Liebe Leserinnen und Leser,
vor genau einem Jahr hätte niemand geglaubt, dass US-Richter einmal die globale Handelspolitik auf den Kopf stellen würden. Doch genau das ist passiert: Der Supreme Court hat Donald Trumps Zoll-Fundament weggesprengt – und damit nicht nur Washington, sondern Exporteure von Mailand bis München in einen Schwebezustand katapultiert. Während Unternehmen rätseln, ob sie Milliarden zurückfordern können, schießt Gold auf neue Höchststände. Und mittendrin: eine deutsche Autoindustrie, die in China um jeden Prozentpunkt Marktanteil kämpft. Was diese explosive Gemengelage für Anleger bedeutet, schauen wir uns heute genauer an.
Das Zoll-Erdbeben: 175 Milliarden Dollar in der Schwebe
Als der Supreme Court am Freitag seine Entscheidung verkündete, war die Botschaft unmissverständlich: Ein Großteil von Trumps Zöllen, verhängt unter Berufung auf ein Notstandsgesetz von 1977, ist rechtswidrig. Das Gericht stellte klar – die Macht liegt beim Kongress, nicht beim Präsidenten allein. Richter Neil Gorsuch wurde deutlich: Der verfassungsmäßige Gesetzgebungsprozess sei ein „Bollwerk der Freiheit“, das vor den „Tagesimpulsen eines einzelnen Mannes“ schütze.
Die praktischen Folgen? Explosiv. Nach Berechnungen der University of Pennsylvania könnten Importeure nun bis zu 175 Milliarden Dollar an bereits gezahlten Zöllen zurückfordern. Unternehmen wie Amazon, Walmart, General Motors und Ford haben seit vergangenem Jahr Milliarden an Zollabgaben bezahlt – und diese Milliarden wollen sie jetzt zurück. Richter Brett Kavanaugh warnte bereits vor einem „Chaos“ bei der Rückerstattung. Denn viele Importeure haben die Kosten längst an Kunden weitergegeben – wer zahlt dann an wen zurück?
Besonders pikant: Hedgefonds wittern bereits das große Geschäft. Unternehmen ohne Ressourcen für langwierige Gerichtsverfahren könnten ihre Rückforderungsansprüche an Finanzinvestoren verkaufen – mit Abschlägen von über 30 Prozent. Ein Milliardenspiel, das gerade erst beginnt.
Europas Zitterpartie: Ist das Handelsabkommen noch gültig?
Für deutsche und europäische Exporteure ist die Lage besonders verzwickt. Die EU und die USA hatten sich im Sommer auf ein Zollabkommen verständigt – doch dessen rechtliche Grundlage ist nun weggebrochen. Das EU-Parlament arbeitet gerade an der Umsetzung des Deals, aber niemand weiß, ob er überhaupt noch Bestand hat. Bernd Lange, Chef des Handelsausschusses im EU-Parlament, berief für Montag eine Sondersitzung ein: „Weder die US-Regierung noch die Europäische Union können einfach zur Tagesordnung übergehen.“
Die Stimmung in Europas Wirtschaft? Angespannt. Italienische Weinexporteure, für die die USA der wichtigste Markt sind (1,9 Milliarden Euro Umsatz 2024), befürchten einen „Freeze auf Bestellungen“, während Kunden abwarten, wie sich die Lage entwickelt. Der deutsche Chemieverband VCI spricht von einer „neuen Runde der Unsicherheit“ – keine Phase der Stabilität, sondern das Gegenteil. Logistikexperten wie Peter Sand von Xeneta sehen bereits irreversible Schäden: Viele Unternehmen haben ihre Lieferketten umgebaut, um Zölle zu vermeiden – diese Strukturen lassen sich nicht einfach zurückdrehen.
Trump selbst reagierte trotzig. Noch am Freitagabend unterschrieb er eine Anordnung für einen temporären Zehn-Prozent-Zoll – diesmal unter Berufung auf ein Handelsgesetz von 1974. Doch auch hier gibt es Zweifel an der Rechtmäßigkeit. Für längerfristige Zölle bräuchte er die Zustimmung des Kongresses – die er explizit nicht einholen will. Das Zoll-Chaos dürfte also weitergehen.
