Supreme Court bremst Trump – Märkte in Unsicherheit

Ein Urteil des US-Höchstgerichts kippt Trumps Zollbefugnisse, doch neue Abgaben und geopolitische Risiken halten die Finanzmärkte in Atem.

Supreme Court bremst Trump – Märkte in Unsicherheit
Kurz & knapp:
  • Historische Niederlage für Trumps Handelspolitik
  • Neue 10-Prozent-Zölle auf Basis alternativer Gesetze
  • Analysten warnen vor Rezessions- und Aktienrisiken
  • Eskalierende Spannungen mit Iran als weiterer Unsicherheitsfaktor

Die globalen Finanzmärkte stehen vor einer neuen Phase der Volatilität. Mit einem Paukenschlag hat der Oberste Gerichtshof der USA die weitreichenden Zollbefugnisse von Präsident Donald Trump gekippt – doch statt Erleichterung herrscht nun noch größere Unsicherheit. Trumps wütende Reaktion und die sofortige Ankündigung neuer 10%-Zölle auf Basis alternativer Rechtsinstrumente zeigen: Der globale Handelskrieg ist keineswegs beendet, er verlagert sich nur auf neues Terrain.

Historische Niederlage für das Weiße Haus

Das Supreme-Court-Urteil vom Freitag markiert einen Wendepunkt in Trumps zweiter Amtszeit. Mit 6 zu 3 Stimmen entschieden die Richter, dass der International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) dem Präsidenten nicht die Befugnis verleiht, einseitig Zölle zu verhängen – eine Praxis, die Trump im vergangenen Jahr exzessiv genutzt hatte, um nahezu alle US-Handelspartner mit Abgaben zu überziehen. Oberster Richter John Roberts formulierte unmissverständlich: „Unsere Aufgabe ist es heute zu entscheiden, ob die dem Präsidenten übertragene Befugnis zur ‚Regulierung von Importen‘ die Macht zur Erhebung von Zöllen umfasst. Das tut sie nicht.“

Bemerkenswert: Drei konservative Richter, darunter zwei von Trump selbst ernannte, stimmten gegen den Präsidenten. Seine Reaktion war heftig. Trump nannte die Richter „Narren“ und „Schoßhündchen“ der Demokraten, warf ihnen mangelnden Patriotismus vor und insinuierte ohne Belege, das Gericht sei von ausländischen Interessen beeinflusst worden. „Ich schäme mich für bestimmte Mitglieder des Gerichts“, sagte Trump vor Reportern.

Märkte zwischen Hoffnung und neuer Unsicherheit

Die unmittelbaren Marktreaktionen fielen verhalten aus. US-Börsenindizes stiegen kurz nach dem Urteil, schlossen jedoch nur moderat im Plus. Der Grund: Binnen Stunden kündigte Trump bereits neue 10%-Zölle auf nahezu alle Importe an – diesmal auf Basis von Section 122 des Trade Act von 1974, einem Gesetz, das bisher noch nie von einem Präsidenten zur Zollerhebung genutzt wurde. Die Maßnahme gilt zunächst für 150 Tage und könnte ebenfalls rechtlich angefochten werden.

Barclays warnt vor erheblichen Auswirkungen auf Anleihen- und Devisenmärkte. Die Bank schätzt, dass potenzielle Zollrückerstattungen bis zu 175 Milliarden Dollar erreichen könnten – finanziert durch erhöhte Ausgabe von Staatsanleihen. Der Wegfall der IEEPA-Zölle, die jährlich etwa 0,5 bis 0,7 Prozent des BIP an Einnahmen generierten, könnte die Defizite weiter ausweiten und zu einer steileren Zinskurve führen.

Für Währungsmärkte könnte die Entscheidung paradoxerweise den Dollar stärken, so Barclays. Die Demonstration institutioneller Checks and Balances reduziere die Risikoprämie, die Investoren für US-Assets verlangen. Gleichzeitig könnten risikosensitive Schwellenländer-Währungen profitieren, falls reduzierte Zollrisiken die globalen Wachstumserwartungen stützen.

