Liebe Leserinnen und Leser,
Donald Trump hatte mit einem Einbruch von 20 Prozent an der Wall Street gerechnet. Ölpreise von 200 Dollar. Den großen Schock. So sagte er es am Dienstag in einem Interview, mit jenem Tonfall zwischen Erstaunen und Enttäuschung, den man von ihm kennt, wenn die Wirklichkeit seine Prognosen unterbietet. Doch die Börsen lieferten ihm dieses Drama nicht. Statt Panik zeigten die Anleger etwas, das man als disziplinierte Rotation bezeichnen muss: raus aus allem, was auf Schiffen transportiert wird, rein in alles, was über Glasfaser fließt.
Gestern schrieb ich Ihnen, dass die interessanteren Verschiebungen nicht beim Ölpreis stattfinden, sondern im Software-Sektor. Der Dienstag hat diese These mit konkreten Kursbewegungen unterfüttert – und um ein weiteres Kapitel ergänzt: die Neuverkabelung des globalen Zahlungsverkehrs.
Der DAX und die Uhr, die tickt
Zunächst die Oberfläche. Der DAX startete am Dienstag hoffnungsvoll und kletterte am Vormittag um bis zu 0,8 Prozent auf über 24.560 Punkte. Am Nachmittag drehte die Stimmung. Der Leitindex schloss 0,6 Prozent tiefer bei 24.270,87 Punkten – der zweite Verlusttag in Folge.
Der Grund hat eine exakte Uhrzeit: Am Mittwochmorgen um 1:50 Uhr deutscher Zeit läuft die Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran aus. Die Straße von Hormus bleibt nahezu vollständig blockiert, Brent-Öl notierte am Dienstag bei 96,58 Dollar je Barrel. Gleichzeitig meldete Washington für den März überraschend starke Einzelhandelsumsätze – ein Plus von 1,7 Prozent gegenüber dem Vormonat. Der amerikanische Konsument kauft weiter, obwohl die Energierechnung steigt.
Diese Mischung machte den Dienstag für Kevin Warsh zum denkbar ungünstigsten Tag für seine Anhörung im Senatsbankenausschuss. Trumps Wunschkandidat für den Fed-Vorsitz bemühte sich, die Unabhängigkeit der Notenbank zu betonen – während sein Förderer im Weißen Haus lautstark niedrigere Zinsen fordert. Die Märkte nehmen zur Kenntnis, dass die Inflation hartnäckiger bleiben dürfte als noch im Winter erhofft. Zinssenkungen rücken weiter in die Ferne.
Palo Alto und SAP: Wo das Kapital jetzt hinwandert
Wo also parkt man Geld, wenn Container auf den Weltmeeren feststecken und Zinsen hoch bleiben? Die Antwort des Dienstags war eindeutig: bei Unternehmen, deren Produkte keine Häfen brauchen.
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Palo Alto Networks legte am Dienstag um 3,6 Prozent auf 175,68 Dollar zu. Berenberg und andere Häuser stufen die Aktie im Vorfeld der Quartalszahlen als deutlich unterbewertet ein. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei knapp 206 Dollar, der prognostizierte Free Cash Flow für die kommenden zwölf Monate bei 4,6 Milliarden Dollar. Wenn physische Handelsrouten unsicher werden, steigt der Druck auf Unternehmen, wenigstens ihre digitale Infrastruktur abzusichern. Cybersecurity-Budgets gehören zu den letzten Posten, die ein CFO kürzt.
Spannender noch ist die Lage bei SAP. Die Aktie hat seit Jahresbeginn rund 25 Prozent verloren und notiert bei etwa 151 Euro. Die Angst: KI-Modelle wie Anthropics „Claude Mythos“ könnten den Wert klassischer Programmierarbeit entwerten. Analysten von Barclays und Jefferies widersprechen. SAPs Stärke liegt nicht im Code, sondern in der Tiefe der Integration – 180.000 Unternehmen weltweit haben ihre Kernprozesse auf Walldorfer Software gebaut. Dieses Geflecht aus Abhängigkeiten löst keine KI über Nacht auf. Am Donnerstagabend legt SAP die Quartalszahlen vor. Die entscheidende Kennziffer: Liegt das währungsbereinigte Cloud-Wachstum tatsächlich im Korridor von 23 bis 25 Prozent?
Europas Banken bauen am digitalen Euro
Während die Software-Branche ihre Widerstandsfähigkeit demonstriert, formiert sich im Zahlungsverkehr eine Entwicklung, die in den kommenden Jahren erhebliche Konsequenzen haben wird.
Am Dienstag gab ein Konsortium aus zwölf europäischen Banken – darunter BNP Paribas und ING – bekannt, dass es die Technologie von Fireblocks nutzen wird, um eine MiCA-konforme Euro-Stablecoin-Infrastruktur aufzubauen. Geplanter Start: zweite Jahreshälfte 2026. Parallel dazu kündigte das britische Finanzministerium einen einheitlichen Regulierungsrahmen für tokenisierte Einlagen an. Europa und Großbritannien positionieren sich – bevor die amerikanischen Plattformen den Markt allein definieren.
Denn die US-Konzerne bewegen sich schnell. Mastercard trat am Dienstag als Charter-Mitglied dem Blockchain Security Standards Council bei. Coinbase startete den Marktplatz „Agentic.market“ – eine Plattform, auf der KI-Agenten eigenständig Dienstleistungen entdecken und bezahlen können, unterstützt von Google, Visa und Mastercard. McKinsey schätzt das Volumen solcher KI-gesteuerten Zahlungen bis 2030 auf bis zu 5 Billionen Dollar. Das klingt nach Science-Fiction. Aber als PayPal vor zwanzig Jahren startete, klang auch das nach einer Spielerei.
Zwei Nachrichten, zwei Richtungen bei Apple und Amazon
Zum Schluss zwei Personalien, die den Dienstag an der Nasdaq prägten. Bei Apple endet eine Ära: Tim Cook wird am 1. September 2026 als CEO zurücktreten und den Posten an John Ternus übergeben, den bisherigen Hardware-Chef. Die Aktie gab 1,7 Prozent nach – nicht wegen Zweifeln an Ternus, sondern weil jeder Führungswechsel nach 15 Jahren Unsicherheit erzeugt.
Bei Amazon herrscht die gegenteilige Dynamik. Der Konzern investiert bis zu 25 Milliarden Dollar in das KI-Unternehmen Anthropic. Die Aktie stieg um mehr als 3 Prozent und nähert sich ihrem Rekordhoch. Jeff Jasys Botschaft ist klar: Amazon will in der KI-Ära nicht Zulieferer sein, sondern Eigentümer.
Was in der Nacht und am Mittwoch zählt
Um 1:50 Uhr MEZ läuft das Iran-Ultimatum aus. Die asiatischen Märkte werden als Erste reagieren. Am Mittwochabend folgen dann die Quartalszahlen von Tesla – einem Unternehmen, dessen Neuzulassungen im ersten Quartal massiv eingebrochen sind und dessen CEO politisch so exponiert ist wie nie zuvor.
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Die Börsen haben am Dienstag gezeigt, dass sie zwischen Unternehmen unterscheiden, die vom freien Warenverkehr abhängen, und solchen, die davon entkoppelt sind. Diese Unterscheidung wird bleiben, egal was in der Nacht passiert.
Herzlichst, Ihr Andreas Sommer


