Trump-Zölle erschüttern Schwellenländer

Die Rallye in Schwellenländern gerät durch neue US-Zolldrohungen und eine vorsichtigere Bewertung von JP Morgan ins Stocken. Wachstums- und Handelsrisiken nehmen zu.

Trump-Zölle erschüttern Schwellenländer
Kurz & knapp:
  • JP Morgan stuft Schwellenländerwährungen herab
  • Mexikos Wachstum durch Handelsunsicherheit belastet
  • Europa drohen massive US-Zölle wegen Grönland
  • Gold erreicht Rekordhoch als sichere Anlage

Die globalen Finanzmärkte erleben einen dramatischen Stimmungsumschwung. Was als erfolgreiche Rallye der Schwellenländer begann, verwandelt sich nun in eine zunehmend nervöse Positionierung – und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem US-Präsident Donald Trump mit neuen Zolldrohungen die geopolitische Landschaft fundamental erschüttert.

Schwellenländer-Boom am Wendepunkt

JP Morgan senkte am Montag seine Einschätzung für Schwellenländerwährungen von „übergewichtet“ auf „marktgewichtet“ – ein bedeutsamer Schritt der einflussreichen US-Investmentbank. Der Grund: Nach einem beeindruckenden 12-Monats-Lauf mit einem Plus von 7,5 Prozent beim MSCI-Schwellenländer-Währungsindex zeigen sich deutliche Überhitzungserscheinungen.

„Es gibt Zeiten, in denen man aufgrund von Überfüllung kurzfristig Risiken reduzieren sollte – und dies ist aus unserer Sicht eine solche Zeit“, erklärten die JP-Morgan-Strategen. Ihr hauseigener EM FX Risk Appetite Index signalisiert mittlerweile ein klares Verkaufssignal. Besonders brisant: Auch der südafrikanische Rand wurde von „übergewichtet“ herabgestuft, nachdem bereits Positionen in Mittel- und Osteuropa sowie beim mexikanischen Peso reduziert wurden.

Die Zahlen unterstreichen die Dimension der Kapitalströme: Schwellenländer-Anleihen in Lokalwährung erzielten eine Rendite von fast 20 Prozent, während der MSCI-Aktienindex für Emerging Markets um beachtliche 40 Prozent zulegte. Doch diese Erfolgsgeschichte könnte sich nun als zweischneidiges Schwert erweisen.

Mexiko unter Druck: Handelsunsicherheit bremst Wachstum

Die Schattenseiten der globalen Unsicherheit zeigen sich besonders deutlich in Mexiko. Eine Reuters-Umfrage unter Ökonomen zeichnet ein ernüchterndes Bild: Die zweitgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas wird 2026 voraussichtlich nur um magere 1,3 Prozent wachsen – nach einem schwachen 0,4 Prozent im vergangenen Jahr.

Der Hauptbelastungsfaktor ist die Ungewissheit über das nordamerikanische Freihandelsabkommen USMCA, das bis zum 1. Juli überprüft werden soll. „Die Abwärtsrisiken beim Wirtschaftswachstum bleiben bestehen. Insbesondere eine härter als erwartet verlaufende Verhandlung des Handelsabkommens“, warnt Alejandro Saldaña, Chefvolkswirt bei Ve por Mas.

Verschärfend hinzu kommen mögliche strengere Ursprungsregeln für die Automobilindustrie sowie eine intensivierte Kontrolle der Handelsströme zwischen Mexiko und China – Washington befürchtet eine Umgehung von Zöllen durch Dreiecksgeschäfte. Zudem treibt die Inflation Mexikos Zentralbank in die Defensive: Bei erwarteten 3,8 Prozent für 2026 bleibt kaum Spielraum für weitere Zinssenkungen.

Kanadas Inflationsrätsel

Während Mexiko mit Wachstumsschwäche kämpft, präsentiert sich die Inflationslage in Kanada komplex. Die Verbraucherpreise stiegen im Dezember auf 2,4 Prozent – stärker als die erwarteten 2,2 Prozent. Doch die Zahlen täuschen: Die Beschleunigung resultierte hauptsächlich aus einem Basiseffekt durch eine temporäre Steuerpause der vorherigen Trudeau-Regierung.

Entscheidend sind die Kernmaße: CPI-Median kühlte sich auf 2,5 Prozent ab, CPI-Trim auf 2,7 Prozent – die niedrigsten Werte seit Dezember 2024. Diese Entwicklung dürfte die Bank of Canada bestätigen, die ihren Leitzins im Dezember bei 2,25 Prozent beließ. Die Geldmärkte erwarten keine Veränderungen für 2026, ein deutliches Zeichen für die erwartete Stabilisierung.