Asiatische Exportnationen im Spannungsfeld

In Asien herrscht Alarmbereitschaft. Während Japan „angemessen reagieren“ will und Taiwan die Situation „genau beobachtet“, beschrieb ein hochrangiger Finanzbeamter in Hongkong die US-Situation als „Fiasko“. Christopher Hui, Hongkongs Finanzstaatssekretär, betonte die „einzigartigen Handelsvorteile“ und „Politikstabilität“ der Stadt – ein kaum verhüllter Seitenhieb auf Washingtons Chaos.

Vor der Supreme-Court-Entscheidung reduzierte die Maßnahme den handelsgewichteten US-Durchschnittszoll von 15,4 auf 8,3 Prozent. Für China, Brasilien und Indien bedeutet dies theoretisch zweistellige Prozentpunkte an Entlastung – allerdings auf weiterhin hohem Niveau und nun durch Trumps neue 10%-Abgabe bereits wieder konterkariert. Thailands Handelsbehörde rechnet sogar mit verstärktem „Front-Loading“, da Exporteure ihre Waren vor erwarteten noch höheren Zöllen in die USA verschiffen wollen.

Europa: Chinesische Konkurrenz drückt auf Preise

Während die USA ihre Handelspolitik im Chaos neu sortieren, beobachtet die Europäische Zentralbank ein anderes Phänomen: den deflationären Effekt chinesischer Billigimporte. EZB-Ratsmitglied Fabio Panetta warnte, dass chinesische Importe in die Eurozone seit Anfang 2024 volumenmäßig um 27 Prozent gestiegen sind, während die Preise um 8 Prozent gefallen sind.

„Der disinflationäre Effekt bleibt vorerst begrenzt, ist aber bereits sichtbar“, sagte Panetta auf einer Konferenz in Venedig. Die Preise der Güter, die am stärksten der chinesischen Konkurrenz ausgesetzt sind, verlangsamten sich deutlich schneller als andere – ein Trend, der sich in den kommenden Monaten verstärken könnte. Die Euro-Inflation fiel im Januar auf 1,7 Prozent und damit unter das EZB-Ziel von 2 Prozent. Panetta betonte, dass „bedeutende“ Inflationsrisiken in beide Richtungen bestehen: Eine weitere Euro-Aufwertung oder Finanzmarktkorrektur könnte deflationär wirken, während geopolitische Spannungen und Lieferkettenprobleme inflationär bleiben.

Rezessionsrisiken und Aktienmarkt-Gefahren

Während Handelskriege und Gerichtsentscheidungen die Schlagzeilen dominieren, warnt BCA Research vor einer unterschätzten Gefahr: Ein nachhaltiger 10-prozentiger Rückgang der US-Aktienkurse könnte die Verbraucherausgaben erheblich beeinträchtigen und Rezessionsrisiken schüren. Bei einem Aktienbesitz amerikanischer Haushalte von rund 70 Billionen Dollar würde ein 10-prozentiger Kursverlust etwa 7 Billionen Dollar an Vermögen vernichten und die Gesamtnachfrage um geschätzte 280 Milliarden Dollar oder 0,9 Prozent des BIP reduzieren.

BCA-Stratege Peter Berezin senkte die 12-Monats-Rezessionswahrscheinlichkeit zwar von 50 auf 30 Prozent – unter Verweis auf mögliche Stimuli durch Zollrückerstattungen und Steuerrabatte. Doch er warnt gleichzeitig vor Parallelen zur Telecom-Blase von 2001: Die massiven Investitionen in KI-Infrastruktur könnten sich als Überinvestition erweisen. Hyperscaler könnten bis 2030 rund 2 Billionen Dollar an KI-Assets halten, mit jährlichen Abschreibungen nahe ihren aktuellen Gewinnniveaus. „Anleger sind zunehmend besorgt, dass Unternehmen überinvestieren“, so Berezin. Ein Rückzug aus dem KI-Capex würde Hardware-Zulieferer und das Gesamtwachstum belasten.

Iran-Krise überschattet Handelspolitik

Während Trump gegen das Supreme Court wettert, rückt eine noch gefährlichere Herausforderung in den Fokus: die eskalierenden Spannungen mit Iran. BCA Research schätzt die Wahrscheinlichkeit eines größeren Ölschocks auf etwa 38 Prozent – ein Risiko, das die handelspolitische Volatilität in den Schatten stellen könnte.

