Trump-Zölle vor Gericht: Börsen atmen auf

Das oberste US-Gericht erklärte Teile der Trump'schen Zollpolitik für unrechtmäßig, was zu einer Börsenrally und potenziellen Rückzahlforderungen von über 175 Milliarden Dollar führt.

Trump-Zölle vor Gericht: Börsen atmen auf
Kurz & knapp:
  • Höchstgericht kippt Notstandszölle als rechtswidrig
  • Potenzielle Rückzahlungen von über 175 Milliarden Dollar
  • Aktienmärkte reagieren mit deutlichen Kursgewinnen
  • Trump kündigt alternative Zollmaßnahmen sofort an

Die Wall Street hat am Freitag mit deutlichen Kursgewinnen auf eine wegweisende Entscheidung des Supreme Court reagiert. Die höchste juristische Instanz der USA erklärte weite Teile von Donald Trumps Zollpolitik für rechtswidrig – ein Urteil mit weitreichenden Folgen für Handelspolitik, Staatsfinanzen und Inflationsaussichten.

Supreme Court kippt Notstandszölle

In einer 6-3-Entscheidung urteilten die Richter, dass Präsident Trump den International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) nicht zur Verhängung umfassender Reziprozitätszölle nutzen darf. Das 1977 verabschiedete Gesetz für wirtschaftliche Notfälle autorisiere den Präsidenten nicht zu solchen Handelsmaßnahmen, so die Begründung.

Trump reagierte scharf auf das Urteil und nannte es eine „Schande für die Nation“. Der Präsident warf dem Gericht vor, von ausländischen Interessen beeinflusst worden zu sein, und kündigte umgehend an, die Zölle über alternative rechtliche Grundlagen aufrechtzuerhalten. Noch am selben Tag verhängte er einen neuen globalen Zoll von 10 Prozent für 150 Tage unter Berufung auf Section 122 des Trade Act von 1974.

Finanzminister Scott Bessent versicherte bei einer Veranstaltung des Economic Club of Dallas, die Administration werde Section 232 und Section 301 nutzen – Rechtsgrundlagen, die bereits tausendfach gerichtlich bestätigt wurden. Treasury-Schätzungen zufolge bleiben die Zolleinnahmen 2026 praktisch unverändert, wenn diese Instrumente kombiniert eingesetzt werden.

Milliarden-Rückzahlungen belasten Staatshaushalt

Die fiskalischen Konsequenzen der Entscheidung sind erheblich. Ökonomen des Penn-Wharton Budget Model beziffern die potenziellen Rückzahlungen auf über 175 Milliarden Dollar – eine Summe, die das kombinierte Jahresbudget des Verkehrs- und Justizministeriums übersteigt. Die Berechnungen basieren auf einem detaillierten Modell, das rund 11.000 Produktkategorien über 233 Länder abbildet.

Lysle Boller, Senior-Ökonom bei Penn-Wharton, erläuterte gegenüber Reuters, dass täglich etwa 500 Millionen Dollar an IEEPA-basierten Zöllen eingenommen wurden. Seit Februar 2025, als Trump die ersten Zölle unter diesem Gesetz verhängte, summierten sich die Einnahmen auf 179 Milliarden Dollar.

Finanzminister Bessent hatte bereits im Januar versichert, das Treasury könne Rückzahlungen problemlos stemmen. Die Kreditaufnahmepläne sehen hohe Barreserven vor: 850 Milliarden Dollar Ende März und 900 Milliarden Ende Juni. Tausende Unternehmen weltweit haben bereits Klagen eingereicht und Rückzahlungen gefordert.

Börsenrally mit breiter Basis

Die Aktienmärkte quittierten das Urteil mit Erleichterung. Der S&P 500 kletterte um 0,57 Prozent auf 6.901 Punkte, der Nasdaq legte 0,85 Prozent zu und erreichte 22.875 Punkte. Besonders deutlich reagierten die Tech-Giganten: Alphabet schoss fast 4 Prozent nach oben, Amazon gewann 2,4 Prozent und Apple 1,2 Prozent.

Importabhängige Unternehmen profitieren besonders stark. Die Spielzeugfirma Mattel, der Online-Möbelhändler Wayfair, Williams-Sonoma und der Luxusmöbelhändler RH legten zwischen 1 und 2 Prozent zu. Acht der elf S&P-500-Sektoren verzeichneten Gewinne, angeführt vom Kommunikationssektor mit plus 2,62 Prozent.

