Der US-Anleihemarkt stand diese Woche kurz vor der Kernschmelze. Erst ein beispielloser Eingriff des Finanzministeriums brachte die Rendite-Rallye zum Stillstand – und wirft nun die Frage auf, wer künftig eigentlich die Zinslandschaft bestimmt: die Federal Reserve oder Finanzminister Scott Bessent. Während sich die Märkte am Donnerstag vorsichtig erholten, mehren sich Zweifel, wie lange dieser sogenannte „Bessent-Put“ tatsächlich trägt.
Bessent greift durch – Rendite-Schock gestoppt
Die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe war zuvor auf 5,337 Prozent geklettert, den höchsten Stand seit 19 Jahren. Am Mittwoch verkündete das Finanzministerium daraufhin, seine Rückkaufoperationen für Anleihen mit Laufzeiten zwischen zehn und 30 Jahren zu verdoppeln – auf mindestens vier Milliarden Dollar je Operation. Die Reaktion folgte prompt: Die 30-jährige Rendite fiel um neun Basispunkte auf 5,184 Prozent, auch japanische Staatsanleihen und europäische Bund-Futures zogen mit.
Es ist bereits der zweite Markteingriff Bessents in diesem Monat. Anfang August hatte er gemeinsam mit Japan bei einer Währungsintervention geholfen, den Verfall des Yen zu bremsen. Tony Sycamore von IG bringt die Strategie auf den Punkt: Das Ministerium ziehe langlaufende Anleihen aus dem Markt und gebe gleichzeitig mehr kurzfristige Papiere aus – „kein formales Quantitative Easing, aber ein klares Signal, dass Washington bereit ist, sich gegen steigende Laufzeitprämien zu stemmen.“
Wer kontrolliert die Zinsen – Fed oder Finanzministerium?
Genau diese Frage treibt Marktstrategen um. Fed-Chef Kevin Warsh hat Preisstabilität versprochen und will die auf 6,8 Billionen Dollar angeschwollene Notenbankbilanz eigentlich verkleinern – Anleihekäufe passen nicht in sein Konzept. Bessents Vorstoß könnte diesen Kurs jedoch unterlaufen. „Das Gravitationszentrum könnte sich von der Fed zum Finanzministerium verschieben. Das wäre eine große Veränderung für Händler“, sagt David Russell von TradeStation.
Noch sehen die meisten Experten keinen Grund für ein Eingreifen der Notenbank selbst. Gennadiy Goldberg von TD Securities verweist darauf, dass die Hürde für Fed-Käufe hoch bleibe – dafür bräuchte es sichtbare Liquiditätsprobleme, die derzeit schlicht nicht existieren. Auch JPMorgan-Chefvolkswirt Michael Feroli sieht die Kontrolle über die kurzfristigen Zinsen nicht gefährdet. Kritischer äußert sich Daleep Singh von PGIM: Der Treasury-Schritt ändere nichts an den eigentlichen Treibern der steigenden Renditen – er sei ein Schlaglicht auf ein reales Problem, aber „ohne glaubwürdige Strategie, es zu lösen“.
Brian Jacobsen von Annex Wealth Management bringt es pointierter auf den Punkt: Man befinde sich in einer Ära „fiskaler Dominanz und moderner Monetarisierung“. Die Fed sei bei den langfristigen Zinsen praktisch machtlos, während das Finanzministerium wegen schwacher Nachfrage nach langen Laufzeiten zunehmend auf kurzfristige Schuldtitel ausweiche.
Dollar auf Talfahrt, Rekordschulden im Hintergrund
Die geldpolitische Unsicherheit drückt den Dollar auf den niedrigsten Stand seit Mitte Mai. Der Dollar-Index notierte bei 98,938 Punkten, der Euro kletterte auf 1,1676 Dollar – das höchste Niveau seit Ende Mai. Analysten der OCBC bringen die Logik dahinter auf einen Nenner: Wenn langfristige Renditen effektiv gedeckelt werden, könnte ein schwächerer Dollar der Preis dafür sein, US-Staatsanleihen für ausländische Investoren attraktiv zu halten.
Der eigentliche Auslöser der Nervosität sitzt tiefer. Die gesamte US-Staatsverschuldung hat erstmals die Marke von 40 Billionen Dollar überschritten. Weltweit verlangen Anleger höhere Risikoprämien, um die wachsenden Finanzierungsbedürfnisse der Industrieländer zu schultern – verschärft durch den enormen Kapitalbedarf der Tech-Konzerne für den Ausbau von KI-Infrastruktur, der mit dem Staat um Kapital konkurriert.
Kritiker warnen bereits vor den Nebenwirkungen von Bessents Eingriff. Cusson Leung von KGI vergleicht die Rückkäufe mit einem Aktienrückkaufprogramm, dem kurz darauf eine neue Kapitalerhöhung folgt: „Je mehr das Finanzministerium eingreifen will, desto mehr Verkaufsdruck erzeugt es bei institutionellen Haltern.“ Am Ende bleibe der Staat schließlich darauf angewiesen, sich am selben Anleihemarkt zu refinanzieren, den er gerade zu stützen versucht.
Öl und Zinsdaten verschärfen die Gemengelage
Zusätzlichen Druck auf die Inflationserwartungen üben die Ölpreise aus. Nach der Eskalation um die Straße von Hormuz kletterte Brent-Rohöl zwischenzeitlich auf 93,57 Dollar je Barrel, den höchsten Stand seit dem 24. Juli. US-Präsident Trump drohte Iran mit einer „vernichtenden Wirtschaftsoperation“, während der Schiffsverkehr durch die strategisch wichtige Meerenge auf einen Bruchteil des Vorkriegsniveaus eingebrochen ist. Diese Gemengelage aus höheren Energiepreisen und wachsender Staatsverschuldung erklärt auch, warum die Fed-Sitzungsprotokolle vom Juli zunehmende Sorgen um die Inflation zeigten – mehrere Notenbanker signalisierten dort bereits Bereitschaft zu weiteren Zinsanhebungen, sollte sich die Teuerung nicht dem Zwei-Prozent-Ziel annähern.
Einen gegenläufigen Trend liefert unterdessen Australien. Die Arbeitslosenquote stieg im Juli überraschend auf 4,5 Prozent, den höchsten Wert seit Ende 2021, nachdem die Beschäftigung um 15.800 Stellen sank. Die Reserve Bank of Australia dürfte damit vorerst von weiteren Zinserhöhungen absehen, auch wenn Vize-Gouverneur Andrew Hauser weitere Abkühlung am Arbeitsmarkt sehen will, bevor Entwarnung gegeben wird. Der australische Dollar reagierte mit einem Rücksetzer auf 0,7111 Dollar.
Ausblick: Jackson Hole als nächster Prüfstein
Die eigentliche Bewährungsprobe steht noch bevor. Kommende Woche spricht Fed-Chef Kevin Warsh beim Notenbanksymposium in Jackson Hole – und Beobachter erwarten wenig konkrete Signale. Warsh hält sich traditionell bedeckt, wenn es um seine Einschätzung der Geldpolitik geht. Solange er schweigt, bleibt Bessent der auffälligste Akteur an den Zinsmärkten. Ob sein Eingriff mehr ist als eine kurzfristige Beruhigungspille, dürfte sich erst zeigen, wenn die nächste Welle an Staatsanleihen auf den Markt kommt.


