Liebe Leserinnen und Leser,
stellen Sie sich vor, Sie sind Großinvestor und halten Milliarden in chinesischen Tech-Aktien. Dann taucht Freitagmorgen eine Pentagon-Liste auf, die Ihre Holdings als „militärnahe Unternehmen“ brandmarkt – nur um Minuten später wieder zu verschwinden. Zu spät: Die Verkaufswelle rollt bereits. Genau das passierte gestern bei Alibaba, Baidu und BYD. Derweil lieferte der Supreme Court in Washington eine Überraschung ganz anderer Art: Trumps globale Zölle wurden für verfassungswidrig erklärt. Und während Tesla am Cybertruck verzweifelt, kämpft der DAX weiter um die psychologisch wichtige 25.000-Punkte-Marke. Ein Tag der widersprüchlichen Signale – mit weitreichenden Folgen.
Pentagon-Liste sorgt für Schockwellen in Asien
Was als Routineaktualisierung gedacht war, entwickelte sich zum Albtraum für Anleger: Das US-Verteidigungsministerium veröffentlichte am Freitag eine Liste von Unternehmen mit angeblicher Nähe zum chinesischen Militär – darunter Schwergewichte wie Alibaba, Baidu und der Elektroautobauer BYD. Obwohl das Dokument nach wenigen Minuten wieder zurückgezogen und als „unveröffentlicht“ deklariert wurde, war der Schaden bereits angerichtet. In Hongkong brachen die Kurse ein: Alibaba verlor 4,91 Prozent auf 147,10 HKD, Baidu stürzte um 6,25 Prozent auf 129,00 HKD ab, und selbst BYD musste 2,4 Prozent Federn lassen.
Die Reaktion zeigt, wie fragil das Vertrauen in chinesische Tech-Werte bleibt. Investoren fürchten eine Verschärfung der US-Sanktionen, die den Zugang zu amerikanischer Technologie und Kapital weiter einschränken könnten. Für Alibaba kommt die Unsicherheit zur Unzeit: Analyst Hans Engel von der Erste Group stufte die Aktie just am selben Tag von „Buy“ auf „Hold“ herab. Seine Begründung: Die operative Marge schrumpft, weil der Konzern Milliarden in KI-Infrastruktur und eigene Chips investiert. Kurzfristig belaste das die Profitabilität – ein Problem, das viele Tech-Giganten derzeit teilen. Die Frage lautet: Wann zahlen sich diese massiven Investitionen endlich aus?
Supreme Court bremst Trumps Zollpolitik – Märkte reagieren verhalten
In Washington fiel am Freitagnachmittag ein Urteil, das eigentlich für Jubel sorgen müsste: Der Supreme Court entschied mit sechs zu drei Stimmen, dass Präsident Trump seine Befugnisse überschritten hat, als er sich auf ein Notstandsgesetz berief, um pauschale Zölle gegen Dutzende Handelspartner – darunter die EU – zu verhängen. Der DAX reagierte prompt und kletterte um 0,87 Prozent auf 25.260,69 Punkte, womit er sich wieder dem Rekordhoch von Mitte Januar bei 25.507 Punkten näherte. Auch der MDAX legte um 1,09 Prozent zu.
Doch die Erleichterung blieb gedämpft. Marktexperten warnen: Das Urteil betrifft nur die rechtliche Grundlage der Zölle, nicht deren prinzipielle Zulässigkeit. „Trump verfügt über eine Vielzahl an Möglichkeiten, den Druck auf die Handelspartner hochzuhalten“, kommentierte Sandra Ebner von Union Investment. Bereits laufen im Weißen Haus Untersuchungen gegen Wirtschaftssektoren, die angeblich die US-Sicherheit gefährden – ein Einfallstor für neue Handelsbeschränkungen. Für deutsche Exporteure wie Adidas (plus 2,2 Prozent) und Siemens (plus 1,9 Prozent) bedeutet das: Die Hoffnung auf zollfreie Exporte bleibt vorerst Wunschdenken. Der schwache Dollar – der Euro notierte zeitweise über 1,18 US-Dollar – macht deutschen Herstellern zusätzlich das Leben schwer, weil ihre Produkte auf Weltmärkten teurer werden.
