Ausgangslage: Ein Kursziel, viele offene Fragen

Thyssenkrupp notiert heute bei 15,12 Euro und damit nur noch knapp unter dem 52-Wochen-Hoch von 15,26 Euro. Auslöser des jüngsten Sprungs ist die heutige Kurszielanhebung der Deutsche Bank Research von 16 auf 18 Euro bei bestätigter Kaufempfehlung.

Begründet wird der Schritt mit EU-Handelsschutzmaßnahmen für die Stahlbranche und operativen Verbesserungen im Konzern. Der Titel legt damit binnen 30 Tagen 20 Prozent zu, seit Jahresbeginn steht ein Plus von 62 Prozent.

Dass die Aktie so aufnahmefähig für positive Nachrichten ist, hat einen strukturellen Grund: Erst gestern hatte ArcelorMittal die Stahlproduktion in Duisburg beendet – ein Signal, das die Wettbewerbslandschaft in der europäischen Stahlbranche neu ordnet und Thyssenkrupp zumindest indirekt zugutekommt.

Und schon vor gut drei Wochen hatte der Konzern seine Ertragsprognose fürs laufende Geschäftsjahr angehoben. Beide Ereignisse sind für sich genommen bereits verarbeitet. Die eigentlich entscheidende Frage lautet nun: Trägt das operative Fundament die hohen Erwartungen, die der Markt mit der aktuellen Bewertung verbindet?

Die entscheidende Frage: Trägt Steel Europe die Neubewertung?

Der Kern der Investment-These liegt in der Zukunft der Stahlsparte Steel Europe. Im Mai waren Verhandlungen mit Jindal Steel International über eine Beteiligung an der Sparte pausiert worden – offiziell wegen veränderter Marktbedingungen und verbesserter regulatorischer Rahmenbedingungen in Europa, etwa durch den CO2-Grenzausgleich CBAM und die EU-Schutzmaßnahmen. Das Ziel einer Verselbstständigung von Steel Europe besteht weiterhin, ein neuer Partner oder ein konkreter Zeitplan sind bislang nicht bekannt.

Am 22. September soll in London ein Capital Markets Day stattfinden, der laut Ankündigung genau auf diese Frage zielt: die künftige Struktur und das Ertragspotenzial von Steel Europe. Dieser Termin dürfte zum eigentlichen Prüfstein werden – nicht die tagesaktuelle Kursbewegung. Bis dahin bewegt sich der Markt auf Basis von Erwartungen, nicht von Fakten.

Bullisches Szenario: Operative Wende plus regulatorischer Rückenwind

Für die Optimisten spricht die Zahlenlage aus dem dritten Quartal des Geschäftsjahres 2025/2026: Der Umsatz stieg um 8 Prozent auf 8,79 Milliarden Euro, das bereinigte EBIT legte um 18 Prozent auf 183 Millionen Euro zu.

Der Konzern erzielte zudem erstmals seit Langem wieder einen positiven Nettogewinn von 34 Millionen Euro, nach einem Verlust von 255 Millionen Euro im Vorjahresquartal – wenngleich 131 Millionen Euro davon aus dem Verkauf von HKM-Anteilen an die Salzgitter AG stammten, also ein Einmaleffekt waren.

Die Jahresprognose wurde entsprechend angehoben, das bereinigte EBIT wird nun mit 600 bis 900 Millionen Euro erwartet statt zuvor 500 bis 900 Millionen Euro.

Hinzu kommt die Serie von Analysten-Aufwertungen: Die DZ Bank hob ihre Einstufung am 21. August von Hold auf Buy an und erhöhte das Kursziel von 11 auf 16 Euro. Bank of America setzte das Kursziel bereits am 20. August von 19 auf 22 Euro nach oben.

Beide Häuser signalisierten damit deutlich vor der heutigen Bewegung, dass sie der operativen Wende und dem regulatorischen Umfeld zutrauen, die Bewertung nachhaltig zu stützen.

Auch die geplante Verselbstständigung der Werkstoffhandelssparte tk accelis, die eine außerordentliche Hauptversammlung im August genehmigt hat, wird von Befürwortern als Beleg für Fortschritte bei der Konzernentflechtung gewertet.

Bärisches Szenario: Bewertung läuft der Substanz voraus

Das Risiko liegt in der Diskrepanz zwischen Kursverlauf und harten Fakten. Der RSI von 68,3 signalisiert eine überkaufte Aktie, die annualisierte Volatilität von 47 Prozent zeigt, wie nervös der Markt reagiert. Der Kurs liegt 20 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt und 43 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt – eine Abweichung, die historisch selten von Dauer ist, ohne dass harte Nachrichten nachliefern.

Fundamental bleibt zudem offen, wie die Konzernprognose insgesamt aussieht: Trotz operativer Verbesserung rechnet Thyssenkrupp weiterhin mit einem Nettoverlust zwischen 700 und 400 Millionen Euro für das laufende Geschäftsjahr.

Die Steel-Europe-Frage ist ungelöst, ein Partner für die Sparte fehlt seit dem Pausieren der Jindal-Gespräche. Sollte der Capital Markets Day keine konkreteren Aussagen zu Struktur oder Zeitplan liefern, dürfte die Enttäuschung angesichts der stark gestiegenen Erwartungen empfindlich ausfallen.

Ausblick: London wird zum Testfall

Solange die EU-Handelsschutzmaßnahmen greifen und die operative Ergebnisverbesserung sich in den kommenden Quartalszahlen fortsetzt, dürfte die Rally fundamental untermauert bleiben.

Kippt diese Erzählung – etwa durch ausbleibende Fortschritte bei Steel Europe oder eine Enttäuschung beim Capital Markets Day am 22. September – wäre angesichts der überkauften technischen Lage eine deutliche Korrektur denkbar. Der Termin in London ist damit der nächste konkrete Prüfstein, an dem sich zeigen wird, ob die Bewertung der Aktie mehr ist als vorweggenommene Hoffnung.