Deutsche Autobauer unter Druck: Merz muss in China liefern
Während die Zollfrage die Schlagzeilen dominiert, kämpft die deutsche Autoindustrie an einer anderen Front: China. Bundeskanzler Friedrich Merz reist nach Peking – und die Erwartungen der Branche sind glasklar. „Die deutsche Seite muss detailliert darstellen, an welchen Stellen China wettbewerbsverzerrend arbeitet“, fordert Hildegard Müller, Präsidentin des Autoverbands VDA. Deutsche Hersteller haben zuletzt deutlich an Absatz verloren – schuld sind nicht nur hoch subventionierte chinesische E-Auto-Marken, sondern auch eine neue Luxussteuer, die vor allem deutsche Premium-Autos trifft.
Müllers Botschaft ist eindeutig: „Ziel der Gespräche muss sein, die Märkte gegenseitig weiter zu öffnen – keine wechselseitige Abschottung.“ Doch sie warnt auch vor Gegenreaktionen. Sollte die EU mit neuen Vorgaben reagieren – etwa zur Bevorzugung europäischer Autos bei öffentlicher Beschaffung oder höheren Zöllen –, drohen der deutschen Industrie chinesische Gegenmaßnahmen. Ein Drahtseilakt für Merz, der zwischen Härte und Diplomatie balancieren muss.
Gold glänzt bei 6.200 Dollar: UBS setzt auf Geopolitik
Inmitten all dieser Unsicherheit gibt es einen klaren Gewinner: Gold. Die Schweizer Großbank UBS hat ihr Kursziel für das Edelmetall auf 6.200 Dollar je Unze angehoben – ein gewaltiger Sprung von den aktuellen 5.035 Dollar. Der Treiber? Geopolitische Spannungen, allen voran der drohende Konflikt zwischen den USA und Iran. Washington hat massiv Truppen im Nahen Osten stationiert – in einem Umfang, der weit über die Operation zur Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro hinausgeht. Das Signal: Die USA bereiten sich auf einen längeren Konflikt vor, nicht auf eine einmalige Aktion.
UBS-Stratege Dominic Schnider betont, dass einzelne geopolitische Ereignisse selten dauerhafte Markteffekte haben – aber sie sind „mächtige Auslöser für temporäre Volatilitätsspitzen“, die Investoren in sichere Häfen wie Gold treiben. Hinzu kommt das makroökonomische Umfeld: Die Federal Reserve dürfte ihren Lockerungszyklus fortsetzen, mit zwei Zinssenkungen um je 25 Basispunkte bis Ende September. Niedrigere Realzinsen und ein potenziell schwächerer Dollar wirken als Rückenwind für das zinslose Edelmetall.
Auf der Angebotsseite verschärft sich die Lage: Laut Wood Mackenzie werden bis 2028 rund 80 Minen ihre aktuellen Produktionspläne erschöpfen. Während die Nachfrage von Zentralbanken und asiatischen Schmuckmärkten steigt, bleibt das Angebot stagnierend. UBS empfiehlt eine Allokation im mittleren einstelligen Prozentbereich für Gold innerhalb diversifizierter Portfolios – als Absicherung gegen die „Bandbreite an Markt- und Wirtschaftsrisiken“, die derzeit den Horizont verdunkeln.
Anzeige: Die jüngsten geopolitischen Spannungen, die den Goldpreis treiben, haben auch einen massiven Verteidigungsboom ausgelöst – einen Sektor, den die meisten Anleger noch gar nicht auf dem Radar haben. Carsten Müller analysiert in seinem kostenlosen Webinar „Bytes statt Bomben“ einen fundamentalen Paradigmenwechsel in der Rüstungsindustrie: Weg von tonnenschwerer Hardware, hin zu KI-gestützten Drohnensystemen und digitaler Verteidigungstechnologie. Er stellt vier spezialisierte Unternehmen vor, die vom 500-Milliarden-Euro-Investitionsprogramm der NATO profitieren – darunter den „Wächter der Ostflanke“, der die automatisierte Verteidigungszone an der NATO-Grenze mit hochpräzisen Radarsystemen ausstattet. Sie erfahren konkret, welche Tech-Schmieden die alten Rüstungsgiganten überholen und warum Software-Margen in diesem Sektor eine völlig neue Gewinnqualität ermöglichen. Müller zeigt auch, wie ein 500-Euro-Drohnensystem heute einen 10-Millionen-Euro-Panzer außer Gefecht setzen kann – und welche Unternehmen genau diese asymmetrische Revolution anführen. Details zum New Defence-Webinar mit den 4 Spezialisten
Krypto-Infrastruktur: Dubai macht ernst mit VARA-Compliance
Während die traditionellen Märkte von Zoll-Chaos und Geopolitik durchgeschüttelt werden, setzt der Krypto-Sektor auf Regulierung als Wettbewerbsvorteil. Das indische Blockchain-Unternehmen Antier hat eine VARA-konforme White-Label-Krypto-Börse für die Vereinigten Arabischen Emirate und die MENA-Region gelauncht. VARA steht für Virtual Asset Regulatory Authority – Dubais Regulierungsbehörde, die einen der weltweit strukturiertesten Rahmen für institutionelle Digital-Asset-Märkte geschaffen hat.
