Die Finanzmärkte starteten mit einem Schock in die neue Woche: US-Präsident Donald Trump kündigte an, acht europäische Nationen mit Strafzöllen zu belegen, sollten die USA Grönland nicht erwerben dürfen. Ab dem 1. Februar sollen Waren aus Dänemark, Norwegen, Schweden, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Finnland und Großbritannien mit zusätzlichen 10% Zöllen belegt werden – steigend auf 25% ab dem 1. Juni, falls keine Einigung erzielt wird. Die Reaktion ließ nicht auf sich warten: Anleger flohen in sichere Häfen, während der Dollar unter Druck geriet.
Dollar schwächelt trotz Zolldrohungen
Die Marktreaktion fiel überraschend aus. Während man bei Zolldrohungen gegen Europa eigentlich eine Euro-Schwäche erwarten würde, traf es diesmal den Dollar. Der Euro legte um 0,26% auf 1,1628 Dollar zu, nachdem er zunächst auf den tiefsten Stand seit November gefallen war. Auch Yen und Schweizer Franken gewannen gegenüber dem Greenback an Boden. „Die Märkte preisen ein erhöhtes politisches Risiko für den US-Dollar ein“, erklärt Khoon Goh, Asien-Forschungschef bei ANZ. Die große Frage sei nun, wie hart Europa zurückschlage.
Gold erreichte ein neues Rekordhoch von 4.689,39 Dollar je Unze – ein Plus von über 1% am Montag. Das Edelmetall verzeichnet im Januar bereits einen Anstieg von fast 8%, nachdem es 2025 um beeindruckende 64% zugelegt hatte. Bitcoin als risikosensitiver Vermögenswert verlor hingegen knapp 3% und fiel auf 92.602 Dollar.
Europas unerwartete Härte
Die EU-Staaten reagierten geschlossen auf Trumps Ultimatum und bezeichneten die Drohungen als Erpressung. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron treibt die Aktivierung des „Anti-Coercion Instrument“ voran – ein bislang ungenutztes Werkzeug, das den Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen, Investitionen oder Bankgeschäften einschränken könnte. Besonders brisant: Der Handel mit Dienstleistungen, bei dem die USA einen Überschuss mit der EU erzielen, könnte ins Visier geraten.
„Es ist eine Waffennutzung von Kapital statt Handelsströmen, die bei weitem am disruptivsten für die Märkte wäre“, warnt George Saravelos, globaler FX-Chef bei der Deutschen Bank. Europäer halten US-Anleihen und Aktien im Wert von 8 Billionen Dollar – fast doppelt so viel wie der Rest der Welt zusammen. Eine Kapitalflucht aus US-Assets könnte die überbewerteten Tech-Titel unter Druck setzen.
Wirtschaftliche Folgen überschaubar – politische explosiv
Capital Economics schätzt, dass ein 10%-Zoll das BIP in Großbritannien und Deutschland um etwa 0,1% reduzieren könnte, bei 25% wären es 0,2-0,3%. Die wirtschaftlichen Auswirkungen bleiben also begrenzt. Doch die geopolitischen Konsequenzen könnten verheerend sein. „Jeder Versuch der USA, Grönland gewaltsam zu übernehmen oder Dänemark zur Abtretung zu zwingen, würde einen Keil durch die transatlantischen Beziehungen treiben und der NATO möglicherweise irreparablen Schaden zufügen“, so Neil Shearing von Capital Economics.
Europäische Aktien notieren nahe Rekordhochs – Deutschlands DAX und Londons FTSE legten im Januar über 3% zu und übertrafen damit den S&P 500 mit 1,3%. Verteidigungsaktien profitierten besonders: Sie sprangen im Januar um fast 15%, befeuert durch geopolitische Spannungen. Am Montag fielen die Futures für EUROSTOXX 50 und DAX jedoch um jeweils 1,1%.