Tesla verzweifelt am Cybertruck – Preissturz als Hilferuf
Manchmal sagen Preissenkungen mehr als jede Quartalskonferenz. Tesla führte am Donnerstag eine neue Einstiegsvariante des Cybertrucks für 59.990 US-Dollar ein – 20.000 Dollar günstiger als die bisherige Basisversion. Gleichzeitig fiel der Preis des Spitzenmodells „Cyberbeast“ von 114.990 auf 99.990 Dollar. Klingt nach Großzügigkeit? Eher nach Verzweiflung. Denn laut Cox Automotive lieferte Tesla 2025 nur 20.237 Cybertrucks aus – ein Einbruch von 48 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Von den einst versprochenen über einer Million Reservierungen ist nichts mehr zu hören.
Das Pikante: CEO Elon Musk kündigte auf X an, die neue Preisgestaltung gelte „nur für die nächsten 10 Tage“. Was als Marketingtrick gemeint sein mag, wirkt wie ein Zeichen der Ratlosigkeit. Erschwerend kommt hinzu, dass Tesla das kostenlose Supercharger-Paket gestrichen hat – ein Rückzug, der Käufer verärgern dürfte. Musk setzt unterdessen strategisch um: Die Produktion der älteren Luxusmodelle S und X wird eingestellt, um Kapazitäten für humanoide Roboter und autonomes Fahren freizumachen. Die Botschaft ist klar: Die Zukunft liegt nicht mehr im klassischen Autogeschäft. Ob Anleger diese Wette honorieren, bleibt offen – die Tesla-Aktie verlor seit Jahresbeginn rund 8 Prozent.
NVIDIA vor Rekordinvestment – aber zu welchem Preis?
30 Milliarden US-Dollar in einem Rutsch – das wäre das größte Einzelinvestment in der Geschichte von NVIDIA. Laut Reuters plant der Chipgigant, diese Summe in OpenAI zu stecken, den Entwickler von ChatGPT. Die Finanzierungsrunde würde OpenAI auf eine Bewertung von 830 Milliarden Dollar katapultieren und damit zu einem der wertvollsten Privatunternehmen der Welt machen. Auch SoftBank und Amazon sollen beteiligt sein. Das Geld fließt direkt in den Kauf von NVIDIA-Chips – ein Kreislauf, der Fragen aufwirft: Kauft NVIDIA sich hier seinen eigenen Absatzmarkt?
Die Märkte reagierten verhalten. NVIDIAs Aktie gab am Donnerstag marginal um 0,04 Prozent nach, stabilisierte sich aber im vorbörslichen Freitagshandel leicht. Die Skepsis ist spürbar: Investoren zweifeln zunehmend, ob die astronomischen KI-Investitionen zeitnah in Gewinne münden. Laut MIT-Studie scheitern 95 Prozent aller KI-Projekte daran, die finanzielle Performance zu verbessern. Solange die Monetarisierung auf sich warten lässt, bleibt die Bewertung der gesamten Branche fragil – inklusive NVIDIA.
Geopolitik überschattet Konjunkturhoffnung
Während europäische Einkaufsmanagerindizes am Freitag positive Signale sendeten – Deutschlands Industrie kletterte erstmals seit dreieinhalb Jahren über die Expansionsschwelle von 50 Punkten –, trübte die Eskalation im Nahen Osten die Stimmung. US-Präsident Trump setzte dem Iran eine Frist von 10 bis 15 Tagen für ein Atomabkommen. Seine Drohung: „Entweder wir erzielen eine Einigung oder es wird für sie bedauerlich.“ Der Ölpreis stieg auf den höchsten Stand seit sechs Monaten, Gold kletterte über 5.000 Dollar je Feinunze. Rüstungsaktien zeigten sich uneinheitlich: Während HENSOLDT und TKMS zulegten, gaben Rheinmetall und RENK leicht nach.
Für Anleger bedeutet das: Geopolitische Risiken bleiben der dominierende Faktor. Solange die Lage im Nahen Osten angespannt bleibt, dürfte sich der DAX schwertun, nachhaltig über 25.000 Punkte zu klettern. Die kommende Woche bringt zudem eine Flut von Unternehmenszahlen – darunter Fresenius, Allianz, Deutsche Telekom, BASF und am Mittwoch das mit Spannung erwartete Quartalsergebnis von NVIDIA. Diese Zahlen könnten zeigen, ob die KI-Wette der Tech-Branche aufgeht – oder ob die Skepsis berechtigt ist.
Bis dahin wünsche ich Ihnen ein ruhiges Wochenende und stabile Nerven.
Herzliche Grüße
Andreas Sommer