Europa im Visier: Der Grönland-Konflikt eskaliert

Trumps jüngster Coup könnte die transatlantischen Beziehungen fundamental verändern. Seine Drohung, acht europäische Staaten – darunter Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich – mit 10-prozentigen Zöllen zu belegen, falls Grönland nicht verkauft wird, hat die EU auf die Barrikaden gebracht. Ab Juni sollen die Zölle auf 25 Prozent steigen.

Die ökonomischen Auswirkungen wären erheblich: Analysten von ING und UBS schätzen, dass 25-prozentige Zölle das BIP-Wachstum der Eurozone um 0,2 bis 0,5 Prozentpunkte senken würden – ausgehend von Basisprognosen von nur 1,1 Prozent für 2026.

Doch die wahre Brisanz liegt woanders, wie Deutsche Bank-Devisenstratege George Saravelos warnt: Europa hält rund 8 Billionen US-Dollar an amerikanischen Anleihen und Aktien – fast doppelt so viel wie der Rest der Welt zusammen. „Trotz aller militärischen und wirtschaftlichen Stärke hat die USA eine entscheidende Schwäche: Sie ist darauf angewiesen, dass andere ihre Rechnungen über große Außenhandelsdefizite bezahlen“, so Saravelos.

Erste dänische Pensionsfonds reduzierten bereits ihre Dollar-Exposition. Die EU diskutiert nicht nur Gegenzölle auf US-Importe im Wert von 93 Milliarden Euro, sondern auch das sogenannte Anti-Coercion-Instrument – eine potenzielle Finanzwaffe, die US-Zugang zu Investitionen und Bankgeschäften einschränken könnte.

Finanzmärkte suchen Orientierung

Die Unsicherheit spiegelt sich direkt in den Märkten wider: Gold erreichte ein neues Rekordhoch nahe 4.700 US-Dollar je Unze, während US-Futures deutlich nachgaben. Der Dow verlor vorbörslich 0,8 Prozent, der S&P 500 ein Prozent.

„Die Erfahrung der vergangenen zwölf Monate hat uns gelehrt, nicht überzureagieren, da nicht alle dramatischen Ankündigungen letztlich umgesetzt wurden“, kommentierten ING-Analysten. „Die unbequeme Wahrheit ist jedoch: Einige davon wurden es.“

Das geplante Handelsabkommen zwischen USA und EU, das Zölle auf 15 Prozent begrenzen sollte, steht vor dem Aus. EU-Parlamentspräsident Manfred Weber kündigte an, seine Fraktion werde nicht für die Ratifizierung stimmen – eine direkte Folge der Grönland-Drohungen.

Für Schwellenländer-Investoren bedeutet dies: Die Zeit der ungetrübten Rallye ist vorbei. Kein Wunder also, dass JP Morgan zum Gewinnmitnehmen rät. In einem Umfeld, wo geopolitische Motive zunehmend ökonomische Logik verdrängen, wird Vorsicht zur Tugend.

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Mit über fünfzehn Jahren Erfahrung als Wirtschaftsjournalist hat sich Felix Baarz als Experte für internationale Finanzmärkte etabliert. Seine Leidenschaft gilt den Mechanismen globaler Finanzmärkte und komplexen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen, die er für seine Leserschaft verständlich aufbereitet.In Köln geboren und aufgewachsen, entdeckte er früh sein Interesse für Wirtschaftsthemen und internationale Entwicklungen. Nach seinem Studium startete er als Wirtschaftsredakteur bei einer renommierten deutschen Fachpublikation, bevor ihn sein Weg ins Ausland führte.Ein prägendes Kapitel seiner Karriere waren die sechs Jahre in New York, wo er direkten Einblick in die globale Finanzwelt erhielt. Die Berichterstattung von der Wall Street und über weltweite wirtschaftspolitische Entscheidungen schärfte seinen Blick für globale Zusammenhänge.Heute ist Felix Baarz als freier Journalist für führende Wirtschafts- und Finanzmedien im deutschsprachigen Raum tätig. Seine Arbeit zeichnet sich durch fundierte Recherchen und präzise Analysen aus. Er möchte nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch deren Bedeutung erklären und seinen Lesern Orientierung bieten – sei es zu wirtschaftlichen Trends, politischen Entscheidungen oder langfristigen Veränderungen in der Finanzwelt.Zusätzlich moderiert er Diskussionen und nimmt an Expertenrunden teil, um sein Wissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dabei liegt sein Fokus darauf, komplexe Themen informativ und inspirierend zu vermitteln. Felix Baarz versteht seine journalistische Aufgabe darin, in einer sich schnell wandelnden Welt einen klaren Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu ermöglichen und seine Leser bei fundierten Entscheidungen zu unterstützen – beruflich wie privat.