Die Plattform kombiniert Spot- und OTC-Handel, Tokenisierung von Real-World-Assets, institutionelles Custody und Stablecoin-Überweisungen in einer einzigen Architektur. Besonders interessant: Die Integration von Sharia-konformen Marktoptionen, die islamischen Finanzinstituten den Einstieg ermöglicht. Die Zahlen sprechen für sich – VARA-lizenzierte Anbieter in Dubai verzeichneten zuletzt ein Handelsvolumen von rund 681 Milliarden Dollar. Das zeigt: Regulierte Krypto-Märkte ziehen massives institutionelles Kapital an.
Für europäische Anleger ist das ein wichtiges Signal. Während in den USA regulatorische Unsicherheit herrscht und China Krypto weitgehend verboten hat, positioniert sich der Nahe Osten als regulierter Hub. Institutionen, die in digitale Assets einsteigen wollen, haben nun eine Alternative zu den volatilen Rahmenbedingungen in westlichen Märkten.
Tech-Bilanzsaison: Nvidia, Salesforce und die KI-Frage
Die kommende Woche wird für Tech-Investoren entscheidend. Am 25. Februar legt Nvidia seine Zahlen vor – und die Erwartungen sind enorm. Nach den jüngsten Kursverlusten, ausgelöst durch Ängste vor KI-Übertreibung, wird der Chip-Gigant beweisen müssen, dass die Nachfrage nach KI-Beschleunigern weiterhin robust ist. Analysten von Bernstein haben zuletzt Entwarnung gegeben: Die Angst, dass KI Software-Ingenieure massenhaft ersetzt, sei übertrieben. Coding mache weniger als ein Fünftel der Arbeitszeit eines Entwicklers aus – der Rest entfalle auf Dokumentation, Deployment und Prozessmanagement.
Ebenfalls am 25. Februar berichten Salesforce, Zoom, Snowflake und C3.ai. Für Cloud- und KI-Anbieter wird die Frage zentral sein: Können sie die hohen Bewertungen mit konkreten Umsatzzahlen rechtfertigen? Die jüngsten Bilanzen von Microsoft und Amazon zeigten: Hohe KI-Investitionen belasten kurzfristig die Margen, auch wenn die langfristigen Wachstumsaussichten intakt bleiben.
Am 26. Februar folgen NEL, SoundHound AI und D-Wave Quantum – ein Trio aus Wasserstoff, Sprach-KI und Quantencomputing. Gerade die beiden letztgenannten Sektoren gelten als hochspekulativ, haben aber in den vergangenen Monaten massive Kursgewinne verzeichnet. Anleger werden genau hinschauen, ob die Geschäftsmodelle bereits Substanz haben oder noch reine Zukunftswetten sind.
Was diese Woche zählt
Die kommenden Tage werden zeigen, ob das Zoll-Urteil des Supreme Court der Startschuss für eine neue Phase globaler Handelskonflikte ist – oder ob sich die Lage beruhigt. Für deutsche Anleger heißt das: Wachsamkeit bei exportlastigen Titeln, besonders im Automobilsektor. Gleichzeitig bietet die Unsicherheit Chancen bei defensiven Assets wie Gold, das von UBS nicht ohne Grund auf 6.200 Dollar hochgestuft wurde.
Die Tech-Bilanzsaison wird Klarheit bringen, ob die KI-Euphorie gerechtfertigt ist oder ob eine Korrektur ansteht. Nvidia am Dienstag ist dabei der Lackmustest. Und wer sich für Krypto interessiert, sollte die Entwicklungen in Dubai im Auge behalten – regulierte Infrastruktur könnte der Katalysator für die nächste institutionelle Adoptionswelle sein.
Bis dahin: Augen auf, Portfolio checken und nicht von kurzfristigen Schlagzeilen aus der Ruhe bringen lassen. Die großen Trends – Deglobalisierung, KI-Transformation, Rohstoffknappheit – bleiben intakt, auch wenn der Weg dorthin holprig wird.
Beste Grüße und ein entspanntes Wochenende,
Andreas Sommer


