Die IG Metall macht Druck. Nach dem Scheitern der Gespräche mit Jindal Steel International fordert Gewerkschaftsvize Jürgen Kerner nun offene Verhandlungen über eine vollständige Verselbstständigung der Stahlsparte — und hält den Moment für günstig.

Kerner setzt López unter Druck

In einem Gespräch mit der WAZ wandte sich Kerner direkt an Vorstandschef Miguel López. Die Gewerkschaft sei bereit, den Weg einer eigenständigen Steel Europe gemeinsam mit der Belegschaft zu gehen — Verhandlungen „auf Augenhöhe“ inklusive. Als Argument nennt Kerner das aktuelle Marktumfeld, das durch politische Unterstützungszusagen begünstigt werde.

Das ist kein neuer Ton, aber ein neuer Kontext. Nachdem Thyssenkrupp die Partnerschaftsgespräche mit Jindal pausiert hat, steht der Konzern ohne externe Lösung da. Die Gewerkschaft nutzt dieses Vakuum.

HKM-Verkauf und neues Technologie-Spin-off

Parallel vollzog Thyssenkrupp am 1. Juni einen bereits angekündigten Schritt: Die Anteile an der Hüttenwerke Krupp Mannesmann GmbH (HKM) in Duisburg-Huckingen gingen an die Salzgitter AG über. Für Steel Europe bedeutet das weniger Portfoliokomplexität. Liefervereinbarungen für Brammen sichern die Versorgung bis 2028.

Zeitgleich wurden Details zur neuen Tochtergesellschaft Thyssenkrupp Calvion GmbH bekannt, die seit Mai operativ aktiv ist. Calvion bündelt Technologien aus der Polysius-Sparte: Oxyfuel-Anwendungen für die Zementindustrie, Direct-Air-Capture-Verfahren sowie grünen Branntkalk und Phosphogips-Recycling. Das Ziel ist, Carbon-Capture-Lösungen schneller zur Marktreife zu bringen.

Das Modell ist bekannt — die Finanzierung nicht

López‘ Vision einer Thyssenkrupp als Finanzholding nimmt Form an. Das Vorbild ist Thyssenkrupp Marine Systems: Im Oktober 2025 verselbstständigt, hält der Konzern weiterhin 51 Prozent. Dieses Modell könnte nun auf Steel Europe übertragen werden.

Der Knackpunkt bleibt die Finanzierung. Die grüne Transformation des Stahls erfordert Milliardeninvestitionen — ein tragfähiges Konzept dafür steht noch aus. Am 16. Juni berät der Aufsichtsrat über Struktur und Zeitplan für die Sparte Materials Services. Ferner werden ab Juli 2026 verschärfte EU-Importregeln für Stahl erwartet, die den Druck auf Billigimporte erhöhen und europäischen Produzenten strukturellen Rückenwind geben könnten.