Die ersten Wochen der zweiten Trump-Präsidentschaft offenbaren eine fundamentale Spannung: Während das Weiße Haus mit einem Feuerwerk an Ankündigungen auf Wirtschafts- und Sozialpolitik zielt, zeigen sich in der Realität die Grenzen dieser Strategie. Von der Federal Reserve über die Industrie bis zur Wohnungsmarktpolitik – überall prallen ambitionierte Versprechen auf komplexe Realitäten.
Fed unter Beschuss: Unabhängigkeit auf dem Prüfstand
Die Auseinandersetzung zwischen Präsident Trump und Fed-Chef Jerome Powell erreicht eine neue Eskalationsstufe. Das Justizministerium droht mit strafrechtlicher Verfolgung wegen angeblicher Kostenprobleme bei der Renovierung des Fed-Hauptquartiers – ein Vorwand, wie Powell am Sonntag in einem ungewöhnlich deutlichen Video-Statement klarstellte. Der eigentliche Konflikt dreht sich um Zinssätze.
Doch ausgerechnet jetzt positioniert sich Fed-Vizechefin Michelle Bowman gegen Trumps Druck. Sie warnte am Freitag vor einem fragilen Arbeitsmarkt, der schnell schwächer werden könnte. „Falls sich die Lage am Arbeitsmarkt nicht klar und nachhaltig verbessert, sollten wir bereit bleiben, die Politik anzupassen“, erklärte Bowman. Ihre Botschaft: Die Fed dürfe nicht signalisieren, bei weiteren Zinssenkungen zu pausieren, ohne dass sich die Bedingungen geändert hätten.
Powell steht nun vor einer folgenschweren Entscheidung. Zwar endet seine Amtszeit als Fed-Chef im Mai, doch sein separater Sitz im Board of Governors läuft erst 2028 aus. Der 72-Jährige könnte eine fast 80 Jahre alte Tradition brechen und im Board bleiben – als potenzielle Gegenstimme gegen radikale Umbaupläne. Der letzte Fed-Chef, der dies tat, war Marriner Eccles 1948.
Industrie zwischen Hoffnung und Ernüchterung
Die US-Fertigung sendete im Dezember widersprüchliche Signale. Die Produktion stieg überraschend um 0,2 Prozent, angetrieben vor allem durch einen 2,4-prozentigen Sprung bei Primärmetallen. Doch Ökonomen warnen einhellig: Dies sei kein echter Aufschwung, sondern das Ergebnis von Vorzieheffekten.
„Jeder Produktionsschub durch Zölle basierte auf vorweggenommener Nachfrage und war daher kurzlebig, mit kaum echten Anzeichen für Reshoring“, analysiert Bradley Saunders von Capital Economics. Die Zahlen bestätigen eine bittere Wahrheit: Trumps Zollpolitik hat die erhoffte Rückverlagerung von Industriearbeitsplätzen bislang nicht gebracht. Im Gegenteil – der verarbeitende Sektor verlor 2025 insgesamt 68.000 Jobs.
Das vierte Quartal offenbart das Ausmaß: Die Produktion schrumpfte mit einer annualisierten Rate von 0,7 Prozent, nach einem Plus von 2,8 Prozent im Vorquartal. Strukturelle Probleme wie Arbeitskräftemangel, verschärft durch Trumps Einwanderungspolitik, machen eine industrielle Renaissance praktisch unmöglich, argumentieren Ökonomen.
Wohnungsmarkt: Schnellschüsse ohne Wirkung?
Trump bombardiert den angeschlagenen Wohnungsmarkt mit Vorschlägen. Vergangene Woche ordnete er an, dass die Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac für 200 Milliarden Dollar eigene Anleihen zurückkaufen sollen – ein Versuch, die Hypothekenzinsen zu senken. Am Freitag legte Wirtschaftsberater Kevin Hassett nach: Amerikaner sollen künftig Geld aus ihrer 401k-Altersvorsorge für Anzahlungen nutzen dürfen. Details will Trump nächste Woche in Davos präsentieren.
Das Problem: Diese Maßnahmen adressieren nicht die Kernursache. „Auch wenn das Angebot an Häusern knapp ist, rechnen Sie nicht mit einer schnellen Erholung im Wohnungsbau, solange die zerstörerische Unsicherheit über Kosten, Zölle und andere Politikfelder nicht behoben ist“, warnt Carl Weinberg von High Frequency Economics.
Die Stimmung unter Bauherren verschlechterte sich im Januar weiter. Der NAHB-Index fiel auf 37 Punkte – den 21. Monat in Folge unter der Marke von 50. Zölle haben Baumaterialien und Haushaltsgeräte verteuert, während Razzien auf Baustellen im Rahmen der verschärften Einwanderungspolitik die Arbeitskräfte dezimieren.
Energiepolitik: Gewinner und Verlierer
Eine der greifbarsten Initiativen kommt aus dem Energiesektor. Trump und Gouverneure aus dem PJM-Stromnetz kündigten eine Notfall-Auktion für Großhandelsstrom an. Technologiekonzerne wie Amazon und Google sollen durch 15-Jahres-Verträge den Bau neuer Kraftwerke im Wert von etwa 15 Milliarden Dollar finanzieren.
Die Auktion könnte 5 bis 7,5 Gigawatt neue Kapazität schaffen – ein klarer Segen für GE Vernova, dessen Aktie im vorbörslichen Handel um 3,7 Prozent sprang. Jefferies sieht das Unternehmen als „eindeutigen Gewinner“. Auch NRG Energy, PPL Corp und andere Versorger profitieren.
Die Kehrseite: Etablierte Stromproduzenten wie Constellation Energy (minus 4,8 Prozent) und Vistra (minus 3,7 Prozent) könnten leiden, da staatliche Markteingriffe zunehmend gegen Verträge mit bestehenden Anlagen arbeiten.
Kanada: Rückzieher nach Kundendruck
Abseits der großen US-Politik zeigt ein kanadisches Beispiel, wie schnell Unternehmen reagieren müssen, wenn sie die Schmerzgrenze der Kunden überschreiten. WestJet Airlines ruderte am Freitag zurück und kündigte an, nicht verstellbare Economy-Sitze auf bestimmten Boeing-737-Jets wieder abzuschaffen.
Die Airline hatte den Sitzabstand auf 28 Zoll reduziert, um vorne Platz für Premium-Sitze zu schaffen. Verstellbare Sitze kosteten extra. Videos von Passagieren mit gegen die Vordersitze gepressten Knien gingen viral und lösten einen Sturm der Entrüstung aus. „Es schuf ein feindliches Arbeitsumfeld für uns als Kabinenpersonal“, berichtete Alia Hussain von der Gewerkschaft.
Der Fall illustriert: In Zeiten sozialer Medien können Unternehmen mit unpopulären Entscheidungen nicht mehr durchkommen, selbst wenn ähnliche Standards bei anderen Airlines weltweit üblich sind.