Mike Dickson, Chef-Stratege bei Horizon Investments, betonte: „Der heutige Tag beseitigt eine erhebliche Unsicherheit. Wir befinden uns nun in der nächsten Phase.“ Investoren zeigten sich erleichtert, dass Trumps neu angekündigter globaler Zoll nicht höher ausfiel als befürchtet.

Einzelhändler wittern Morgenluft

Zak Stambor, Principal Analyst bei Emarketer, prognostiziert spürbare Effekte für den Einzelhandel: „Die Entscheidung schafft einen bescheidenen Rückenwind für die Verkäufe ab diesem Jahr, auch wenn der Effekt bis 2028 allmählich nachlässt.“ Emarketer hebt seine Prognose für 2026 auf 7,78 Billionen Dollar an – 13 Milliarden über der vorherigen Einschätzung.

Besonders ausgeprägt dürften die Gewinne in importlastigen Bereichen ausfallen: Computer- und Unterhaltungselektronik, Bekleidung und Schuhe sowie Möbel und Einrichtungsgegenstände. Gerade dort hatte der Preisdruck durch Zölle am stärksten gewirkt.

Für Learning Resources, einen der Kläger gegen die Zölle, geht ein zermürbendes Jahr zu Ende. CEO Rick Woldenberg hatte geschätzt, 2025 etwa 10 Millionen Dollar an Zöllen gezahlt zu haben. Der Familienbetrieb aus Illinois, der Lernspielzeug überwiegend aus China importiert, musste Expansionspläne zurückstellen. „Wir sind im vergangenen Jahr geschrumpft“, räumte Woldenberg ein. Nun hofft er auf rasche Rückzahlungen: „Sobald sie kommen, werden wir das Geld ausgeben. Wir wollen unser Unternehmen wieder führen.“

Federal Reserve bleibt vorsichtig

Die Notenbank reagiert zurückhaltend auf die neue Lage. Dallas-Fed-Präsidentin Lorie Logan äußerte sich „vorsichtig optimistisch“, dass die aktuelle Geldpolitik Inflation langfristig Richtung 2-Prozent-Ziel drückt. Vollständig überzeugt sei sie davon allerdings nicht.

„Es gibt viel Rückenwind durch eine unterstützende Fiskalpolitik, günstige Finanzbedingungen und starke Unternehmensinvestitionen in KI sowie robuste Konsumausgaben“, sagte Logan an der Columbia University. Die Gefahr bestehe, dass Nachfrage das Angebot übersteige und Inflation erhöht bleibe. Logan unterstützte die Entscheidung der Fed, die Zinsen Ende Januar im Bereich 3,50 bis 3,75 Prozent zu belassen.

Atlanta-Fed-Chef Raphael Bostic warnte vor voreiligen Zinssenkungen. Mit Wachstum von 2,2 Prozent im Gesamtjahr liege die Wirtschaft über ihrem Potenzial von etwa 1,8 Prozent, argumentierte er in Birmingham. „Das ist eine ziemlich starke Zahl, die hoch genug ist, um Sorgen über anhaltende Inflation zu wecken.“ Für 2026 erwartet Bostic eine Beschleunigung auf 2,4 Prozent – ein Argument für „prudente“ Geldpolitik mit weiterhin restriktiven Zinsen.

Die Märkte preisen dennoch mit knapp 50 Prozent Wahrscheinlichkeit eine Zinssenkung bis Juni ein, zeigen Daten des CME FedWatch Tool.

Gemischte Konjunktursignale

Neue Wirtschaftsdaten zeichnen ein ambivalentes Bild. Das BIP-Wachstum verlangsamte sich im vierten Quartal unerwartet stark auf 1,4 Prozent. Gleichzeitig beschleunigte sich die Inflation im Dezember. Besonders beunruhigend: Baugenehmigungen fielen um 1,6 Prozent – deutlich stärker als die prognostizierten -0,3 Prozent. Der Rückgang im Bausektor gilt als Frühindikator für konjunkturelle Abschwächung.

J.P. Morgan-Chefvolkswirt Michael Feroli hält es für plausibel, dass die Administration den durchschnittlichen effektiven Zollsatz unverändert lässt – aber mit erheblichen Verschiebungen zwischen Produkten und Ländern. „Dies würde eine substanzielle Neuausrichtung bedeuten und Gewinner wie Verlierer schaffen“, so Feroli. Die gestiegene handelspolitische Unsicherheit bleibe ein Gegenwind für Investitionen. Bemerkenswert: Außerhalb des Tech-Sektors schrumpften die Kapitalausgaben 2025 – außerhalb von Rezessionen eine Seltenheit.

