Fünf Prozent Minus an einem einzigen Tag – wer die vergangenen Wochen bei TKMS verfolgt hat, kennt solche Ausschläge inzwischen. Für mich ist der heutige Rückgang auf 84,10 Euro trotzdem kein Grund zur Beunruhigung, sondern eher ein Lehrstück darüber, wie nervös der gesamte deutsche Rüstungssektor derzeit reagiert.
Ein Sektor, keine Einzelgeschichte
Der Kursverlust bei TKMS fällt in eine Phase, in der auch Rheinmetall, RENK und Hensoldt unter Druck stehen. Das spricht dafür, dass hier weniger unternehmensspezifische Probleme als vielmehr eine branchenweite Verkaufswelle den Ton angibt.
Gleichzeitig lief medienberichten zufolge die Überführungsfahrt des in Kiel gebauten U-Boots „Drakon“ nach Israel unter erheblichen Sicherheitsvorkehrungen – ein Vorgang, der zeigt, wie sensibel das Geschäft mit Marinesystemen politisch und sicherheitstechnisch eingebettet ist.
Wer in TKMS investiert, kauft eben nicht nur Auftragsbücher, sondern auch geopolitische Exponiertheit. Das ist kein neuer Befund, aber er erklärt, warum die Aktie in Stressphasen des Sektors überproportional mitgezogen wird.
Der Blick auf die Charttechnik untermauert diesen Eindruck: Mit einem Minus von 8,1 Prozent auf Wochensicht und einem RSI von 40,1 befindet sich das Papier klar im Konsolidierungsmodus, nachdem es Mitte August mit 108,80 Euro ein 52-Wochen-Hoch markiert hatte.
Der aktuelle Kurs liegt inzwischen rund 23 Prozent unter diesem Hoch – eine deutliche Verschnaufpause nach einer steilen Rally. Wer die Entwicklung seit Jahresbeginn heranzieht, mit einem Plus von 27 Prozent, erkennt aber, dass hier kein fundamentaler Bruch stattgefunden hat, sondern eine überhitzte Aktie Dampf ablässt.
Fundamental bleibt das Bild solide
Für mich überwiegt weiterhin die operative Substanz. TKMS hatte Mitte August Quartalszahlen vorgelegt, die über den Markterwartungen lagen, und in der Folge die Prognose für das laufende Geschäftsjahr angehoben – ein Beleg dafür, dass die starke Auftragslage im Marineschiffbau sich tatsächlich in Zahlen niederschlägt und nicht bloß Ankündigung bleibt.
Das Bankhaus Metzler bekräftigte diese Einschätzung Ende August mit der Anhebung des Kursziels von 105,00 auf 115,00 Euro bei unveränderter „Buy“-Einstufung.
Auch die politische Dimension des Geschäfts entwickelt sich in meinen Augen konstruktiv. CEO Oliver Burkhard bestätigte Mitte August in einem Interview, dass die Detailverhandlungen mit der kanadischen Regierung über den milliardenschweren U-Boot-Auftrag laufen, nachdem TKMS im Juli als „Preferred Bidder“ ausgewählt worden war.
Ein solcher Auftrag wäre, sollte er tatsächlich zustande kommen, ein weiterer struktureller Wachstumstreiber für die kommenden Jahre – unabhängig von den täglichen Kursschwankungen, die der Sektor derzeit durchlebt.
Bemerkenswert ist zudem, dass auch die frühere Konzernmutter Thyssenkrupp AG von der Ausgliederung der Marinesparte zu profitieren scheint: Bank of America hob Ende August das Kursziel für die Thyssenkrupp-Aktie von 19,00 auf 22,00 Euro an und wertete die Verselbstständigung von TKMS explizit als „Startsignal“ für den weiteren Konzernumbau. Das ist zwar eine Einschätzung zur Muttergesellschaft, nicht zu TKMS selbst – doch sie unterstreicht, wie sehr der Markt die Abspaltung der Marinesparte insgesamt als werttreibenden Schritt einordnet, auch wenn davon zunächst primär die Thyssenkrupp-Aktie profitiert.
Unterm Strich
Die Kombination aus sektorweiter Schwäche, einer ohnehin überkauften Ausgangslage und einem einzelnen, medienwirksamen Ereignis wie der „Drakon“-Überführung reicht für mich nicht aus, um die fundamentale Story von TKMS infrage zu stellen.
Die Auftragslage, die angehobene Prognose und der potenzielle Kanada-Deal sprechen eher dafür, dass die aktuelle Schwäche eine Konsolidierung nach starkem Lauf ist als der Beginn einer nachhaltigen Abwärtsbewegung.
Anleger sollten die Volatilität – aktuell bei annualisiert 51 Prozent alles andere als niedrig – aber als festen Bestandteil dieser Wachstumsgeschichte einpreisen. Der nächste Geschäftsbericht im Dezember dürfte zeigen, ob sich die operative Stärke fortsetzt.
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