp 24 Milliarden Dollar Umsatz im zweiten Quartal des Geschäftsjahres, ein Gewinn von 12,20 Dollar je Aktie – und trotzdem fiel die Micron-Aktie zeitweise um mehr als sieben Prozent. Wer das nicht versteht, dem sei ein Blick auf das Muster empfohlen, das sich durch den gesamten KI-Boom zieht.
Micron will im laufenden Geschäftsjahr mehr als 25 Milliarden Dollar investieren – rund fünf Milliarden mehr als bisher geplant. Im Folgejahr sollen weitere zehn Milliarden hinzukommen. Das erinnert Anleger unangenehm an ähnliche Ankündigungen von Alphabet und Amazon, die ebenfalls mit Kursabschlägen quittiert wurden. Die Sorge: Irgendwann nähert sich der Zyklus im Speicherbereich seinem Höhepunkt. JPMorgan und die Analysten von Stifel sehen das Margenwachstum an seine Grenzen stoßen.
Melissa Weathers von der Deutschen Bank erinnert das an Nvidia zu Beginn des KI-Booms 2023 – ein Vergleich, der je nach Perspektive Hoffnung oder Warnung bedeuten kann. Für Anleger bleibt die Frage offen: Ist der Rücksetzer eine Kaufgelegenheit bei einem strukturellen KI-Profiteur – oder das erste Zeichen, dass der Markt die Investitionswelle nicht mehr uneingeschränkt belohnt?
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Bitcoin unter Druck – Gold im freien Fall
Kein sicherer Hafen funktioniert heute so, wie man es erwarten würde. Gold verlor rund 4,7 Prozent auf unter 4.600 Dollar je Feinunze – ein Rückgang, der auf den ersten Blick paradox wirkt, wenn gleichzeitig ein Krieg eskaliert. Die Erklärung liefert BullionVault-Analyst Adrian Ash: „Die Zinssenkungen der Fed wurden weiter in die Zukunft verschoben. Mechanisch gesehen wäre das schlecht für Gold.“ Steigende Realzinsen machen das zinslose Edelmetall weniger attraktiv – der Effekt überwiegt derzeit die Nachfrage als Krisenabsicherung.
Bitcoin fiel um rund 2,6 Prozent auf etwa 69.300 Dollar. Ethereum gab noch stärker nach und rutschte auf rund 2.120 Dollar. Das Muster ähnelt Gold: Wenn die Erwartung höherer Zinsen den Markt dominiert, leiden auch digitale Assets. Silber büßte sogar knapp zehn Prozent ein – der stärkste Tagesverlust unter den großen Rohstoffen.
Für Krypto-Anleger ist das eine unbequeme Erkenntnis: In einem Umfeld, in dem Stagflationsängste und Zinserwartungen die Agenda bestimmen, korreliert Bitcoin stärker mit Risk-Off-Bewegungen als mit dem Narrativ der „digitalen Absicherung“. Ob das eine vorübergehende Phase bleibt oder ein strukturelles Muster, wird der weitere Verlauf des Iran-Konflikts mitbestimmen.
Deutsche Bank, KNDS und ein Rüstungs-IPO am Horizont
Abseits des großen Marktlärms gab es heute zwei bemerkenswerte Meldungen aus dem deutschen Unternehmensumfeld.
Die Deutsche Bank verkündete Führungswechsel auf dem Management Board: Stefan Hoops, bisher CEO der DWS, rückt ab Mai in den Vorstand auf. Marie-Jeanne Deverdun übernimmt als neue Chief Technology, Data and Innovation Officer. CEO Christian Sewing betonte, man wolle Technologie einschließlich KI „beschleunigt“ über alle Geschäftsbereiche implementieren. Für Anleger ist das ein Signal: Die Deutsche Bank positioniert sich offensiver im KI-Rennen der Finanzbranche – mit einer Frau an der Spitze der Technologiestrategie, die 16 Jahre Hauserfahrung mitbringt.
Interessanter für risikofreudigere Anleger dürfte der angekündigte Börsengang von KNDS sein. Der deutsch-französische Rüstungskonzern – entstanden aus der Fusion von Krauss-Maffei Wegmann und dem französischen Nexter – plant den IPO noch in diesem Jahr. CEO Jean-Paul Alary nannte kein konkretes Datum, betonte aber: Die Vorbereitungen laufen planmäßig. Zum Vergleich: Rheinmetall hat seinen Aktienkurs seit Beginn des Ukraine-Krieges im Februar 2022 verfünfzehnfacht – von gut 100 Euro auf derzeit rund 1.550 Euro. KNDS kommt später, aber in einem Marktumfeld, in dem Rüstungsausgaben politisch wie wirtschaftlich gesetzt sind.
Was bleibt – und was morgen zählt
Heute war ein Tag, der Anleger an 2022 erinnert – und gleichzeitig zeigt, dass die Ausgangslage eine andere ist. Die EZB-Chefvolkswirtin hatte damals zu spät reagiert; heute ist die Notenbank gewarnt und wachsam. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer rechnet bei anhaltend hohem Ölpreis mit einer Euroraum-Inflation von „mindestens 3 Prozent“ – unangenehm, aber weit entfernt von den über zehn Prozent des Jahres 2022.
Morgen steht der „Große Verfall“ an – der vierteljährliche Verfallstermin für Optionen und Futures, der erfahrungsgemäß für erhöhte Volatilität sorgt. Wer in dieser Woche bereits nervös war, sollte sich auf turbulente Schlusskurse einstellen. Mittelfristig bleibt der Blick auf die Straße von Hormus entscheidend: Solange der Tankerverkehr dort weitgehend stillsteht und Energieanlagen im Persischen Golf unter Beschuss stehen, wird der Ölpreis das Zünglein an der Waage bleiben – für Aktien, Zinsen und Krypto gleichermaßen.
Bis morgen,
Andreas Sommer