Mohamed El-Erian, ehemaliger PIMCO-Chef, stellt die zentrale Frage: „Wer schuldet wem was?“ Diese Frage werde bald vor Gericht verhandelt. Zudem gebe es Unklarheit über die Entwicklung des Zollregimes, wenn die Administration mindestens drei alternative Rechtswege verfolge. Selbst bei gleich bleibenden Gesamteinnahmen könnten sich Belastungen für Unternehmen und Sektoren erheblich verschieben.

Glen Smith, Chief Investment Officer bei GDS Wealth Management, sieht in der Entscheidung einen möglichen Katalysator: „Das Supreme Court-Urteil beseitigt eine bedeutende Schicht von Unsicherheit – genau das, was der Markt braucht, um aus der engen Handelsspanne auszubrechen.“ Seit dem schnellsten Kursrückgang seit März 2020, ausgelöst durch Zollängste vor zehn Monaten, habe sich der Markt deutlich stabilisiert.

Ausblick: Unsicherheit bleibt

Trotz der Börsenrally ist die Lage komplex. Jeff Buchbinder von LPL Financial dämpft Erwartungen: „Wir würden einen kurzfristigen Anstieg verblassen lassen, weil die Trump-Administration schnell zu anderen rechtlichen Grundlagen wechseln wird, während die Defizite steigen.“ Sollten niedrigere Zölle jedoch die Inflation dämpfen, könnte dies Zinssenkungen noch 2026 ermöglichen.

Jamie Cox von Harris Financial Group sieht darin die zentrale Frage: „Die Supreme-Court-Entscheidung ebnet den Weg für beschleunigte Zinssenkungen, da Inflationserwartungen durch Zölle nun weniger relevant sind.“ Unklar bleibe, welche neue Rechtsbasis die Administration nutzen werde, um Zolleinnahmen zu sichern.

Gina Bolvin von Bolvin Wealth Management wertet das Urteil positiv: „Die gedämpfte Marktreaktion zeigt, dass vieles eingepreist war. Da IEEPA-Zölle etwa 60 Prozent der verhängten Zölle ausmachten, ist der wirtschaftliche Effekt begrenzt.“ Einzelhandelsaktien profitierten von Erwartungen niedrigerer Kostenbelastungen, während das Urteil Zinssenkungen wahrscheinlicher mache – „ein Gewinn für Unternehmen wie Verbraucher gleichermaßen.“

Die kommenden Monate werden zeigen, ob Trump seine angekündigten alternativen Zollwege tatsächlich durchsetzen kann – und wie Gerichte über die Rückzahlung von 175 Milliarden Dollar entscheiden.

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Mit über fünfzehn Jahren Erfahrung als Wirtschaftsjournalist hat sich Felix Baarz als Experte für internationale Finanzmärkte etabliert. Seine Leidenschaft gilt den Mechanismen globaler Finanzmärkte und komplexen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen, die er für seine Leserschaft verständlich aufbereitet.In Köln geboren und aufgewachsen, entdeckte er früh sein Interesse für Wirtschaftsthemen und internationale Entwicklungen. Nach seinem Studium startete er als Wirtschaftsredakteur bei einer renommierten deutschen Fachpublikation, bevor ihn sein Weg ins Ausland führte.Ein prägendes Kapitel seiner Karriere waren die sechs Jahre in New York, wo er direkten Einblick in die globale Finanzwelt erhielt. Die Berichterstattung von der Wall Street und über weltweite wirtschaftspolitische Entscheidungen schärfte seinen Blick für globale Zusammenhänge.Heute ist Felix Baarz als freier Journalist für führende Wirtschafts- und Finanzmedien im deutschsprachigen Raum tätig. Seine Arbeit zeichnet sich durch fundierte Recherchen und präzise Analysen aus. Er möchte nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch deren Bedeutung erklären und seinen Lesern Orientierung bieten – sei es zu wirtschaftlichen Trends, politischen Entscheidungen oder langfristigen Veränderungen in der Finanzwelt.Zusätzlich moderiert er Diskussionen und nimmt an Expertenrunden teil, um sein Wissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dabei liegt sein Fokus darauf, komplexe Themen informativ und inspirierend zu vermitteln. Felix Baarz versteht seine journalistische Aufgabe darin, in einer sich schnell wandelnden Welt einen klaren Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu ermöglichen und seine Leser bei fundierten Entscheidungen zu unterstützen – beruflich wie privat.