China trotzt Gegenwind mit Export-Offensive
Während Trump neue Handelsfronten eröffnet, meldete China überraschend solide Wirtschaftsdaten. Das BIP wuchs im vierten Quartal um 4,5% im Jahresvergleich – leicht über den erwarteten 4,4% – und erreichte für das Gesamtjahr 2025 exakt das Regierungsziel von 5%. Doch ein genauerer Blick offenbart Schwächen: Das Wachstum war das langsamste seit drei Jahren, und der Aufschwung stützte sich fast ausschließlich auf Exporte.
China erzielte 2025 einen Rekordhandelsüberschuss von knapp 1,2 Billionen Dollar, angetrieben durch boomende Ausfuhren in Nicht-US-Märkte. Exporteure diversifizierten erfolgreich, um Trumps Zölle von etwa 50% zu umgehen. Doch die Abhängigkeit von externer Nachfrage unterstreicht die Verwundbarkeit der zweitgrößten Volkswirtschaft. Die Einzelhandelsumsätze wuchsen im Dezember nur noch um 0,9% – schwächer als erwartet und langsamer als im November. Anlageinvestitionen schrumpften 2025 um 3,8%, der erste Jahresrückgang seit 1989.
„China hat 5% Wachstum erreicht, aber es war nicht breit gefächert“, kommentiert Charu Chanana von Saxo. „Exporte und Fertigung trugen die Last, während Immobilien und Teile der Binnennachfrage schwach blieben.“ Die Verlangsamung im vierten Quartal signalisiert, dass China 2026 mit nachlassendem Momentum startet, nicht mit neuem Aufschwung.
Peking vor strukturellen Herausforderungen
Der private Konsum macht in China weniger als 40% der Wirtschaftsleistung aus – rund 20 Prozentpunkte unter dem globalen Durchschnitt. Weltbank und IWF drängen seit langem auf eine Verlagerung zu konsumgetriebenem Wachstum. Doch fallende Immobilienpreise haben das Haushaltsvermögen erodiert, und die anhaltende Immobilienkrise dämpft das Verbrauchervertrauen. Chinas BIP-Deflator blieb seit 2023 negativ – ein Zeichen für anhaltenden Angebotsüberschuss und schwache Nachfrage.
Die Zentralbank kündigte vergangene Woche Zinssenkungen für spezifische Sektoren an und hielt die Tür für weitere Leitzinssenkungen offen. Für 2026 prognostizieren Analysten ein Wachstum von 4,5%, was den Druck auf Peking erhöht, strukturelle Schwächen anzugehen. Trump hat bereits gedroht, 25%-Zölle auf Länder zu verhängen, die mit dem Iran handeln – eine weitere potenzielle Belastung.
Globale Unsicherheit als neues Normal
Das World Economic Forum identifizierte in seiner jüngsten Risikowahrnehmungsumfrage wirtschaftliche Konfrontation zwischen Nationen als Hauptsorge – erstmals vor bewaffneten Konflikten. Trumps Agenda umfasst nicht nur Handelskonflikte: Er erwägt Interventionen bei Unruhen im Iran, und seine Drohung, Fed-Chef Jerome Powell anzuklagen, schürt Sorgen um die Unabhängigkeit der Zentralbank.
„Die Verbindung von Zöllen mit Geopolitik fühlt sich weniger nach Handelsverhandlung an“, sagt Chanana von Saxo. „Die unbequeme Wahrheit für Märkte ist, dass dies die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Zölle zu einem Werkzeug für Nicht-Handelskonflikte werden. Das ist schwerer zu bewerten und erfordert möglicherweise eine klebrigere Risikoprämie.“
Während die US-Märkte wegen des Martin Luther King Jr. Day geschlossen blieben, zeigten US-Futures ein Minus von 0,7%. Die verzögerte Reaktion der Wall Street dürfte spannend werden. Anleger haben gelernt, dass Trumps Zolldrohungen oft verwässert oder verzögert werden – doch diesmal könnte es anders sein. Das NATO-Bündnis, jahrzehntelang Eckpfeiler westlicher Sicherheit, steht plötzlich zur Disposition. Kein Wunder also, dass selbst abgebrühte Investoren nervös reagieren.