Trump hat massive Streitkräfte im Nahen Osten aufgebaut und Vorbereitungen für einen mehrwöchigen Luftangriff auf Iran getroffen. Doch viele seiner Berater drängen ihn, sich stattdessen auf die Wirtschaft zu konzentrieren – das Top-Anliegen der Wähler vor den Midterm-Wahlen im November. Bei einem privaten Briefing mit Kabinettsmitgliedern wurde die Wirtschaft als Hauptwahlkampfthema betont. Trumps eigene Basis, die ihn wegen seines Versprechens wählte, „ewige Kriege“ zu beenden, könnte bei einem Iran-Konflikt rebellieren.

„Der Präsident muss seine politische Basis im Auge behalten, die skeptisch gegenüber ausländischen Verwicklungen ist“, warnte der republikanische Stratege Rob Godfrey. Im Gegensatz zum schnellen Venezuela-Überfall wäre Iran ein weitaus gefährlicherer Gegner – und ein Krieg könnte erhebliche politische Gefahren für Trump und die Republikaner bergen.

Ausblick: Mehr Verwirrung als Klarheit

Das Supreme-Court-Urteil sollte eigentlich Klarheit schaffen. Stattdessen hat es eine neue Ära der Unsicherheit eingeläutet. BCA Research erwartet, dass Handelsspannungen bis Ende 2026 relativ eingedämmt bleiben – begrenzt durch rechtliche Hürden und Wahlkampfdruck. Doch nach den Midterms könnte eine erneute Eskalation drohen. Trump wird auf engere rechtliche Instrumente zurückgreifen müssen, was die effektive US-Zollrate nur moderat anheben dürfte, bevor Kongresshürden greifen.

Für Anleger bedeutet dies: Geopolitische Energierisiken und makroökonomische Bedingungen bleiben wichtiger als Zollschlagzeilen. US-Staatsanleihen und der Dollar könnten paradoxerweise von institutionellen Checks profitieren, die die Vorhersehbarkeit erhöhen. Doch die Kombination aus Handelschaos, Iran-Spannungen und möglicher Aktienmarktschwäche schafft ein toxisches Gemisch. „Wir erwarten, dass die Risiken für Aktien über das nächste Jahr nach unten tendieren“, fasst BCA zusammen – besonders wenn schwächere Kurse die Konsumausgaben zu bremsen beginnen.

Über Felix Baarz 1841 Artikel
Mit über fünfzehn Jahren Erfahrung als Wirtschaftsjournalist hat sich Felix Baarz als Experte für internationale Finanzmärkte etabliert. Seine Leidenschaft gilt den Mechanismen globaler Finanzmärkte und komplexen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen, die er für seine Leserschaft verständlich aufbereitet.In Köln geboren und aufgewachsen, entdeckte er früh sein Interesse für Wirtschaftsthemen und internationale Entwicklungen. Nach seinem Studium startete er als Wirtschaftsredakteur bei einer renommierten deutschen Fachpublikation, bevor ihn sein Weg ins Ausland führte.Ein prägendes Kapitel seiner Karriere waren die sechs Jahre in New York, wo er direkten Einblick in die globale Finanzwelt erhielt. Die Berichterstattung von der Wall Street und über weltweite wirtschaftspolitische Entscheidungen schärfte seinen Blick für globale Zusammenhänge.Heute ist Felix Baarz als freier Journalist für führende Wirtschafts- und Finanzmedien im deutschsprachigen Raum tätig. Seine Arbeit zeichnet sich durch fundierte Recherchen und präzise Analysen aus. Er möchte nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch deren Bedeutung erklären und seinen Lesern Orientierung bieten – sei es zu wirtschaftlichen Trends, politischen Entscheidungen oder langfristigen Veränderungen in der Finanzwelt.Zusätzlich moderiert er Diskussionen und nimmt an Expertenrunden teil, um sein Wissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dabei liegt sein Fokus darauf, komplexe Themen informativ und inspirierend zu vermitteln. Felix Baarz versteht seine journalistische Aufgabe darin, in einer sich schnell wandelnden Welt einen klaren Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu ermöglichen und seine Leser bei fundierten Entscheidungen zu unterstützen – beruflich wie privat.